Wie feministisch ist Abolitionismus?

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Andreas R.
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Wie feministisch ist Abolitionismus?

#1

Beitrag von Andreas R. » 2018-09-01, 00:31

Ich betreibe eine Sexworkgruppe auf Facebook.
Es gibt immer wieder Sexarbeiterinnen unter unseren Mitgliedern, die sich in die „Diskussionen“ der Abolitionistinnen einmischen, und berichten darüber, wie sie dann auf den Seiten entweder gleich geblockt werden oder zumindest ihr Kommentar gelöscht wird. Auf jeden Fall werden sie natürlich nicht ernst genommen, wenn sie erklären, ihren Job zu mögen.
Auch einige unserer Unterstützer, ich selber auch, mischen sich immer wieder ein, auch um den Sexarbeiterinnen in solchen „Diskussionen“ den Rücken zu stärken, und machen dann dieselben Erfahrungen.
Ich zum Beispiel wurde bei „Netzwerk Ella“ nach zwei Kommentaren geblockt, bei „Abolition 2014“ auch etwa nach zwei Kommentaren, die durchaus sachlich, nicht emotional offensiv waren.

Man bekommt immer wieder mit, die Abolis wollen gar nicht diskutieren. Sie wollen ihre Ideologie nur bestätigt sehen. Kritische Anmerkungen aus dem Sexworkbereich sind nicht erwünscht. Wobei man dann natürlich als Mann auch der Unterstellung ausgesetzt wird, man sei ein krimineller Zuhälter oder gewalttätiger, vergewaltigender Freier und Kinderschänder. Natürlich. Warum sonst sollte man sich in so einer Diskussion als Mann auf die Seite der Sexarbeiterinnen stellen. Wenn man uns so diskreditiert, muss man sich mit uns nicht inhaltlich auseinandersetzen. Zuhälter und Freier bekämpft man, man diskutiert nicht mit Verbrechern.

Eine Sexworkerin bei uns hat eine regelmäßige Kolumne in der WELT. Nach jeder veröffentlichten Kolumne kommen dann auf der Facebook Seite von welt.de die ganzen Hetz- und Hass-Kommentare. Natürlich mischen wir uns da dann auch ein, um den Abolis nicht das Feld zu überlassen, aber es ist für so eine Sexarbeiterin nicht leicht, diesen ganzen Mist zu lesen.

Ein Unterstützer unserer Gruppe hatte vor kurzem auf einer Aboli Seite die Frage gestellt, ob es eigentlich fair ist, wenn sie immer nur ihre eigene Vorstellung von Feminismus anerkennen, jede andere Form von Feminismus, der die Interessen von Sexworkern einschließt, aber offenbar bekämpfen. Natürlich wurde er anschließend geblockt.

Wie feministisch sind Abolitionistinnen? Ist das wirklich Feminismus, nur eben eine spezielle Form?
Da gibt es die Truppe „Terre des Femmes“. Da haben nun die schweizer Eidgenossinnen entschieden, sich auch für die Rechte von Sexarbeiterinnen einzusetzen. Und nun gibt es dort den Bruch. Weil diesen „Verrat“ kann „Terre des Femmes“ natürlich nicht zulassen.

Ich frage mich immer wieder, wenn es im Feminismus vor allem darum geht, für die Rechte der Frauen zu kämpfen, für die Gleichberechtigung und das Selbstbestimmungsrecht, wie ist das vereinbar mit dem gleichzeitigen Hass gegen Sexarbeiterinnen?

Sie werfen der Sexarbeit vor, es würde kaum freiwillige Prostitution geben. Es handelt sich fast immer um Zwang. Und selbst die Sexarbeiterinnen, die freiwillig in der Sexarbeit tätig sind, sind es nicht wirklich freiwillig, sie werden durch wirtschaftliche Not dazu gezwungen. Dass das natürlich kein Alleinstellungsmerkmal der Sexarbeit ist, ignorieren sie entweder oder sagen, dass man Prostitution nicht mit anderen Tätigkeiten vergleichen kann, da die Frau in anderen Tätigkeiten nicht gezwungen wird, ihren Körper zu verkaufen, sich vergewaltigen zu lassen und als Spermabecken für frauenverachtende Männer dienen muss.
Und es wird natürlich betont, die ganz wenigen Sexarbeiterinnen, die behaupten, sie würden ihren Job lieben, sind entweder selber Täterinnen, also Zuhälterinnen, die andere Frauen für sich anschaffen lassen, sie seien psychisch krank oder Opfer der Gehirnwäsche der patriarchalen Strukturen dieser Gesellschaft, und würden es gar nicht mehr mitbekommen, wie sie sexuell ausgebeutet würden. Ihnen wird die Handlungsfähigkeit und der freie Willen abgesprochen. Von Feministinnen!

