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 Lupus Lupus setzt sich aktiv für die Rechte von SexarbeiterInnen ein
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Ich bin...: Engagierter Kunde
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BeitragVerfasst: 2011-10-20, 22:02  Beitrag #1/1     Titel:  läuft gerade. wdr frau tv über Telefonsex  Nach untenNach oben

Do, 20.10.2011

Talking Dirty - per Zufall zur Sex-Hotline
Es war purer Zufall, dass Marischa Sommer dazu kam, für eine Sex-Hotline zu arbeiten. Nach einem Besuch bei ihrer Familie in Ostfriesland, lernte sie bei der Heimreise in der Bahn eine junge Frau kennen, die ihr von ihrem Job bei einem Telefonsexanbieter erzählte. Marischa Sommer konnte es zunächst gar nicht glauben, dass die andere junge Frau so etwas mache. „Komm doch mal mit“, lud sie die neue Freundin ein. Gesagt, getan.

Schon wenige Tage später ging Marischa Sommer zu dem Büro, das ihr die Freundin genannt hatte. Dort fand sie eine Art Telefonzentrale vor: einen nüchternen, sachlichen Raum, in dem an einem Schreibtisch eine junge Frau saß. Deren Aufgabe bestand darin, die Männer, die Telefonsex wollten, mit den jeweiligen Damen, die ihn anboten, zu verbinden. Gleichzeitig wurden die Frauen aber auch mit wichtigen Informationen über den Kunden versorgt: Was beispielsweise wünscht sich der Mann, der sich hinter dem Namen „Samendusche zwei“ verbirgt.

Marischa Sommer war fasziniert. Einen solchen tiefen Einblick in die Seele von anderen, in deren geheimste Wünsche und Fantasien hatte sie nicht erwartet. Marischa Sommer hatte gerade ihr Studium beendet, war ziemlich pleite und auf der Suche nach einem Job. Warum also nicht das Aufregende mit dem Nützlichen verbinden, dachte sie sich. Auch wurde ihr der Koordinationsjob in dem Büro in Aussicht gestellt, sie müsse nur noch erst selbst einmal Telefonsex anbieten, ließ sie die Agentur, die die Hotline betrieb, wissen. Warum nicht, dachte Marischa Sommer und sagte zu.


Für 16 € pro Stunde bot Marischa Telefonsex an.

Bei Anruf Sex
„Da ich ins kalte Wasser gesprungen bin, ohne eine Schulung, ohne irgendwas - das war wirklich mein allererstes Gespräch, war ich total überfordert. Ich wusste überhaupt nicht, was will der eigentlich von mir, wie weit darf ich hier gehen. Darf ich überhaupt auflegen. Was sag ich denn so jemandem, wenn der was von mir fordert, was überhaupt nicht in Ordnung ist. Und ich hab das auch nicht gleich verstanden, was der wollte. Der hat immer gefragt, wie jung kannst du denn sein, sei doch noch ein bisschen jünger. Ja achtzehn kann ich sein, hab ich gesagt, jünger kann ich nicht sein. Und dann wurde mir so langsam klar, was der da von mir wollte. Und als ich das dann wirklich verstanden hatte, da war er dann auch schon erregt..“

Der erste Kunde war pädophil - Marischa Sommer war geschockt. Was für ein Abgrund tat sich ihr da auf! Sie überlegt nur kurz, ob sie aufhören sollte. Und machte dann weiter: Schnell wusste sie genau, was die Männer in Stimmung brachte: „Er sagt meistens, was er will, weil er schon ein Bild davon im Kopf hat. Er sucht nur noch nach der Stimme, die dieses Bild vervollständigt, die ihm den Kick gibt zu kommen. Es geht eigentlich darum, die Männer zum spritzen zu bringen.

Sie hatte zwar ihrem Freund von ihrem neuen Job erzählt, aber ihre eigenen Gefühle ihm dabei verschwiegen. Nicht die Öde, nicht den Ekel und die Scham, und schon gar nicht die Lust erwähnt, die sie manchmal selbst bei den Gesprächen empfand.

