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BeitragVerfasst: 2012-07-03, 22:46  Beitrag #1/4     Titel:  Erika Lust: Feminist Porn Award  Nach untenNach oben

Erika Lust erobert feministische Pornos

http://www.vice.com/de/read/stuff-e....pornos/?utm_source=vicefb

Die in Stockholm geborene Erika Lust ist Filmemacherin und hat eine beeindruckende Ausbildung in Politikwissenschaften und Feminismus an der Universität von Lund absolviert. Nun lebt sie in Barcelona und setzt ihr Wissen ein, um ihre Firma Lust Films in der Welt der von Frauen geschriebenen und produzierten Pornos zu promoten.

Wir trafen Erika in der Lobby ihres Hotels am Times Square, als sie gerade hier war, um ihren dritten Movie of the Year Award bei den Feminist Porn Awards 2012 abzuholen, und zwar für ihre jüngstes Werk Cabaret Desire. In den ersten fünf Minuten unseres Treffens haben wir eigentlich nur Witze über den Times Square gemacht. Den Rest der Zeit verbrachten wir damit, uns darüber auszutauschen, welche widerlichen Pornos wir gesehen haben, und darüber, wie sie sich vorgenommen hat, dem ein Ende zu setzen, oder wenigstens eine attraktivere Alternative zu bieten.

VICE: Wie bist du dazu gekommen, Pornofilme zu machen?
Erika Lust: Ich musste irgendwie meinen Lebensunterhalt verdienen und habe viele Freunde, die bei Film und Fernsehen arbeiten. Wir haben damit angefangen, dass ich ganz simple Aufgaben erledigt habe, ich war Runner, habe Leute vom Flughafen abgeholt, solche Sachen. Das habe ich einige Jahre gemacht, bekam immer mehr Ahnung und wurde dann Produktionsassistentin.
Ich war eine zu gute Studentin und um 2004 habe ich gemerkt, dass ich noch mehr über die technischen und künstlerischen Aspekte des Films lernen möchte, also besuchte ich einige Abendkurse. Schließlich bekam ich die Möglichkeit, einen Kurzfilm zu drehen, fühlte mich aber verloren und wusste gar nicht, was ich tun sollte. Zwei der Dinge, die mir schon immer am Herzen lagen, waren Feminismus und Sexualität. Ich habe sie also kombiniert und mich entschieden, einen expliziten Film zu machen. Einen Pornofilm, aber aus der Sicht einer Frau.

Die meisten Pornos sind echt grauenhaft.
Ja! Als ich meine erste "Einführung in Pornos" hatte - denn genau so etwas war es, als mein Freund mit DVDs und dieser "Also los"-Einstellung vorbeikam - hatte ich immer das Gefühl, dass mein Körper auf diese Bilder reagiert, ich es aber nicht wirklich mag. Es gab eine große Diskrepanz zwischen dem, was ich physisch gefühlt habe, und dem, was ich emotional und intellektuell wahrgenommen habe.

Glaubst du, dass eine Zeit kommen wird, in der der Genuss von Pornos kein Tabu mehr darstellt?
Das kann man nicht wissen, schließlich öffnet und schließt sich die Öffentlichkeit plötzlich und unvorhersehbar. Ich habe aber das Gefühl, dass wir uns zwei bis drei Schritte vor und auch vielleicht einen zurück bewegen. Ich sehe eine Gruppe von Menschen, die intelligent und offen ist und damit beginnt, Pornografie als etwas Gutes zu akzeptieren, als etwas, das auf zunehmend natürliche Weise Teil unserer Sexualität sein kann. Aber bei den Massen ist das natürlich nicht angekommen.

Wenn du einen Film machst, welche Aspekte gestaltest du mit? Alles vom Setdesign bis zum Casting?
Alles. Ich bin die Oberchefin. (Lacht) Meine Filme haben eine Vergangenheit und eine Zukunft. Ich erzähle wirklich, wer diese Menschen sind und warum sie für einander Gefühle haben. Die meisten Filme beginnen einfach so. Da ist ein Sofa und dann geht's los. Ich weiß nicht, ob das nur bei Frauen so ist, wir sind ja alles Individuen, wenn es um Sexualität geht, aber für mich ist es sehr schwierig, geil zu werden, wenn ich nicht weiß, was eigentlich los ist. Ich habe überall meine Finger im Spiel. Ich denke mir die Geschichte, die ich erzählen möchte, aus, ich schreibe das Drehbuch, mache das Casting, alles. Filmemachen fühlt sich wie eine Schwangerschaft an. Es ist ein neunmonatiger Prozess, einen Film so hinzukriegen, wie ich ihn haben will.

Erzähl mal was über das Casten. Wie ist das?
Ich versuche, den Pornoaspekt von den Darstellern fernzuhalten, weil es eine ganz andere Sache ist. Wenn sie schon vorher Pornos gedreht haben, dann machen sie gleich die ganzen Posen. Ich sage ihnen, dass sie so Sex haben sollen, wie sie es im echten Leben tun, weil nicht mal Pornostars im echten Leben so vögeln wie Pornostars. Bei Pornos ist merkwürdig, dass man die Menschen auseinander halten muss, um alles sehen zu können. Im echten Leben würde dich das nicht befriedigen, weil im echten Leben die Befriedigung von Intimität kommt und von der Möglichkeit, die Haut des Anderen zu fühlen. Also versuche ich in meinen Filmen, die Leute dazu zu bekommen, echten Sex zu haben, und dann ist es meine Aufgabe, herumzugehen und die richtigen Winkel zu finden.

