Der goldene Drachen. Theateraufführung

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fraences
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Der goldene Drachen. Theateraufführung

Beitrag von fraences »


"Der goldene Drachen": Roland Schimmelpfennigs preisgekröntes Stück hatte im Großen Haus des Heilbronner Theaters Premiere
Verfremdung statt Betroffenheit



In einem China-Thai-Vietnam-Restaurant verblutet ein junger Koch, weil er als Illegaler - nachdem ihm ein fauler Zahn herausgerissen worden ist - nicht zum Arzt gebracht werden kann. In einer zur Lagerhalle umfunktionierten Wohnung stirbt eine junge zur Prostitution gezwungene Ostasiatin nach dem Missbrauch durch einen besoffenen Freier.

Das sind keine schönen Themen und - auf die Bühne gebracht - könnten sie als Doku-Drama für Betroffenheit beim Publikum sorgen. Betroffenheit vernebelt aber den Blick auf die Ursachen von Ausbeutung oder von Machtstrukturen. Gerade das aber will der Theaterautor Roland Schimmelpfennig: Die Ursachen für das Verhalten von Menschen, für ihre Wünsche, Ängste, Fehler, Grausamkeiten reflektieren, durchsichtig machen.

Schimmelpfennig wählte also in dem Stück "Der goldene Drache" formal das genaue Gegenstück zum Dokumentartheater: Ein jede Illusion ablehnendes und jede Identifikation unterlaufendes Theater der Verfremdung. Ein Theater, das den Zuschauer mit einer dichten Komposition und schnellen Szenenwechseln fordert, ihn mit wenigen Requisiten und kargem Bühnenbild zum Denken auffordert, zu Reflexion statt Mitgefühl.

Das hört sich ziemlich intellektuell an, ist es sicher auch. Aber Schimmelpfennigs vielschichtiger Text lässt einer Inszenierung auch so viel Spielraum, dass der Regisseur lustvolles lebendiges Theater daraus machen kann. In Heilbronn, wo "Der goldene Drache" am Samstag am Großen Haus Premiere hatte, ist Johanna Schall das gelungen. Sie inszeniert auf der Bühne von Horst Vogelgesang das Stück als temporeiche Groteske, als eine Art Zirkusrevue mit einem melancholischen Schluss.

Abbild der Gesellschaft
Der "goldene Drache" führt uns in ein mehrstöckiges Haus, das so etwas wie das Abbild der Gesellschaft ist. Unten schuften fünf Köche in der winzigen Küche des Restaurants, darüber lebt ein alter Mann, der seiner verlorenen Jugend nachtrauert. Zwei Stewardessen ziehen sich hier zwischen zwei Langstreckenflügen in ihre Wohnungen zurück. Ein Lebensmittelhändler hat seine Wohnung zum Warenlager gemacht, ein Mann wird gerade von seiner Frau verlassen, die sich in einen anderen verliebt hat, eine junge Frau informiert ihren Freund darüber, dass sie ein Kind erwartet.

Ihre Geschichten lässt der Autor in winzigen Szenen (48 sind es in dem eineinhalb Stunden langen Stück) nebeneinander her laufen, bis sie sich zu einem gemeinsamen Schluss zusammenfügen. Dabei werden alle Rollen von fünf Schauspielern übernommen. Das Prinzip dabei ist, dass sie jeweils die ihrem Typ entfernteste Rolle übernehmen. Männer spielen also Frauen, Alte spielen Junge. Szenenanweisungen und -kommentare werden mitgesprochen, die Mini-Szenen folgen ohne Übergang aufeinander. In die Handlungsfäden aus dem "goldenen Drachen" flicht der Autor zudem kunstvoll die Fabel von der Ameise und der Grille von Jean de La Fontaine ein.

Die von allen fünf Schauspielern gemeinsam gesprochenen Gerichte des Restaurants - "Nummer 30: Bami Goreng - gebratene Nudeln mit Hühnerfleisch. Shrimps, Curry und Gemüse (leicht scharf") - strukturieren den Text, der schmerzende Zahn, der schließlich mit einer Rohrzange ausgerissen wird, in einer Suppe landet und wie der tote Koch im Fluss entsorgt wird, die Handlung. Die formale Meisterschaft Schimmelpfennigs ist frappierend - zum Beispiel wird der rasende Rhythmus der Szenen kurz vor Schluss durch eine elegische Totenklage unterbrochen.

Johanna Schall fand die richtigen Bilder für Schimmelpfennigs Text, ließ ihre fünf Schauspieler - ausgezeichnet: Sebastian Weiss, Sabine Unger, Stefan Eichberg, Till Schmidt und vor allem Susan Ihlenfeld - von einem Augenblick auf den anderen die größtmöglichen Stimmungswandel vollführen, von der kühlen Kommentierung bis zum intensiven Spiel. Vom Premierenpublikum erhielten die Regisseurin und die Akteure langen Beifall.

Die nächsten Aufführungen von "Der goldene Drache" sind am 18., 19., 21. und 27. Januar.

http://www.fnweb.de/nachrichten/kultur/ ... 40215.html
Wer glaubt ein Christ zu sein, weil er die Kirche besucht, irrt sich.Man wird ja auch kein Auto, wenn man in eine Garage geht. (Albert Schweitzer)

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