Letztlich ist es doch so, dass diese Abolis es grundsätzlich ablehnen, sexuelle Dienstleistungen zu verkaufen. Aus ideologischen und letztlich aus moralischen Gründen.

Ich finde es ja okay, wenn man sich das für sich selber nicht vorstellen kann, doch ich bin der Meinung, niemand hat das Recht, anderen seine Meinung aufzuzwingen, seine Art zu leben.
Was ist mit dem Selbstbestimmungsrecht – dem allgemeinen wie sexuellen - von Sexarbeiterinnen, das Feministinnen eigentlich schützen? Wenn sie den Sexarbeiterinnen vorschreiben wollen, wie sie ihre Sexualität ausleben dürfen. Was ist mit dem Recht auf freie Berufswahl, das Feministinnen ebenso schützen sollten? Wenn sie den Sexarbeiterinnen vorschreiben wollen, welchen Beruf sie ergreifen dürfen.

Ich schreibe diesen Beitrag, weil ich gern wissen wollte, ob ihr Abolitionistinnen trotz ihrer radikalen Ablehnung der Sexarbeit und damit letztlich auch der in ihr tätigen Frauen, trotzdem als Feministinnen bezeichnen würdet? Vielleicht habt ihr ja auch (leidliche) Erfahrungen mit ihnen gemacht.
Nachdem man ja auf deren Seiten geblockt wird, würde ich gern hier vielleicht über das Thema diskutieren. :-)

Ich hoffe, dieses Thema ist hier im richtigen Unterforum gelandet, sonst könnt ihr es natürlich gern verschieben. ;-)
Liebe Grüße und bis denne

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Re: Wie feministisch ist Abolitionismus?

#2

Beitrag von deernhh » 2018-09-01, 10:45

Siehe auch vergleichbare Themen unter diesem Threat.



Nachtrag:
Interview mit Huschke Mau


Ich gebe Kasharius recht, aber leider nicht mit der Annaeherung zwischen Abolis und SW.
Und auch ganz besonderen Dank an unseren Zwerg fuer seinen Beitrag! Stimme dem absolut zu!
Und damit ist das Thema "Abolitionisten und Feministinnen" fuer mich erledigt, denn meine Energie will ich nicht mehr fuer sie verschwenden.
Zuletzt geändert von deernhh am 2018-09-01, 18:36, insgesamt 1-mal geändert.

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Re: Wie feministisch ist Abolitionismus?

#3

Beitrag von Kasharius » 2018-09-01, 12:50

@AndreasR

ich finde Deinen Text hervorragend! Und Du hast wohl Recht: Die Abos wollen gar keinen Diskurs. Sie sind nicht bereit, andere Positionen zu akzeptieren, oder ihre eigene Sicht in Frage zu stellen...Da ähneln sie Anderen...

Und, um der Wahrheit die Ehre zu geben, auch SW´s verschließen sich diesem Diskurs da sie keine Lust mehr haben, sich ständig für das was sie tun, rechtfertigen zu müssen. Es herrscht eine gewisse Eiszeit vor - so jedenfalls meine persönliche Beobachtung.

Dabei sind sich wahrscheinlich beide Seiten einig in ihrer Ablehnung von Zwang und Gewalt in der Sexarbeit!? Da ließen sich Bündnisse schmieden, aber derzeit ist das wohl nicht realistisch.

Kommt Zeit, kommt Rat usw.

Mal sehen was (hier) kommt?

Zum Feminismus möchte ich mich nur so äußern: Nach meinem Verständnis enthält er das Element der Emanzipation und Selbstbestimmung und fordert Toleranz und Gerechtigkeit ein. All dies vermag ich in den Äußerungen und Verlautbarungen der Abos nicht zu erkennen. Das klingt für mich Reaktionär und in Teilen auch Rassistisch.

Kasharius grüßt

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Re: Wie feministisch ist Abolitionismus?

#4

Beitrag von Zwerg » 2018-09-01, 15:07

Ich selbst habe meine Argumentationslinie reduziert:

Im Großen und Ganzen: Selbstverständlich haben Sie das Recht Sexarbeit abzulehnen - aus welcher Überlegung auch immer - Sie können Sexarbeit auch als grauslich sehen, undenkbar und mit sich selbst nicht vereinbar. Das Recht steht Ihnen zu und ich respektiere das vollkommen. Die einzige Frage, die sich mir dabei stellt ist, ob Sie mit Ihrer Überzeugung auch das Recht haben, Jemand der nicht so denkt wie Sie, Verbote auferlegen zu wollen? Und wenn Sie der Überzeugung sind, dieses Recht in Anspruch nehmen zu können, muss ich auch fragen in wie weit Sie auf dem Gebiet Kompetenz erlangt haben. Wie gesagt: Ich billige Ihnen das Recht zu Sexarbeit zu verabscheuen, aber ich ersuche Sie höflich darüber nachzudenken, ob nicht auch andere das Recht haben es nicht so zu sehen. Es geht nicht um persönliche Empfindungen - es geht auch nicht darum, was man glaubt zu wissen - Es geht um Grundwerte welche sich nicht mit Einschränkungen der Selbstbestimmtheit vereinen lassen. Und diese Selbstbestimmtheit muss für Alle gelten.