Die meisten Leute, außer sie sind im Kino oder so, sehen sich einen Porno nur für ca. 5 Minuten an. Ist das der Grund dafür, dass du Cabaret Desire in Handlungsabschnitten gestaltet hast, die getrennt gesehen werden können.
Ja, genauso ist es. Wenn man den Kick sucht, den Pornografie einem geben kann, ist es meistens ein Kick der innerhalb von 20 Minuten passiert. Ich finde es sehr schwierig, einen eineinhalb Stunden langen Film zu machen, der einfach weiter und weiter und weiter geht. Ich sehe mir auch sehr viele Mainstream- und Independent-Filme an und finde einfach oft, dass sie zu lang sind. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass die Gesellschaft immer schneller wird und daran, dass wir einfach nicht mehr genug Zeit haben, aber Filme wie Mission Impossible scheinen mir endlos. Also denke ich, dass man im Film, in allen Genres, die Formate ein bisschen überdenken muss.

Erzähl mir von dem Award, wegen dem du hier bist.
Film des Jahres! Und es ist mein drittes Mal. Die Feminist Porn Awards wurden ins Leben gerufen, um zu zeigen, dass es auch andere Arten von Pornos gibt, weil sie sehr wenig sichtbar sind. Das ist auch der Hauptgrund dafür, dass es für mich so toll ist, diese Awards zu gewinnen und eine Chance zu bekommen, das nach außen tragen zu können, weil Menschen gar nicht wissen, dass solche Filme existieren.

Warum sind Pornos wichtig?
Sie sind wichtig, weil sie Bestandteil unserer Gesellschaft sind. So sehr die Menschen sich auch dagegen sträuben, Pornos als Teil unserer Kultur zu akzeptieren, sie sind es! Genauso ist ja auch Werbung Teil unserer Kultur, weil sie überall ist und uns beeinflusst. Vor allem ist es aber für die Jugend wichtig, weil sie eigentlich keine sexuelle Bildung genießt. Wir zeigen die grundlegenden Sachen, zum Beispiel, dass man, wenn man Sex hat, auch schwanger werden oder Geschlechtskrankheiten bekommen kann, wir zeigen nicht, WIE man Sex macht.

Wie gehst du mit diesen Furz-Geräuschen um, die manchmal entstehen, wenn Leute Sex haben? Wie schneidest du die raus?
(Lacht) Ich versuche nicht, da irgendwie zu mauscheln. Ich behalte es drin. Alles. Ich will die Dinge so natürlich wie möglich belassen.

Mehr über Erika und Lust Films gibt es hier


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Verfasst: 2012-07-03, 22:46  Beitrag #     Titel:  Nach untenNach oben

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BeitragVerfasst: 2012-07-11, 21:21  Beitrag #2/4     Titel:  Pornos für Frauen  Nach untenNach oben

Petra Joy gilt als "Frontfrau" des weiblichen Pornos. Im Interview erklärt die Filmproduzentin, wie Sexfilme für Frauen funktionieren und warum der SM-Bestseller "Shades of Grey" keine pornografische Literatur ist - sondern eine antifeministische Mogelpackung.

Macho-Phantasien und allzeit bereite Blowjobberinnen sucht man in ihren Drehbüchern vergebens: Petra Joy gilt als "Frontfrau" einer Form des Pornos, die speziell Frauen ansprechen soll. Porno ist für die Filmproduzentin eine politische Angelegenheit, ihre Filme, in denen die weibliche Lust im Vordergrund steht, wurden bereits mehrfach ausgezeichnet. In ihrem autobiografischen Buch "Die Pornografin" beschreibt die in Brighton lebende Filmemacherin und Autorin ihre Erlebnisse in einer von Männern dominierten Branche. Eine Branche, die inzwischen immer mehr von Frauen und ihren Bedürfnissen mitbestimmt wird. Dass der SM-Bestseller "Shades of Grey" dabei den Frauen einen guten Dienst erweist, glaubt die Joy nicht. Ihrer Meinung nach handelt es sich keineswegs um einen pornografischen Roman für Frauen. Sondern um eine genial vermarktete Mogelpackung.

Süddeutsche.de: Acrylnägel, Silikonbrüste, eine willige Frau geht in die Knie, ein Mann ejakuliert - Ziel erreicht. Machen solche Pornos Frauen an?

Petra Joy: Geschmäcker sind verschieden. Es gibt sicher Frauen, die Mainstream-Pornos gucken und denen meine Filme zu soft sind. Wichtiger ist aber, dass wir die Wahl haben: Hauptsache, es gibt überhaupt Filme, die Frauen anmachen.

Süddeutsche.de: Langweilen sich Männer nicht ebenfalls bei den immer gleichen Szenen, Stellungen und vorgespielten Orgasmen?

Joy: Durchaus. Ich habe Mails von Männern bekommen, die sagen, sie können mit diesen "Rammelpornos" nichts anfangen. Es macht ihnen keinen Spaß, Filme zu sehen, in denen Frauen wie Dreck behandelt werden. Diese Männer stehen auf Filme, die zeigen, wie Frauen ticken und worauf sie stehen. Das kapiert die Pornoindustrie aber nicht und produziert weiter Billigprodukte nach der 08/15-Formel.

Süddeutsche.de: Sie waren während der 80er Jahre in der deutschen Anti-Porno-Bewegung aktiv. Was genau hat Sie an konventionellen Pornos gestört?

Joy: Dasselbe, was mich heute daran stört: Ich bin noch immer gegen Pornos, die Männer auf Schwänze und Frauen auf Löcher reduzieren oder Gewalt gegen Frauen verherrlichen. Heute reicht es mir nicht mehr, nur gegen etwas zu sein, ich möchte Alternativen schaffen. Ich finde, als Frau hat man ein Recht auf diese Filme. Ich bin ein visueller Mensch und habe kein Problem mit explizitem Erotikmaterial. Frauen haben ein riesiges Nachholbedürfnis, warum sollen wir dieses Genre also den Männern überlassen?

