Zwangsuntersuchung Schnirchgasse wird immer schlimmer

Abgesehen vom Fehlen der nötigen Hilfsinstitutionen für Sexworker findet hier auch alles Platz, was ihr an bestehenden Einrichtungen auszusetzen habt oder loben wollt
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#321

Beitrag von Zwerg » 2012-10-31, 21:12

@Jupiter

Soweit ich darüber informiert bin, handelt es sich um eine amtsärztliche Untersuchung bei welcher festgestellt wird, ob Jemand xxx oder yyyy hat. Wie gesagt: Wir wissen nicht, was xxx oder yyyy ist. Wir wissen aber, dass zum Beispiel Feigwarzen kein Hinderungsgrund für die Ausstellung der Kontrollkarte ist.

Da kein gesetzlicher Auftrag besteht auch andere Möglichkeiten in Betracht zu ziehen, wird sozusagen nach einer Checklist gearbeitet, welche halt gewisse Dinge nicht berücksichtigt.

Es wäre vielleicht noch verständlich, dass man uns (als NGO) die Antwort auf die Frage, was untersucht wird, verweigert - die Fragestellung wurde jedoch von einer ModeratorIn von sexworker.at an die Untersuchungsbehörde als aktive SexarbeiterIn in den Raum gestellt. Sie erhielt keine Auskunft auf ihre Person bezogen! Soweit ich mich erinnere erhielt sie die Information "Das ist unterschiedlich...."

christian

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#322

Beitrag von Aoife » 2012-10-31, 23:36

          Bild
Zwerg hat geschrieben:Da kein gesetzlicher Auftrag besteht ...
"Kein gesetzlicher Auftrag" entbindet nicht von der ärztlichen Sorgfaltspflicht ... nur der politische Wille Prostituierte zu schädigen kann die Betreffenden vor dem von Jupiter angesprochenen Entzug der Approbation schützen :009

Liebe Grüße, Aoife
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RE: Zwangsuntersuchung Schnirchgasse wird immer schlimmer

#323

Beitrag von Jupiter » 2012-11-01, 10:16

Unabhängig zur der "ärztl. Sorgfaltspflicht" ist zwar der "Eid des Hippokrates" nicht mehr aktuell, aber sinngemäß in den Regeln der Medizinethik, welche im jeweiligen Standesrecht fixiert; der Arzt hat sich zum Wohle des Patienten verpflichtet.
Im vorliegenden Fall wird sicherlich argumentiert, dass hier nicht die übliche "Patient-Arzt-Beziehung" vorliegt. Dies entbindet den Arzt aber nicht, gesundheitliche Risiken zu verschweigen bzw. zu unterlassen (unterlassene Hilfeleistung?).

Gruß Jupiter
Wenn du fühlst, dass in deinem Herzen etwas fehlt, dann kannst du, auch wenn du im Luxus lebst, nicht glücklich sein.

(Tenzin Gyatso, 14. Dalai Lama)

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#324

Beitrag von Lycisca » 2012-11-01, 21:14

Bei im Durchschnitt 1 bis 2 Minuten pro Untersuchung ist das unethische Verhalten der Ärzte weniger in der mangelnden Sorgfalt im Einzelfall zu sehen, sondern darin, dass sie sich für solche Untersuchungen hergeben - gegen Entgelt natürlich - obwohl sie wissen müssen, dass sie nach menschlichem Ermessen unter diesen Umständen nicht in jedem einzelnen Fall mit der gebotenen höchsten Sorgfalt arbeiten können.

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#325

Beitrag von Kasharius » 2012-11-02, 12:43

Also unabhängig von der Frage des Entzuges der Aprobation ist eines völlig klar:

WEnn ein Arzt anlässlich der hier in Rede stehenden "Untersuchung" auf eine andere Erkrankung stößt und hierüber nicht aufklärt, begeht er eine ärztliche Pflichtverletzung die dann bei vom Patienten leider nachzuweisender Causalität (Zusammenhang zwischen Pflichtverletzung und Schaden), jedenfalls in Deutschland (denke aber in Österreich ist es ähnlich) zum Schadensersatz- und Schmerzensgeldanspruch führt.