Bei meinem Aufgabenbereich sind es weniger die Abolis - die stellen sich mit mir als Mann ohnehin nicht der Diskussion und ich glaube auch nicht, dass die Diskussion diesbezüglich überhaupt was bringen kann. Ganz ehrlich gesagt denke ich sogar, dass manche dieser Diskussionen Denen sogar eine Plattform bietet.

Eine Lösung des Problemes wird es wahrscheinlich in absehbarer Zeit nicht geben. Ich bewundere auch die Leute, welche sich da der Diskussion stellen. Ich hätte die Kraft nicht wirklich dafür.

Liebe Grüße

christian

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Re: Kein Feminismus.

#5

Beitrag von Boris Büche » 2018-09-02, 09:43

Die Diskrepanz zu anderen Positionen im Feminismus ist schon groß - so groß, dass ich denke, man kann ausschließen,
dass Abolitionismus eine feministische Position ist.

Ich habe mir überlegt, wie man die Grundhaltung der Abolis nennen könnte, und bin gekommen auf:
weiblich-affirmativer Sexismus. Dessen Ausgangsvorrausetzungen:
- Männer und Frauen sind verschiedene Wesen, mit verschiedenen Bedürfnissen, verschiedenen Wünschen;
- und zwar SO verschieden, dass es keine Übereinstimmung geben kann - höchstens Annäherung;
- Frauen sind menschlicher, sozialer, na, einfach die besseren Menschen;
- "Men are trash" (im Extremfall) - sehr reparaturbedürftig jedenfalls, so sie doch für die Welt brauchbar sein könnten.

Das ist in ungefähr so feministisch, wie wohlmeinender Rassismus humanistisch ist. Ein Rassist muss ja auch nicht gleich Ausrottung fordern, oder praktizieren - ein Apartheitsystem, dass die "Verschiedenheit" der "Rassen" berücksichtigt, und die Höherentwicklung* der Vertreter auch der "primitiven Rassen" nicht ausschließt, ist mehrheitsfähiger.

(*was "hoch" ist, bestimmen die Vertreter der "überlegenen Rasse" - und genießen, was besseres zu sein)

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Re: Wie feministisch ist Abolitionismus?

#6

Beitrag von Boris Büche » 2018-09-02, 10:00

@Kasharius:
"Dabei sind sich wahrscheinlich beide Seiten einig in ihrer Ablehnung von Zwang und Gewalt in der Sexarbeit!? "

NEIN!
Es mag so scheinen, aber:
- für Abolis ist Sexarbeit = Zwang und Gewalt, daher kann es in ihr keine Unterscheidung von Gewalt/Nicht-Gewalt geben;
- ihre Argumentation gegen Prostitution baut auf Gewalt (sie imaginieren bekanntlich überwiegend Zuhälterei und Ausbeutung);
- drum sind sie glücklich, wenn die Wirklichkeit ihrer Einbildung mal nahekommt.

Während wir uns Sexarbeit so fair und gewaltfrei wie möglich wünschen.
Bündnisse kann es da nicht geben.

Kasharius
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Re: Wie feministisch ist Abolitionismus?

#7

Beitrag von Kasharius » 2018-09-02, 13:04

@Boris

schön wieder von Dir zu lesen und ja, so gesehen hast Du Recht. Mir ging es aber darum deutlich zu machen, daß eben auch die Pro-Sexarbeit-Bewegung gegen Zwang und Ausbeutung ist. Eben das wird in der (medialen) Wahrnehmung aber ausgeblendet. Es verkürzt sich der Diskurs auf die Frage der Freiwilligkeit der ausgeübten Tätigkeit. Nach meiner Ansicht greift das zu kurz. Es geht nicht darum, die Legitimität der Sexarbeit allein danach zu BEWERTEN, ob sie freiwillig ausgeübt wird. Es geht darum, #Entscheidungen der Betroffenen, auch wenn diese aus vorrangig ökonomischen Motiven getroffen wurden, zu akzeptieren und mit Rechten zu flankieren. Stattdessen übt der Staat Zwang aus und will gleichzeitig die Erträge dieser Arbeit versteuern. Das ist feudal und antidemokratisch und hat mit aufgeklärtem Feminismus nichts zu tun. Das ist meine persönliche Meinung zu den Dingen.

Kasharius grüßt

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