Süddeutsche.de: Sind Drehbücher nach männlichen Maßstäben automatisch frauenfeindlich?

Joy: Sie sind oft menschenfeindlich. Niemand wird mit Respekt behandelt, auch Männer nicht. Es ist generell ein sehr liebloser Umgang. So richtig kommt da keiner auf seine Kosten. Deshalb ist mir Rollenspiel so wichtig. Der Mann will auch mal Sexobjekt sein und verführt werden.

Süddeutsche.de: Heute produzieren Sie selber Pornos, in erster Linie für ein weibliches Publikum. In Ihren Filmen zeigen Sie, wie Frauen verwöhnt werden. Ist es das, was Frauen wollen?

Joy: Sie wollen ihre Lust feiern. Sie wollen sehen, wie eine Frau verwöhnt wird und das bekommt, was sie will. In meinen Filmen ist die Frau die Heldin. Frauen genießen es auch, Männer als "Lustobjekt" zu beobachten und bisexuellen Männern beim Sex zuzusehen. Bisher mussten wir dazu Schwulen-Videos gucken, heute zeigen wir zum Beispiel, wie ein Heteromann masturbiert. Das ist aber nur eine von vielen Möglichkeiten. Da gibt es sehr viel nachzuholen.

Süddeutsche.de: Woher kennen Sie die Wünsche der Frauen so genau?

Joy: Ich bekomme viele Mails mit Anregungen von Zuschauerinnen. Meine Darstellerinnen leben vor der Kamera ihre Phantasien aus. Natürlich spreche ich auch mit Freundinnen über Sex, lese entsprechende Literatur und spreche mit Frauen aus aller Welt. Die weibliche Sexualität schillert in allen Farben, von Blümchensex über Fetisch ist alles dabei.

Süddeutsche.de: Ihre Filme "Female Fantasies" oder "Her Porn" zeigen Sequenzen oder Kurzfilme ohne Rahmenhandlung. Brauchen Frauen also doch kein anspruchsvolles Drehbuch?

Joy: Viele Zuschauerinnen brauchen nicht unbedingt Romantik oder eine kompliziert konstruierte Handlung. Sie wollen nur verstehen, warum er hart und sie feucht wird, wollen nachvollziehen, warum er auf sie steht. Dazu ist kein Dialog nötig, nur eine Story, die die "Erregungskurve" wiedergibt. Sicher wollen manche Frauen eine Handlung. Es ist jedoch schwierig, gute Schauspieler zu finden, die glaubwürdig miteinander kommunizieren und dann auch noch explizite Sexhandlungen zeigen. Dialoge, die hingegen von Amateuren gespielt werden, nerven nur. Vor allem, wenn sie merkwürdig synchronisiert sind.

Süddeutsche.de: Soeben ist Ihr Buch "Die Pornografin" erschienen, in dem Sie Einblick in Ihre Arbeit als Filmproduzentin geben. In den USA steht seit Wochen der SM-Roman "Shades of Grey" (Auf deutsch: "Geheimes Verlangen") von E.L. James auf Platz eins der Bestsellerlisten. Liegt Porno im Trend, ist er die neue Erfolgsgarantie?

Joy: Es kommt darauf an. "Die Pornografin" ist ein sehr persönliches, eher autobiografisches Werk. Im Grunde geht es um Schwesternschaft, den Zusammenhalt der Frauen innerhalb der Porno-Industrie. Ich habe das Buch geschrieben, um andere Frauen zu motivieren, konsequent und unerschrocken ihren Weg zu gehen. Im Gegensatz zu "Shades of Grey" ist mein Buch wahrscheinlich nicht kommerziell genug, um zum Bestseller zu werden. Abgesehen davon würde ich diesen Roman nicht als pornografisch bezeichnen - ich finde, es ist wenig Sex in dem Buch. Die meisten Szenen sind absoluter Blümchensex und haben mich unendlich gelangweilt.

Süddeutsche.de: Die Erniedrigung der Frau in konventionellen Hardcore-Pornos stößt viele Frauen ab. In dem Roman "Shades of Grey" unterwirft sich eine sexuell unerfahrene Studentin ganz bewusst einem sadomasochistisch veranlagten Unternehmer. Ist das nicht auch eine Art Unterdrückung?

Joy: Der wesentliche Punkt beim SM-Sex ist: Der oder die Devote hat die Power. In diesem Fall genießt es die Frau, die Verantwortung aufzugeben, setzt aber zugleich die Grenzen. Zum Beispiel durch ein abgesprochenes Safeword, wie es im Roman der Fall ist. Der Unterschied zwischen Unterwerfung und Unterdrückung, etwa durch Missbrauch ist: Beim Missbrauch werden die Grenzen des Opfers nicht anerkannt. Es geht darum, dem anderen Gewalt anzutun, um Schmerzen, nicht Lust, zu bereiten. Das eine ist ein temporäres Rollenspiel, bei dem es um die Befriedigung beider geht. Bei Missbrauch geht es nicht um sexuelle Befriedigung, sondern um die Unterwerfung und Verletzung des Opfers.

Süddeutsche.de: Wie erklären Sie sich, dass dieses Buch so einen Erfolg bei der weiblichen Leserschaft hat?

Joy: Dieser Roman ist ein romantisches Märchen, ein absolutes Mainstreamprodukt, das weder authentischen SM-Sex noch Porno beinhaltet. Der Inhalt wurde weißgewaschen und von Verlegern bestimmt. Und das funktioniert: Einerseits setzt der Verlag darauf, dass sich Porno für Frauen gut verkauft. Andererseits sind die Inhalte so soft, dass das Buch in jedem Supermarktregal stehen kann - weil es sich im Grunde um eine traditionelle Liebesgeschichte handelt. Die Frau ist nicht autark und sexuell selbstbestimmt, und sie hat nur SM-Sex mit dem Mann (der sie entjungfert), weil Sie ihn liebt und hofft, ihn zu ändern. Wäre sie nicht so unerfahren und könnte Sex von Liebe trennen, wäre das Buch nicht überall zu haben. Ich halte den Roman für eine Mogelpackung mit verwässerten Inhalten und einer guten Marketingstrategie.

