„Nur neugierig“
Von Ute Vetter
Erst einen Prosecco trinken, dann das „Eros Center“ inspizieren – das bieten die „Bordellführungen von Frauen für Frauen“ des Frankfurter Vereins „Doña Carmen“. Vorsitzende Juanita Henning will so mit Klischees über das Rotlichtmilieu aufräumen. Vor allem bekämpft sie die für Ende 2014 geplante Reform des Prostitutionsgesetzes.
„Wir nennen uns Sex-Arbeiterinnen“: Francis im gelben Kleid erzählt den 20 Teilnehmerinnen der Führung von ihrem Job.
Nüchterner könnte ein Ausflug ins Rotlichtmilieu kaum beginnen: Die 20 Teilnehmerinnen treffen sich bei „Doña Carmen“ in der Elbestraße 41. Holzdielen, einfache Tische und weiße Wände bestimmen das Bild, im Fenster hängen Transparente und politische Forderungen des „Vereins für soziale und politische Rechte von Prostituierten“. Nur die Junkies vor einer Drückerstube gegenüber und die blinkenden Fassaden der Lokale zeugen davon, dass hier das Herz des Rotlichtmilieus schlägt.
„Ist das ein Beruf?“
Juanita Henning begrüßt die Frauen, die jeweils 30 Euro für die Tour inklusive Getränk bezahlt haben. Es sind Mütter, Studentinnen, Rentnerinnen, Hausfrauen und Angestellte – sie wollen hinter die Fassade blicken. Silke hat eine Freundin mitgebracht und findet das „Thema spannend“. „Ist das ein Beruf?“, fragt sie in der Einführungsrunde, „wie fühlen sich die Frauen im Bordell, sind sie sicher bei der Arbeit?“ Drei Journalistinnen haben zuvor Diskretion zugesichert.
Nadja hat eine Freundin, die sich in der eigenen Wohnung prostituiert, sie will „einfach mehr erfahren“. Esther ist ihre Kollegin, die den ersten Lacher erntet mit der Bemerkung: „Wir reden halt viel über Sex auf der Arbeit!“ Ladislava fragt nach „Rechten und Pflichten“ der Prostituierten, will wissen, wie Telefonsex funktioniert. Monika arbeitet bei einer Bank um die Ecke und findet das Nebeneinander der so unterschiedlichen Milieus „erstaunlich“. Nicole ist Sozialarbeiterin und in der Schwangerenberatung tätig, sie interessiert sich für den Beratungsbedarf der Huren. Gudrun, die Älteste, ist „nur neugierig“. Alle gehören offenbar zur gutbürgerlichen Mittelschicht.
Die „bekennende Hure“ Francis (54), Engländerin, erweist sich als unerschöpfliche Wissensquelle. Ungeschminkt, mit Kurzhaarfrisur und im gelben Sommerkleid sieht sie aus wie eine freakige Kleingärtnerin. „Nutte ist ein Schimpfwort, Hure ist okay, aber eigentlich nennen wir uns Sex-Arbeiterinnen“, sagt sie und steckt sich die vermutlich 50. Zigarette dieses Tages an.
Juanita Henning, Chefin von „Doña Carmen“, ist eine kleine Frau mit großem Herzen und schier unerschöpflicher Energie und wirkt mit ihrer bunten Brille und der Pferdeschwanzfrisur wie eine moderne Mutter Courage des Viertels. „21 Bordelle gibt es in Frankfurt, in denen rund 900 Frauen täglich arbeiten, von denen rund 46 Prozent aus Rumänien und Bulgarien und etwa 43 Prozent aus Lateinamerika, genauer Kolumbien und Dominikanische Republik stammen“, rattert sie herunter.
Drogen und HIV seien kaum mehr ein Thema, Prostitution sei nicht automatisch auch sittenwidrig, fürs Viertel gebe es eine Sperrgebietsverordnung, unterbrochen von Toleranzzonen, Prostitution sei nur in Bordellen erlaubt, nicht auf der Straße. Sie zitiert Gesetzestexte aus dem Handgelenk, sagt „Menschenhandel ist keine Realität“ und kritisiert die „Negativfolie, die vom Bild der Prostitution herrscht“.
Zoff mit Alice Schwarzer
Dass sich Juanita schon öffentlich mit der Feministin Alice Schwarzer wegen deren „Appell gegen Prostitution“ und der Strafrechtsexpertin Margarete von Galen wegen eines Interviews zur Gesetzesreform im Berliner „Tagesspiegel“ politisch überworfen hat, wissen die Teilnehmerinnen nicht. Sie wollen (nackte) Tatsachen sehen.
