S.P.O.N. - Der Kritiker
Die Deutschen, ein Volk an der Kette
Von Georg Diez
Überall in der Welt werden Mauern gebaut, damit der ungerecht verteilte Wohlstand geschützt werden kann: Es sind autoritäre Zeiten, in denen wir leben. Und ausgerechnet ein Toter erzählt am eindringlichsten davon - der Theaterregisseur und Autor Einar Schleef.
Sie bauen wieder Mauern, überall bauen sie Mauern, es ist geradezu eine Konjunktur des Mauerbaus, pünktlich zum 50. Jubiläum des deutschen Mauerbaus an diesem Samstag, von Nordafrika bis Mexiko, von Texas bis zum Westjordanland, Sicherheitsmauern, Reichtumsmauern, Armutsmauern, Kapitalismusmauern dieses Mal.
In England wünschten sie sich sicher, sie hätten Mauern, um den Wohlstand zu schützen und die Wut zu begrenzen. David Cameron stand dort vor Downing Street Nummer 10 , er drohte denjenigen, denen er gerade das Geld für Jugendarbeit um 75 Prozent gekürzt hatte, mit "der vollen Härte des Gesetzes".
Es sind autoritäre Zeiten. Gut für die Mauern. Schlecht für die Menschen.
"Ich habe geträumt, ich schwimme. Aus Kellern, U-Bahn-Schächten, Klobecken kam Wasser geschossen. Jeder machte sich bereit. Hals über Kopf stieg es. Der Führer im Rundfunk erklärte, die Mauer halte."
Das ist Einar Schleef, Schriftsteller, Theaterregisseur, bisschen vergessenes Genie. Das ist unsere Mauer, unser Exportschlager, unser Mythos von 1989. Wir haben es geschafft, hieß es damals, wir haben sie eingerissen, die Mauer, wir haben das Symbol eines neuen, friedlichen, guten Deutschland, wir haben unser Anti-Auschwitz.
"Die Sonne nur ein roter Streifen. Hinten das Europacenter und der Mercedesstern. Jetzt ist es ganz dunkel. Der Mercedesstern leuchtet nur für mich."
Einar Schleef war einer der einsamsten und traurigsten und verzweifeltsten Menschen, die ich erlebt habe, er brauchte keine Mauer dazu und kein Ost-Berlin und keinen Alexanderplatz, er war auch traurig und einsam und verzweifelt in Wien oder in Kreuzberg. 1976 ging er in den Westen, die Mauer blieb bei ihm, er sah sie vor sich, wenn er durch Berlin ging, er sah sie in sich, wenn er die Augen schloss.
"Du kommst früh genug an die Kette"
"Wenn ich aus dem Haus geh, endet es an der Mauer. Da ist eine Beziehung, unbewußt, nur ein Wort, mich zu trösten, die Augen zukleben, weil ichs weiß, davor knie ich, steig das Gerüst hoch, über die Zementplatten gucken. In den Turm, wo die Jungs das Fernrohr anlegen. Zu ihnen gehören, den Wunsch hatte ich nie, trotzdem setze ich mich hin, versteh ihre Sprache. Jedes Wort schlägt in mich, reißt mich zurück, ich klammere mich fest, hier will ich hingehören. Bin ich zu Haus, hält es mich keine Minute, ich muß hier raus, irgendwohin, nur nicht hier bleiben. Wie viele Anläufe ich mache, nichts klärt sich in mir, ohnmächtig, wenn ich dieses Bollwerk ansehe, tief in mir. Fest verankert, jedesmal frage ich, warum, ich bin ihnen zugehörig, möchte nur mein sein. Das eben geht nicht, bei keiner Flucht, eingeordnet, erledigt, ich rüttle vergeblich. Laß dir Ruhe, Zeit, du kommst früh genug an die Kette, dir selber legst du sie um."
Diese Trauer ist das Schöne und Schockierende, das Schleefs Prosa prägt, so wie sie sich in den fünf Bänden seiner Tagebücher zeigt, diesem unbedachten Schatz deutscher Nachkriegsliteratur, oder in der Erzählung "Zigaretten" oder jetzt in dem genau richtigen Foto-Text-Band "Ich habe kein Deutschland gefunden", der im Elfenbein Verlag erschienen ist: Schleef als vergeblicher Visionär, als Seismograph unserer historischen, aber vor allem psychischen Verwerfungen.
Die Mauer, sagt Schleef, verlief nicht so sehr zwischen zwei deutschen Staaten, sie verlief zwischen Menschen, und sie verlief vor allem in den Menschen, das macht seine Beschreibung bitterer und komplizierter, als die ganze Sache einfach auf ein schurkenhaftes Regime zu schieben.
"So knurrt ein Volk in Wut, unmündig, müde und hungrig, an seiner Grenze zermahlt es sich und ist unfähig, sich zermahlen zu lassen. So müde ist es schon, unfähig, die Hände zu heben: Ich bin nicht schuld, ich habe nichts getan."