Süddeutsche.de: Der Erfolg des Romans basiert auf einem Versprechen, das viele Leserinnen reizt. Träumen Frauen davon, dominiert zu werden?

Joy: Machtspiele sind immer spannend, für Männer wie für Frauen. Viele Frauen träumen auch davon, zu dominieren, manche switchen gerne. Insofern halte ich es für einen Trugschluss, aufgrund der Verkaufszahlen auf eine bestimmte Vorliebe zu schließen. Viele Frauen haben derzeit einfach Lust auf Porno. Die meisten haben sich das Buch nicht wegen des SM-Inhaltes gekauft, sondern weil es hieß: Porno für Frauen - und sind nun enttäuscht davon. Sie hätten das gerne sehr explizierter, sehr viel härter gehabt und wollten nicht erst 230 Seiten lesen, bis mal was passiert.

Süddeutsche.de: Also kein Buch, das der weiblichen Befreiung dient?

Joy: Im Gegenteil: ein extrem rückständiges, antifeministisches Buch. Die Figur des jungen Unternehmers, der als Kind missbraucht wurde und jetzt nur SM-Sex praktizieren will, unterstützt eine höchst konservative These: dass alle Menschen, die mit SM-Sex experimentieren, irgendwie psychisch geschädigt sind. Schockierend daran finde ich nicht den soften SM-Sex, sondern das unreflektierte Wiederkäuen veralteter Rollenklischees. Ich kenne viele Frauen, die gern mit SM-Sex experimentieren, viele mögen Porno und hätten es gerne härter. Aber ich kenne keine, die diese Geschichte auch nur im Entferntesten heiß findet - die lachen darüber.

Süddeutsche.de: Gibt es generell einen Trend zu BDSN-Praktiken (Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism)?

Joy: Ich sehe keine Zunahme von SM-Trends. Was zunimmt, ist die Lust am Rollenspiel, dazu braucht man keine Fesseln, das findet im Kopf statt.

Süddeutsche.de: Das dürfte Ihre Zielgruppe erfreuen. Sie sagen von sich, sie machen Pornos für Menschen, deren wichtigstes Sexorgan zwischen den Ohren und nicht zwischen den Beinen sitzt.

Joy: Ich glaube, dass die meisten Menschen ihr Sexualorgan zwischen den Ohren haben. Gute Pornos machen immer erst im Kopf an, es kommt schließlich keine Hand aus dem Fernseher.

Süddeutsche.de: Kann Porno also mehr als nur anturnen?

Joy: Porno ist politisch, und es ist kulturell extrem relevant, was gerade passiert. Die Sexindustrie erlebt eine weibliche Revolution. Immer mehr Frauen drehen Pornos, entwerfen Spielzeug oder führen Sexshops. Das finde ich spannend und ich bin stolz, Teil dieser Bewegung zu sein. Denn was im Schlafzimmer passiert, ist ein Indikator für das Verhältnis der Geschlechter zueinander. Und es hat Auswirkungen auf unsere Beziehungen. Wenn nur immer wieder ein Geschlecht gewinnt, verlieren im Grunde beide. Wenn Männer und Frauen bekommen, was sie wollen, werden wir bessere Beziehungen und besseren Sex haben. Deshalb begrüße ich es, dass Frauen Sexromane schreiben. Ich finde es nur schade, wenn ein Buch diesen Zweck nicht erfüllt - und sich dennoch millionenfach verkauft.

http://www.sueddeutsche.de/leben/po....s-gerne-haerter-1.1409681

http://www.randomhouse.de/Taschenbu....ust/Petra-Joy/e382199.rhd

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BeitragVerfasst: 2012-07-14, 23:03  Beitrag #3/4     Titel:  Interview mit einem Teenager Pornostar  Nach untenNach oben

http://www.vice.com/de/read/intervi....rnstar/?utm_source=vicefb

von Ingrid Kesa

Obwohl ich Pornografie ekelhaft finde und euch das Argument, dass es für Frauen bestärkend sein soll, nicht abkaufe, kann ich nicht aufhören, Jessie Andrews' Blog zu lesen. Sie wirkt einfach so normal. Wenn du ihre Posts darüber liest, was sie zum Frühstück gegessen hat oder wie sie beim Einkaufen war, vergisst du fast, dass du schon gesehen hast, wie sie gewürgt und gleichzeitig gefickt wurde, während sie weinte. Ich habe mich mit dem 19-jährigen amerikanischen Porno/Social Media-Star in Verbindung gesetzt, um mit ihr über's Verliebtsein, wie man sich in seiner eigenen Haut wohl fühlt und - natürlich - Sex zu sprechen.

VICE: Hey, Jessie! Ich nehme an, das ist ein Künstlername. Wo kommt der her?

Jessie Andrews: Jessie war der Name des Hundes meiner Mutter und Andrews war die Straße, auf der ich gefahren bin, als ich einen Nachnamen aussuchen musste.

Du bist mit 18 ins Pornogeschäft gekommen. Wie ist das passiert?

Meine Freundin war als Komparsin in einem Film und sie hat mir gesagt, wie viel Geld sie dafür bekommen hat, ihre Brüste zu zeigen. Ich war sofort interessiert, weil mich Geld motiviert. Ich habe keine Angst, was Leute von mir denken, ich habe gesunden Menschenverstand. Ich habe nie Drogen genommen und gegen Alkohol bin ich allergisch, deshalb weiß ich, dass ich in dieser Industrie am längeren Hebel sitze und erfolgreich bin.