Kasharius grüßt

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RE: Zwangsuntersuchung Schnirchgasse wird immer schlimmer

#326

Beitrag von Zwerg » 2012-11-02, 21:27

Hier dann auch im ORF zu sehen....

450 SexarbeiterInnen gehen zur Untersuchung (an 1em Tag, zur einzigen Untersuchungsstelle in Wien!). Die Untersuchungsstelle schließt jedoch um 12 Uhr. Deshalb kann es vorkommen bzw. kommt es vor, dass SexarbeiterInnen nicht dran kommen! Sie haben keinen gültigen Stempel, da sie nicht untersucht wurden. Auf Grund Dessen werden sie bei einer Kontrolle bestraft... Ein fehlender Stempel (auf Grund der Unfähigkeit der Verantwortlichen!) ist mit einem Berufsverbot gleichzusetzen.
Aber auch hier sieht man von Seiten der (Stadt-)Regierung "keinen Handlungsbedarf"

christian knappik

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RE: Zwangsuntersuchung Schnirchgasse wird immer schlimmer

#327

Beitrag von Aoife » 2013-03-18, 00:12

Wie die CEDAW-Kommission der UNO in ihrem Abschlußbericht von 2013 über Österreich festgestellt hat entsprechen Zwangsuntersuchungen nicht den internationalen Leitlinien zu HIV/AIDS und Menschenrechten und Östereich ist aufgerufen den Zwang abzuschaffen:

http://www.sexworker.at/phpBB2/viewtopi ... 959#129959

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#328

Beitrag von fraences » 2013-03-18, 00:58

Das ist ja ein tolle Erfolg. Gratulation. Hoffentlich setzen sie es schnell um.

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Re: Zwangsuntersuchung Schnirchgasse wird immer schlimmer

#329

Beitrag von Zwerg » 2019-04-15, 20:23

Von SexarbeiterInnen wurde uns berichtet, dass nunmehr für Laboruntersuchungen (im Rahmen der Zwangsuntersuchung) 2,10 Euro eingehoben werden.... Ich kann noch nicht sagen, ob dies nur Wien betrifft, oder ob dies eine bundesweite "Neuerung" ist. Was ich allerdings sagen kann ist, dass wir keinerlei Verständnis für diese Auflage aufbringen.

Die Frage, ob sich der Verwaltungsaufwand rechtfertigt, sollte sich die EinscheidungsträgerInnen stellen - ich kann es mir beim besten Willen nicht vorstellen!

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Re: Zwangsuntersuchung Schnirchgasse wird immer schlimmer

#330

Beitrag von Kasharius » 2019-04-15, 20:58

Tja, ein weiterer Tiefpunkt einer skandalösen und menschenrechtswidrigen Politik

Kasharius grüßt

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Re: Zwangsuntersuchung Schnirchgasse wird immer schlimmer

#331

Beitrag von Zwerg » 2019-05-19, 17:44

Kasharius hat geschrieben:
2019-04-15, 20:58
Tja, ein weiterer Tiefpunkt einer skandalösen und menschenrechtswidrigen Politik
Es geht noch tiefer....

Da das Gesundheitsamt keine "Kassa" hat, müssen SexarbeiterInnen die verlangten Zahlungen (für ihre eigene Zwangsuntersuchung) beim SOZIALAMT (um die Ecke) entrichten.

Etliche SexarbeiterInnen haben uns berichtet, dass sie sich hierdurch nochmals erniedrigt fühlen. Es ist sicherlich keine Schande, wenn man das Sozialamt aufsucht, aber ich kann es nachvollziehen, wenn Jemand sagt "ich fühle mich nicht wohl, wenn ich da hingehen muss und dabei gesehen werden könnte" - Davon abgesehen gibt es schon wieder Berichte über entsprechend unerträgliche Bemerkungen welche dort über SexarbeiterInnen oder deren Tätigkeit gefallen sind.

Christian

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Re: Zwangsuntersuchung Schnirchgasse wird immer schlimmer

#332

Beitrag von Kasharius » 2019-05-20, 13:44

@Zwerg

tja schlimmer geht immer. Siehst Du den im Zuge der aktuellen Regierungskrise in Österreich Hoffnung auf Mehr Toleranz auch hier; ich weiß, ÖVP und SPÖ bleckern sich hier auch nicht mit Ruhm, aber die Hoffnung stirbt ja zuletzt...was meinst Du?