Schleef erzählt von Sehnsucht und Fremdgehen, von Abtreibungen, Mord und zerbrochenen Ehen, von Selbstmord und Eifersucht und Opportunismus, von ganz alltäglichem Hass auf sich selbst, der auch eine Folge dieses Monstrums war, weil die Menschen schwach waren und die Mauer stark.
Er verwandelte die Politik erst in Privates und dann in Sprache, und so liegen sie nun da, die Worte, nicht so schön und bunt anzuschauen wie die Reste jener Mauer, die längst zum Klischee geworden ist, sondern sperrig und wund und voller Schmerz.
"Deutschland ist weiß", schreibt Schleef, "keine Grenze", und ahnt doch, dass die Mauer bleiben wird, selbst wenn sie eingerissen ist.
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Der einflussreiche US-Senator William Fullbright machte den Vorschlag, den Exodus der Menschen aus der DDR mit einer Grenzsperre zu stoppen.
Das musste der Kreml das als eine Botschaft Kennedys interpretieren. Das Weiße Haus ließ Fullbrights Aussage unwidersprochen stehen. Chruschtschow wusste damit, dass der Mauerbau zumindest keine militärische Krise und schon gar keinen Nuklearkrieg heraufbeschwören würde.
Als das Bauwerk stand, sagte Kennedy seinem Umfeld: "Das ist keine sehr schöne Lösung, aber eine Mauer ist verdammt noch mal besser als ein Krieg."
Franz Josef Strauß, als Bayerischer Ministerpräsident stabilisierte 1983 die DDR mit einem Milliardenkredit und verlangte dafür lediglich die Entfernung der Selbstschußautomaten an der Grenze.
S.P.O.N. - Der Kritiker
Die Deutschen, ein Volk an der Kette
Überall in der Welt werden Mauern gebaut, damit der ungerecht verteilte Wohlstand geschützt werden kann: Es sind autoritäre Zeiten, in denen wir leben.
Man ist einfach verblüfft, wenn man - im Zusammenhang mit der Berliner Mauer - so etwas liest. Fällt Georg Diez nicht auf, dass diese Mauer von denjenigen gebaut wurde, die gerade keinen Wohlstand zu schützen hatten?
Mit der platten Reduktion auf "reich-arm"-Bruchlinien verstellt dieser Kommentator den Blick auf den eigentlichen Schrecken der Mauer: die Ausartung eines auf eine philosophischen Idee beruhenden Staatsversuchs zum Schreckensregime, das nur noch seine Macht zu verteidigen sucht. Die Mauer soll eine Warnung sein für alle, die vom "Philosophenkönig" träumen und ihre Mitmenschen zu bevormunden trachten.
Damit ist das Gedenken an den 50. Jahrestag der Mauer für unser Forum gar nicht einmal so "off-topic".
Man ist einfach verblüfft, wenn man - im Zusammenhang mit der Berliner Mauer - so etwas liest. Fällt Georg Diez nicht auf, dass diese Mauer von denjenigen gebaut wurde, die gerade keinen Wohlstand zu schützen hatten?
Aber gegen die Duldung durch die U.S.A. wäre diese Mauer nie gebaut worden. Und die meisten Menschen in der DDR haben die Mär vom "Antifaschistischen Schutzwall" geglaubt. Und Schleef beschreibt es doch treffend: "Du kommst noch früh genug an die Kette, Du selbst legst sie Dir um".
Sozusagen haben sich die U.S.A. davor geschützt, einen eventuellen militärischen Konflikt in ihr Land zu tragen, Deutschland und Mitteleuropa haben den Blutzoll gezahlt. Die Mauer war mit ein Grund, in den U.S.A. gegen Kommunisten agieren zu können.
Warum finden Menschenrechtsverletzungen in Deutschland heute noch eine breite Zustimmung? Warum schreien die "Guten" nach mehr Polizei, nach Zensur und Überwachung? Hat das nicht auch ws mit selbst angelegten Ketten zu tun? Speziell gegen Menschen mit einem anderen Lebensentwurf?
@friederike:staatsversuch-schreckensregime
ein weiterer solcher versuch ist heute noch in nordkorea zu "bewundern"
alle denen unser system mit-zugegebenermassen-eklatanten mängeln nicht gefällt können gerne dorthin auswandern-wir werden nicht durch eine mauer zurückgehalten
ich wünsche eine gute reise und einen angenehmen aufenthalt!
@lupus"eventueller militärischer konflikt"
im vergleich zu einem atomaren? krieg im europa der 60er jahre sind die toten am "eisernen vorhang " ein wohlfeiler preis für den frieden zum damaligen zeitpunkt(anfang 60er jahre) wären die USA von einem krieg-auch atomar- kaum betroffen gewesen da die interkontinentalraketen noch in den kinderschuhen steckten und sowjetische bomber die US-luftverteidigung nur mit viel glück hätten überwinden können
robert
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