Du rauchst nicht mal Gras?

Nope.

Das müssen deine Eltern ja toll finden. Wissen sie, was du beruflich machst?

Ja, meine ganze Familie weiß es.

Und die haben kein Problem damit?


Sie haben mir gesagt, dass sie mich lieben, egal was kommt. Sie wollen einfach, dass ich glücklich bin.

Das ist süß, aber findest du es nicht irgendwie gruselig, dass dein Vater deinen Namen googeln und dich dann, äh... bei der Arbeit sehen könnte?

Gott sei dank weiß er nicht mal, wie man eine E-Mail schreibt!!! Aber das stimmt, das wäre echt seltsam.

Reden wir über deine Arbeit. Ist es härter oder leichter, als es aussieht, Pornos zu machen?

Es ist auf jeden Fall härter. Die Typen haben zwei Jobs: hart zu bleiben und auf Kommando zu kommen. Ich kann "sportficken" - ich liege nicht einfach nur da. Ich kann einen Typen in jeder Position ficken und er muss sich nicht mal bewegen. Viel Spucke, Leidenschaft, mit der Kamera reden können, wissen, wie man netzwerkt, keine Tattoos, Natürlichkeit, zu wissen, wie man posiert und Bescheidenheit sind alles Qualitäten, die man braucht. Ich bin hier, um lebensverändernden Sex zu haben und dabei Geld zu machen.

Was sind die besten und schlechtesten Sachen in deinem Job?

Das beste ist es, in der Lage zu sein, jemanden vorübergehend zu lieben, ihn zu ficken und nie eine Beziehung mit ihm einzugehen. Ich fühle mich wie eine männliche Schlampe! Das schlimmste ist es, dass man sich keinen Urlaub nehmen kann, weil man immer für die Arbeit verfügbar sein muss.

Hast du in der Branche schon Freunde gefunden?

Ich habe ein paar gute Freunde in meiner Agentur, die Spiegler Girls, aber normalerweise häng ich nicht mit Leuten aus der Industrie rum. Ich glaube, das hält mich auf dem Boden.

Was denken deine Freunde, die nicht im Porno-Geschäft sind, über deine Karriere?

Ich weiß es nicht genau. Sie behandeln mich wie jeden anderen auch.

Wie sieht es mit deiner besten Freundin aus? Wie ist sie so und was macht ihr zusammen?

Meine beste Freundin lebt in Miami. Ich habe da 18 Jahren lang gelebt. Sie heißt Viviana und wenn ich sie besuche, dann tanzen wir, gucken Filme, essen viel spanisches Essen, plaudern über Neuigkeiten und sind einfach wir selbst. Es ist schön, wenn man jemanden hat, der genau weiß, was man denkt, bevor man es überhaupt gesagt hat.

Ich denke, dass die Mädchen ziemlich schroff miteinander umgehen.

Ich auch, aber ich nenne keine Namen. Das ist respektlos.

Du bist wirklich hübsch und wirkst selbstbewusst. Glaubst du, dass du andere Mädchen einschüchterst?

Ja! Das ist seltsam, weil ich nicht denke, dass ich hübsch bin. Vielleicht machen mich meine Attribute attraktiv.

An manchen Tagen hasse ich es, zur Arbeit gehen zu müssen. Es muss eine Herausforderung sein, so tun zu müssen, als ob es dir richtig gefällt, gefickt zu werden, selbst wenn du dich nicht so gut fühlst.

Ich habe noch nie einen Dreh verpasst, noch nie einen platzen lassen und ich bin immer pünktlich. Außer ich bin todkrank, dann hab ich mein Pokerface auf, egal, was kommt.

Ist es komisch, mit Leuten Sex zu haben, die so viel älter sind als du?

Ich bin erst 19, also wäre es illegal, Sex mit Leuten zu haben, die noch jünger sind.

Wie ist es, mit normalen Typen Sex zu haben, nachdem du Sex mit Leuten hattest, die damit ihren Lebensunterhalt verdienen?

Es ist schwer, aber wenn du jemanden wirklich magst, ist der Sex genauso gut.

Dir müssen scharenweise Jungs nachlaufen. Was ist dir bei einem Typen wichtig?

Auf keinen Fall! Ich werde im wahren Leben nie angemacht. Ich habe immer meine Mutter gefragt, warum die Jungs mich nicht mögen. Sie sagte, das käme daher, dass sie eingeschüchtert sind. Ich habe zu viel Standards, um überhaupt nach einem Typen zu suchen.

Du hast also keinen Schwarm?

Ich wünschte, ich hätte einen. Dann wär's viel einfacher, zu masturbieren.

Kannst du im Porno-Geschäft sein und einen Freund haben?

Ich glaube, es ist möglich. Selbst Ehen sind möglich und ich bin mir sicher, dass die ziemlich kompliziert sind.

Willst du mal Kinder?

Nicht wirklich.

Wie sieht ein normaler Tag bei dir aus?

Ich wache auf, tweete Guten Morgen, denke drüber nach, was ich machen muss, und wenn ich keinen Dreh habe, dann mache ich Bilder und poste sie, hol mir was von Starbucks, ziehe Klamotten an, poste mehr Bilder, tweete, esse, gehe ins Einkaufszentrum, übe mit meinem Hula-Hoop-Reifen, tweete, poste Bilder, bin in sozialen Netzwerken unterwegs, arbeite an Musik, esse, poste mehr Bilder, dusche, dann tweete ich Gute Nacht. Ich bin ziemlich einfach.

Machst du Party?

Nicht wirklich. Ich bleibe gern daheim. Ich bin ein Loser.

Wie gehst du damit um, wenn du dich traurig oder einsam fühlst?