Kasharius grüßt sehr herzlich

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Re: Zwangsuntersuchung Schnirchgasse wird immer schlimmer

#333

Beitrag von Zwerg » 2019-05-20, 14:44

@kasharius
Leider habe ich da wenig Hoffnung!

Wir müssen uns immer wieder auf Wechsel der EntscheidungsträgerInnen umstellen und das ist problematisch. Bis wir Kontakte knüpfen können bzw. Gespräche stattfinden dauert es einfach zu lange. Bis es so weit ist, sind die Leute oft nicht mehr da (was aber nicht unbedingt ein Fehler sein muss)

Die RegierungsvertreterInnen welche zu Gesprächen bereit waren und in Folge dann auch die Problemstellungen zur Kenntnis genommen haben, waren nicht lange in der politischen Funktion tätig. Das ging sogar so weit, dass wir nicht einmal in der Lage waren Missstände aufzudecken.

Als Beispiel: In einem AT-Bundesland wurde vonseiten einer MitarbeiterIn einer Beratungsstelle (unseres Vertrauens) ein persönliches Gespräch mit einer EntscheidungsträgerIn angestrebt. Unmittelbar nach der Terminvereinbarung erhielt die Mitarbeiterin der Beratungsstelle von einem Betreiber (den wir für massiv problematisch einschätzen) einen Anruf mit dem Hinweis "er hätte diesem Treffen zugestimmt" - Wenige Tage später war die politische Funktion der EntscheidungsträgerIn anders besetzt. Wir haben die Geschichte damals auf sich berufen lassen, da wir nicht "nachtreten" wollen. Aber es ist so typisch bei unserer Arbeit: Du rennst und machst - und am Ende überholen Dich die Geschehnisse des Tages und es tun sich neue Problemfelder auf.

Aber natürlich bin ich ein wenig über die derzeitige Entwicklung erleichtert. Aufatmen kann ich erst dann, wenn auch das Innenministerium einen Wechsel erlebt. Ich sehe die Gefahr nie an der vordersten Front - die Denker hinter der Sache sind das wahre Übel! Populisten sind austauschbar.

Irgendwie ist das sogar mit uns vergleichbar. Ich bin der Unwichtigste, somit austauschbar. Leute wie Du, Rose (ganz wichtig, auch wenn im Forum nicht so aktiv), Ellena, Fraences oder auch Lycisca und noch viele Andere sind diejenigen welche bewusst oder unbewusst unseren Meinungsfindungskurs mitlenken. Ich wäre sogar zu behaupten, dass ganz viele nur mitlesen, zum Teil nicht einmal einen Account haben - aber sich trotzdem vor Ort oder per Mail/Telefon artikulieren.

Der Unterschied ist (zum Glück) das Niemand von uns die Sache selbst - das Anliegen der SexarbeiterInnen, deren Meinungen, Wünsche und Bedürfnisse, aus den Augen verliert. Bei der FPÖ ist die Basis nicht das Thema - man politisiert manipulativ. Man spielt mit Ängsten. Denkt nach, worauf der mögliche Wähler reagieren könnte. Hier steht nicht die eigentliche Aufgabe (Nach Außentragen der Meinung meiner WählerInnen) im Vordergrund, sondern die Manipulation Derer. Wie gesagt: Der Innenminister ist derjenige, der mir am meisten Sorgen bereitet.

Richtig aufatmen wird es (kann es) wahrscheinlich nie geben. Zurzeit fragt man sich europaweit, wer hier wem rechts überholen will.....


Liebe herzliche Grüße

christian

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Re: Zwangsuntersuchung Schnirchgasse wird immer schlimmer

#334

Beitrag von Kasharius » 2019-05-20, 15:27

Ach mein lieber @Zwerg/Christian

Deine Bescheidenheit übertrifft noch Dein Engagement undDeine Kompetenz. Überlass das Tiefstapeln bitte mir...zwinker

Zur Diskussion um den Innenminister s. hier https://orf.at/stories/3123361/

Ansonsten bleiben wir alle dran, an der Schnirchgasse und allem anderen...

Kasharius grüßt und dient Euch weiter still und bescheiden!

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