Die Tour beginnt. Es geht in die Sport- und Animierbar „My Way“ in der Taunusstraße um die Ecke. Barfrau Claudia erzählt, dass ihre Animierdamen nur reden und sich zu Getränken einladen lassen (ein Glas Prosecco 18 Euro, eine Flasche Champagner 300 Euro). Männer, die mehr wollen, müssen nach nebenan ins Bordell „Eros Center“. Die „Carmen“-Gruppe darf durch einen Hintereingang eben dort hinein und den Aufzug in den 5. Stock nehmen. Dort steht Bernd (42), ein Hüne. Der „Wirtschafter“ mit der sanften Stimme und dem bulligen Körper ist Mitglied der „Hells Angels“. Mit vier „Kollegen“ sorgt er im Drei-Schicht-Dienst für Sicherheit. Nur selten passiere was, sagt er, man glaubt ihm aufs Wort. Das Bordell heißt „Laufhaus“, weil die Männer von Etage zu Etage laufen. Das triste, enge Treppenhaus hat rote Wände, die Fenster sind verklebt mit roter Folie, auf jeder Etage gibt es drei bis vier Zimmerchen, viele ohne Fenster. Die Sex-Arbeiterinnen tragen ihre „Uniform“ – erotische Unterwäsche.
„Leyly“ aus Kolumbien hat ihren Arbeitsplatz, in dem sie auch lebt, mit künstlichen Rosen, weißen Häkelgirlanden, Lichterketten und Erotikfotos von sich verziert. Sie spielt laute, fröhliche Popmusik vom Laptop. Das Zimmer einer jungen Bulgarin sieht aus wie im Mädchenheim: Ein Plüschtiger auf dem Bett, ein Minifernseher auf einer billigen Kommode, ein weißer Kühlschrank in der Ecke, Linoleumboden und ein Bettvorleger wirken nicht erotisch, eher zweckdienlich. In den Fluren sind Kameras installiert. „Wegen der Sicherheit“, sagt Bernd. Für ein Zimmer zahlt jede Prostituierte täglich 140 Euro, 15 Euro gehen „für die Steuer ab“, dafür gibt’s zwei Küchenpapier-Rollen und drei Getränkedosen aus der Puffküche. Ein älterer Mann in Motorradkluft steigt die Treppen hinauf. Die fremden Frauen irritieren ihn kaum, er will zu „Leyla“.
Bernd begleitet die erste Gruppe zurück ins „My Way“, die anderen Besucherinnen scharren schon mit den Füßen. Selbst Francis ist etwas erschöpft vom vielen Reden. Zurück in den Vereinsräumen dreht sie noch einmal auf, erzählt direkt und fröhlich von ihrer Sex-Arbeit: Dass sie Kunden nicht küsst (obwohl das heute viele Huren täten), dass sie Männer „spielerisch“ zum Duschen bringt, wenn sie schlecht riechen. Die Teilnehmerinnen stellen viele Fragen, alle werden beantwortet. Juanita redet erneut über die Nachteile des Prostitutionsgesetzes, die „absurden“ Sonderbesteuerungen der Huren, die geplante Neuregelung durch die schwarz-rote Bundesregierung mit einer Anmeldepflicht für Prostituierte, Kondomzwang, einer Wiedereinführung der Zwangsuntersuchungen durchs Gesundheitsamt und der Erlaubnispflicht für Prostitutionsstätten. „Ich kämpfe für die Entkriminalisierung, die rechtliche Gleichstellung mit anderen Erwerbstätigkeiten, die Anerkennung von Sexarbeit als freiberufliche Tätigkeit und die Ausgestaltung einer gewerblichen Anerkennung von Prostitution“. Doch da sind die meisten Frauen schon gegangen, aufgekratzt wie nach einem Betriebsausflug. Sie gehen vorbei an Eingängen, in denen Animierdamen mit leeren, müden Augen stehen.
Wer eine Führung mitmachen möchte, wendet sich unter T. (0 69) 76 75 28 80 an „Doña Carmen“. Der Verein finanziert sich nur über Fördermitglieder und private Spenden: Frankfurter Sparkasse, Konto 46 61 66, BLZ 500 502 01.
http://www.fnp.de/lokales/frankfurt/Nur ... 675,913132