Ich glaube nicht, dass mich irgendwer schon mal sauer gesehen hat. Ich bin total passiv, ich ignoriere manche Dinge einfach und ich bin niemals einsam, weil ich das Internet habe.

Hast du schon mal ein Mädchen geküsst, bevor du Pornos gedreht hast?

Oh ja! Das war die einzige Sache, die ich in der High School gemacht habe, um die Aufmerksamkeit von Jungs zu kriegen.

Wie war es, deine Jungfräulichkeit zu verlieren?

Wie eine typische klischeehafte High School-Story.

Was hältst du von falschen Brüsten?

Ich liebe meine Brüste und ich bin dankbar, dass ich sie habe. Aber in ferner Zukunft werde ich mir vielleicht ein paar neue gönnen.

Welchen Rat würdest du Mädels in deinem Alter geben, damit sie sich in ihrer Haut wohl fühlen?

Du bist noch jung und dein Körper wird sich verändern, wenn du älter wirst. Schau mich an, meine Brüste wachsen jeden Tag, mein Gesicht dünnt aus und mein Babyspeck löst sich langsam auf. Ich frage mich, wie ich nächste Woche aussehe.

Ich geh davon aus, dass du noch immer toll aussiehst. Hey, ich hab mich total in die Handlung von deinem neuen Film Portrait of a Call Girl mit rein ziehen lassen und ich mochte, dass er mit einem Zitat von Jean-Paul Sartre anfängt, das war so unerwartet. Wie waren die Dreharbeiten?

Die waren super. Alle bei Elegant Angel, von den Regisseuren bis hin zu den Visagisten und den Rezeptionisten, sind aufrichtige und tolle Menschen. Es ist meine Lieblingsfirma, deshalb war es so ein Spaß und eine Ehre, diesen Film zu drehen. Ich habe geweint, einen Spiegel geschlagen, mich selbst auch, bin in der Wüste rumgelaufen, habe noch mehr geweint. Der Film hat meine schauspielerischen Fähigkeiten wirklich voran gebracht und darauf bin ich sehr stolz.

Ich schaue mir nicht wirklich Pornos an. Einmal sind eine Freundin und ich zu einem Typen mit nach Hause gegangen und er hat Edward Penis Hands rein gemacht, aber wir haben gekniffen. Kannst du mir etwas empfehlen - vielleicht etwas mit einem guten Plot oder schöner Kameraführung?

Portrait of a Call Girl natürlich. Digital Playground macht eine Menge hochwertiger Filme, New Sensations hat eine Romantik-Reihe und die Parodien haben auch echt was. Wer will keine Simpsons-Pornos sehen?

Cool, danke!


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BeitragVerfasst: 2013-01-01, 01:34  Beitrag #4/4     Titel:  Feministisch Ficken  Nach untenNach oben

Ein Tag am Pornoset von »Cabaret Desire«

Feministisch Ficken

12.03.2012, 10:00
Text: Verena Reygers

Porno, ist das überhaupt was für Frauen? Die Regisseurin Erika Lust sagt »Ja!«. Ihre Filme dreht sie für all jene, die herkömmliche Pornos abturnen. Der Schwedin geht es dabei nicht nur um Orgasmen, sondern die Partizipation von Frauen am Porn-Biz, von der Produktion über die Regie bis zum Schnitt. Verena Reygers besuchte den Dreh des neuen Lust-Films »Cabaret Desire« und sprach mit den Beteiligten.

Endlich, nach einer halben Stunde, quietscht die Matratze. Lautes Stöhnen dringt über den Flur. »Es geht los«, sagt Pablo Dobner, Mitinhaber der Produktionsfirma Lust Productions und Produzent von »Cabaret Desire«, der gerade gedreht wird. »Lass uns rübergehen«, winkt er mich in das Schlafzimmer einer 120 Quadratmeter großen, lichtdurchfluteten Altbauwohnung in Barcelona, wo seine Frau Erika Lust gerade ihren neuen Porno dreht.

Die 34-Jährige steht lässig in Jeans und T-Shirt zwischen dem Kamera- und Tonmann. Mit wachsamen Augen beobachtet sie das Paar, das sich nackt vor ihr in der Missionarsstellung windet. Die Luft ist feucht und warm. Es riecht nach Babyöl und Schweiß und irgendwie schon nach Sex, obwohl die beiden auf dem Bett gerade erst richtig zur Sache kommen. Sie wechseln die Position, die Frau sitzt nun auf dem Mann. Sie hat kleine, echte Brüste und ein hübsches, dezent geschminktes Gesicht. Während sie den Mann unter sich reitet, öffnet sie lustvoll die Lippen, aber ohne das pornoübliche Getue, etwa, lautstark »fuck me« zu jauchzen.

Erika Lust tritt näher ans Bett heran und bedeutet dem Paar mit einer Geste, dass es enger zusammenrücken soll. Sie will mehr Intimität sehen, mehr Leidenschaft und keine Posen, in denen der Zuschauer den besten Blick auf die sich ineinander schiebenden Geschlechtsteile bekommt.

Feminine Pornografie

Seit 2004 dreht Erika Lust Pornos. Explizit für Frauen. Damit will sie ein Gegengewicht zur männlich dominierten Industrie schaffen, die Sex immer einfallsloser und klischeehafter darstellt. Einer Industrie voll getunter Körper, gedopter Schwänze und Frauen, die mehr vor Schmerzen als vor Lust zu schreien scheinen, bevor ihnen ins erwartungsfrohe Gesicht gespritzt wird. Erika Lust will Fantasien bedienen, die sich nicht allein auf die männlichen Entladungsmechanismen konzentrieren. Denn es gibt genügend Frauen, die visuell erregbar sind, die sich gerne von einem Flimmerkasten-Fick anturnen lassen. Aber eben nicht, wenn sie die ewig gleiche Rammelei bei Youporn und Co. sehen, in der die sexuellen Bedürfnisse der Frau oft nicht mal eine Nebenrolle spielen. Pornografie ist absolut okay, solange sie auch der weiblichen Lust ihre Berechtigung gibt. Da braucht es weder eine komplexe Rahmenhandlung noch weich gezeichnete Romantik.