„Es gab ein paar gute Gespräche: Eigentlich hab ich da gar nichts anderes gemacht als die Männer. Ich habe alles ausgeblendet. Ich habe mich auf die Vorstellung in meiner Fantasie und die Stimme reduziert. Und das Bild hat irgendwie hingehauen. Man baut so lange eine Spannung auf. Und dann ist es eine kurze Sekunde, und es ist vorbei. Und dann ist es auf einmal so leer. Und diese Leere, die dann bleibt, die müssen die Männer ja auch empfunden haben. Es war auch ganz gut, dass ich mal so ein Gespräch geführt habe. Danach ist niemand da, der dich auffängt, der dich in den Arm nimmt. Du bist dann alleine in deinem Bett, verschwitzt vielleicht, denkst noch an diese Stimme und denkst, na, so toll war das jetzt auch nicht, musste das jetzt sein?“

Nach und nach, zunächst noch ganz unmerklich, nahm die Arbeit an der Hotline immer mehr Raum in ihrem Leben ein, zum einen aus Geldnot. Denn anders als ihr die Freundin versprochen hatte, verdiente sie an der Sex-Hotline schlecht. 16 Euro pro Stunde - also ging es bei jedem Gespräch darum, den Kunden möglichst lange in der Leitung zu halten, ihn vielleicht sogar dazu zu kriegen, dass er noch nach seinem Orgasmus weiter reden wollte. Die Männer kosteten diese Gespräche ein Vermögen, 180 Euro in der Stunde. Es gab mehrere Stammkunden, die sich für Marischa Sommer ruiniert haben. „Nee, Mitleid, hatte ich mit denen nicht. Dafür war es schon zu spät“, fasst sie das zusammen. „Dann waren die eben pleite, na und!“ Grenzen hatten sich längst in ihrem Innern verschoben: Sie nahm Männer ganz anders wahr, nicht mehr als gleichberechtigte Menschen, sondern „wie Tiere. Ich hab noch nicht mal Männer gesehen, nur noch Kunden. Also irgendwann zum Schluss hab ich da einen Hass auf diese Typen aufgebaut."


Heute weiß Marissa, wo ihre Grenzen sind.

Schluss mit Telefonsex!
Dazu kam, dass Marischa Sommer nach einiger Zeit auch in dem Büro die Gespräche der anderen Frauen organisierte. Das wurde zwar besser bezahlt und sie musste die Männer nicht selbst sexuell befriedigen, aber es machte es eigentlich nur noch schlimmer. Denn jetzt konnte sie auch die Gespräche der anderen Frauen mit ihren Kunden abhören. „Das hat mich tief erschreckt, weil ich soviel von mir selbst dabei entdeckt habe...“

Auch wurde ihr immer klarer, dass es bei all den Gesprächen nur einen Gewinner gab: Die Hotline selbst, die sich das Geld einsteckte. Denn auch die Männer gingen letztlich leer aus, fand Marischa Sommer, nach der kurzen sexuellen Befriedigung bleiben sie allein mit ihren Problemen zurück. „Vielleicht war das das Perverseste was ich dort erlebt hab“, sagt sie, „ein Mann, dessen Frau gestorben war und der einfach jemanden zum Reden suchte und dafür die Hotline beanspruchte. Da hab ich mich gefragt. Was ist hier eigentlich los? Was mache ich hier eigentlich?“

Sie kündigte. Über ihre Zeit an der Sex-Hotline hat sie ein Buch geschrieben und damit auch Distanz zu dem Erlebten für sich geschaffen. Bereuen tut sie die Zeit nicht: „Ich habe viel über die Sexualität von Männern gelernt. Vieles, was vielleicht als abnorm gilt, finde ich jetzt normal. Anderes hat mich sehr erschreckt: Wie viele Männer Frauen hassen, das hätte ich nie für möglich gehalten. Sie wollten diesen Hass auch in Rollenspielen ausleben - gruselig, dazu war ich nicht bereit. Ich weiß jetzt ganz genau, wo meinen Grenzen liegen.“

Buchtipp
Marischa Sommer:
Talking Dirty: Mein Job bei der Sex-Hotline.
Knaur 2011, ISBN 978-3-426-78445-7
Das Buch, in dem Marischa ihre Erfahrungen aufgeschrieben hat.

http://www.wdr.de/tv/frautv/sendung....ege/2011/1020/thema_2.jsp

In der Videothek sind die Beiträge der letzten 5 Sendungen zu sehen: http://www.wdr.de/tv/frautv/


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Verfasst: 2011-10-20, 22:02  Beitrag #     Titel:  Nach untenNach oben

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