In Erika Lusts Pornos ist sonst alles wie gehabt: Penisse und Vaginas in Großaufnahme. Es wird von unten, oben und hinten gevögelt. Mal zu zweit, mal zu dritt, mal hetero- mal homosexuell. Mal zärtlich und einfühlsam, mal heftig und unverbindlich. Gerne auch mit Cumshot, wenn es die Szene erfordert. »In meinem Kurzfilm ›The Good Girl‹ gab es einen Cumshot ins Gesicht«, erzählt Erika Lust, als wir in einer Drehpause zusammensitzen. »Natürlich bin ich dafür kritisiert worden. Aber wenn ich Sex so haben will, dann ist das kein politisches Statement, sondern in dem Moment mein Wunsch. Diesen zu artikulieren ist durchaus feministisch«, betont sie.

Mit ihren Filmen will Erika Lust zwar gegen die chauvinistische Struktur der Porno-Industrie angehen, aber das bedeutet nicht, dass ihre Protagonisten nur politisch korrekt die Laken zerwühlen dürfen. Unterwürfigkeitsgesten beim Sex sind in Ordnung, wenn sie sich für alle Beteiligten gut anfühlen.
Alice Schwarzer wird angesichts solcher Sätze vermutlich würgen wie manche Porno-Darstellerin bei gewissen Blowjob-Praktiken. Die Feministin und Emma-Herausgeberin ist die deutsche Stimme der PorNo-Kampagne, die sich Mitte der 70er-Jahre in den USA gründete und deren Vertreterinnen, etwa Andrea Dworkin oder Catharine McKinnon, sich für ein gesetzliches Pornografie-Verbot einsetzten. Schwarzer betont zwar gerne, nichts gegen die Abbildung von Erotik und Sexualität zu haben, verurteilt Pornografie aber per se als frauenverachtend und gewaltverherrlichend. Eine Grenze zwischen dem, was pornografisch vertretbar ist, und was nicht zieht sie nicht.

Seit einigen Jahren aber gibt es eine Gegenbewegung: Die PorYes-Vertreterinnen wollen Frauen das Recht auf Spaß an Pornografie geben. Weil Pornografie sie erregt und ihnen als Masturbationsvorlage dient und nicht, weil der Freund vielleicht mit einem heißen Filmchen unterm Arm nach Hause kommt und verschämt fragt, ob man sich das nicht mal gemeinsam anschauen wolle.

Erika Lust ist definitiv PorYes. Auch wenn die gebürtige Schwedin, die seit dem Jahr 2000 in Barcelona lebt, ihren ersten Porno tatsächlich durch ihren damaligen Freund sah. Damals, als Teenager, irritierte sie das Gefühl, einerseits erregt zu sein von dem, was sie sah, andererseits abgeschreckt von der Art, wie Frauen und Männer in dem Film in Szene gesetzt wurden. Später studierte sie Politikwissenschaften und kam dadurch mit dem Feminismus in Berührung. Sie erkannte, was in den meisten Pornos nicht stimmt: »Je mehr Pornos ich gesehen habe, desto mehr fiel mir auf, dass Frauen dort nur dafür da sind, den Mann sexuell zu befriedigen, während ihre Lust keine Rolle spielt.« Das sei auch kein Wunder, wenn man bedenke, dass es nun mal Männer sind, die diese Filme drehen und produzieren.

Was macht man da? Ganz sicher nicht die Matratze den Männern überlassen, sondern selbst die Kamera in die Hand nehmen, um das Bettgeschehen abzubilden. Wie sagte schon die US-amerikanische Porno-Aktivistin Annie Sprinkle: »Die Antwort auf schlechte Pornos sind nicht keine Pornos, sondern bessere Pornos.«
Erikas Lusts eigene Theorie ist die der 30 Prozent: »Um die Pornografie zu verändern, müssen wir stärker mitmischen, in dieser Industrie aktiv werden und unsere Geschichte von Sexualität erzählen. Wir brauchen 30 Prozent dieses Business’, um etwas verändern zu können.«

Mit Slow-Sex ans Ziel

Die Mechanismen der Industrie zu verändern bedeutet auch, mit Darstellern und Crew fair umzugehen und sie nicht zu Praktiken zu zwingen, die sie nicht machen wollen. Dass das Gegenteil in der Branche üblich ist, zeigte Jens Hoffmann mit seiner Dokumentation »9to5 – Days In Porn«. Die zeigte: Das Pornobusiness bedeutet Ficken im Akkord. Eine Frau, die die Anal-Penetration verweigert, kann sich im Grunde gleich wieder anziehen und gehen. Was die meisten sowieso nach ein paar Jahren tun müssen, weil sie in der Branche, die ständig nach neuen, unverbrauchten Gesichtern giert, völlig verheizt werden.

Das bestätigt auch Samia Duarte, die sich am Set von »Cabaret Desire« gerade noch mit ihrem Partner in den Laken gewälzt hat. »Im herkömmlichen Porno geht es darum, alles so extrem wie möglich zu machen«, weiß sie. »Erika will Sex zeigen, keine Freakshow. Es geht ihr um Nähe und Intimität, um Küssen und Leidenschaft.« Außerdem kümmere sie sich um ihre Darsteller, lasse sie entscheiden, mit wem sie eine Szene drehen wollen, und kläre alle Details ab, bevor sie »Action« ruft.
Tatsächlich ist die Atmosphäre am Set entspannt und aufgeräumt. Das Filmteam besteht aus jungen Leuten, die aussehen, als verbrächten sie ihre Zeit gerne auf Musikfestivals – ein bisschen verlebt, ein bisschen studentisch. Alle sind entspannt. Nur Erika Lust und ihr Partner Pablo Dobner haben dunkle Ringe unter den Augen: Nach Drehschluss warten zu Hause zwei kleine Töchter auf ihre Eltern – die Jüngste ist erst ein paar Monate alt.

Natürlich steht Lust als Ko-Produzentin ihrer Filme auch unter Zeitdruck. Elf Tage dauert der Dreh für »Cabaret Desire«. Herkömmliche Pornos dreht man an einem Tag, ohne großen Wert auf Requisiten, Licht oder das Wohlgefühl der Darsteller zu legen. Da bleibt keine Zeit für Pausen. Hier schon. Gerade ist wieder eine. Eben schaue ich noch dezent am Penis des Darstellers vorbei, als er durch den Raum läuft und nach einem Handtuch greift, um sich die schweißnasse Brust abzutrocknen. Und schon läuft auch die Darstellerin nackt auf mich zu und greift nach den Croissants, die in der Küchendurchreiche in einem geflochtenen Brotkorb liegen. Sie lächelt mich freundlich an. Es ist wie in der Sauna, in der alle nackt sind und so tun, als seien sie es nicht.

»Ich finde, Pornografie ist eine großartige Gelegenheit, sich und seine Sexualität besser kennenzulernen, sich zu erregen, ohne all diese christlichen Ideen von Scham zu empfinden«, bringt Erika Lust ihr Interesse auf den Punkt. »Es geht mir darum, Sex positiv zu sehen: Er macht Spaß, ist gesund, eine schöne Angelegenheit. Ich bin diese negative Sicht auf Porno und Sex leid, die nur das Aggressive, Gewalttätige sieht. Als ob Sex schmutzig wäre«, ereifert sie sich.

Spaß am Sex zu haben ist auch das Qualitätsmerkmal, nach dem die Pornografin ihre Darsteller aussucht. »Ich muss etwas Besonderes in ihnen sehen, das ich interessant finde. Wenn ich nichts sehe, wie sollen es die Zuschauer können?«, fragt sie. Natürlich lege sie auch Wert darauf, dass die Leute vor der Kamera die Art von Sex haben, den sie auch selbst mögen. Da die Richtigen zu finden sei aber alles anderes als einfach. Als Lust für ihren aktuellen Film Darsteller castete, kam eine Budapester Agentur auf sie zu. »Ein Desaster«, erinnert sie sich. »Als ich sagte, ich wolle vorab mit den Darstellerinnen reden, war die Firma schon total überfordert. Als es dann trotzdem Interviews via Skype gab, war ich entsetzt, wie einstudiert die Sätze klangen: ›Oh, ich liiieeebe große Schwänze‹ und ›Analsex ist sooo toll‹ war alles, was ich zu hören bekam.« Persönlichkeit wird im Fick-Geschäft eher selten verlangt, aber ohne geht es für Erika Lust eben nicht.

Die Schauspieler, mit denen sie jetzt arbeitet, sind entweder Bekannte von Darstellern aus früheren Produktionen oder haben selbst schon in Lust-Filmen mitgespielt. So wie der Italiener Toni Fontana, der sonst ausschließlich als Fotomodell arbeitet. Mit Erika Lust dreht er, weil er ihre Art, Filme zu machen, bewundert. Seine Szenen-Partnerin Sofia Prada, eine dralle, vollbusige Blondine mit kurzen Haaren, aber meterhohen Pumps, entdeckte Lust in einem TV-Interview und kontaktierte sie. Für Prada ist Lust der »Almodóvar des Porno«. So schrill wie der spanische Oscar-Gewinner wirkt die Schwedin dann aber doch nicht, schließlich spricht ihre Filmästhetik zwar eine junge, urbane, aber auch glatte Sprache, ohne irgendwelche Kunstansprüche (mit-)befriedigen zu wollen.

Am Set des Pornodrehs stelle ich mittlerweile fest, dass inszenierter Live-Sex doch nicht so spannend ist, wie ich gedacht hatte. Ich war durchaus neugierig, was es bei mir auslöst, bei einem Pornodreh dabei zu sein. Ist es erregend, unangenehm oder gar langweilig? Fazit: Es ist okay, aber nicht anregend. Denn wie soll man in Fahrt kommen, wenn die Aufnahmen alle paar Minuten unterbrochen werden, weil die Regisseurin einen Stellungswechsel fordert oder der Kameramann sich in meinen Blickwinkel schiebt? Es ist genau so, wie es Schauspieler immer von Film-Liebesszenen berichten: Das Licht ist grell, alle stehen ums Bett herum, und beim Knutschen darf man nicht versehentlich in die Kamera gucken. Immerhin, als dem Tonmann beim Hochhalten des Mikros das T-Shirt hochrutscht und meinen Blick auf ein Stück behaarten Bauch freigibt, finde ich doch etwas Erotik in der Situation. Genauso, als das Darsteller-Paar beim nächsten Take auf den Höhepunkt zusteuert. Einen gefaketen Höhepunkt, muss man sagen. Denn da hat die Erektion des Mannes schon nachgelassen, sein Penis lugt schlaff unter dem Hintern seiner Partnerin hervor. Trotzdem: Das Zusammenspiel zwischen beiden knistert hochspannungsverdächtig. Am Ende herrscht einen Moment lang atemlose Spannung. Die Darsteller küssen sich zärtlich, der Kameramann hält drauf. Dann lacht die Darstellerin erleichtert auf, und von der Crew gibt es Applaus.

Ein guter Porno kommt eben auch ohne Ejakulation des Mannes aus.

INTRO elektronische Ausgabe 44-2012 vom 29.12.2012
Printausgabe April 2012

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