Die deutsche Polizei und ihre Hexenjagd auf Prostituierte

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Die deutsche Polizei und ihre Hexenjagd auf Prostituierte

Beitrag von fraences »

Die deutsche Polizei und ihre Hexenjagd auf Prostituierte

von Greta Hofmann

Zugegeben, Deutschland ist nicht gerade das erste Land, das man mit einer liberalen Einstellung zu Sex assoziieren würde. Eigentlich dachten wir, Angela Merkel hätte diese Idee für immer aus unseren Köpfen verbannt. Dennoch sind wir überraschenderweise eine der wenigen Nationen in Europa—momentan sind es insgesamt acht—in denen Prostitution absolut legal und sogar gesetzlich geregelt ist, dank eines Gesetzesentwurfs der rot-grünen Koalition von 2002. Damit galt der vermeintlich „älteste Beruf“ zum ersten mal nicht mehr als sittenwidrig, Prostituierte konnten ein Gewerbe anmelden und hatten im allgemeinen eine gute Zeit.

„Früher konnte man schon wegen Beihilfe belangt werden wenn man einer Prostituierten Kondome und saubere Handtücher zur Verfügung stellt. Das ist heute nicht mehr so“, erzählt Undine de Rivière, die schon seit über 20 Jahren im Geschäft ist.


Das könnte sich allerdings schnell wieder ändern. Die CDU bezweifelt schon seit langem die Effizienz des Gesetzes, das Deutschland zum „Paradies für Freier und zur Vorhölle für viele Prostituierte“ macht, wie es der Fraktionsvorsitzende Günter Krings ausdrückt. Gleichzeitig hat die altgediente Superfeministin Alice Schwarzer ihre eigene Kampagne gegen Sexarbeiterinnen gestartet und predigt landauf und landab gegen Menschenhandel und Korruption.

Folglich könnte das Gesetz, das das Leben der Sexarbeiter in den letzten Jahren je nach Sichtweise verbessert oder zur Vorhölle gemacht hat, bald ersetzt werden. Und zwar durch eines, das jegliche Verwicklung in die Sexindustrie wieder illegal machen würde—um die Prostituierten vor sich selbst zu schützen oder die Gesellschaft vor ihnen, was auch immer zuerst zutrifft.

Genau wie Alice Schwarzer wollen die Femen Prostitution verbieten

Die Medienberichte sind dabei auffallen einseitig, und die weibliche Opferdarstellung in diversen Talk Shows grenzt beinahe an Hysterie. Wirklich zuverlässige Zahlen gibt es nicht. Schätzungen zufolge arbeiten in Deutschland zur Zeit etwa 400,000 bis 700,000 Menschen in der Sexindustrie—laut Schwarzer ganze 90 Prozent davon unfreiwillig.

Die Prostituierten selbst sind weitgehend anderer Ansicht und wollen beweisen, dass ihr Job wirklich wie jeder andere ist—und bei weitem angenehmer als, sagen wir, ein Barjob in Neuköln. Viele von ihnen fordern deshalb die gleichen Ansprüche auf Versicherung und amtliche Gewerbeanmeldung, die auch Freelancer haben. Die Realität zeigt, wie weit sie davon noch entfernt sind.

Deva Glöckner betreibt seit zweieinhalb Jahren ein Tantra Massage Studio in München. Etwa alle zwei bis drei Wochen kommt die Polizei zu ihr zur Ausweiskontrolle. „Ich frage dann immer ob sie reinkommen wollen aber sie führen die Kontrollen lieber draußen durch, vorgeblich zu unserer eigenen Sicherheit. Aber ich fühle mich nicht sicher, wenn mir die Sicherheit aufgezwungen wird.“ Das Bild der kriminellen und unterdrückten Prostituierten, sagt Glöckner, wird den Polizeianwärtern schon in der Ausbildung beigebracht.


Klar, Menschenhandel und Sexualvergehen müssen und sollen in jedem Staat verfolgt und bestraft werden. In Deutschland scheint die Polizei das aber fast zu einer Art Sport gemacht zu haben.

„Das gesamte Stadtzentrum von München ist mittlerweile Sperrgebiet, was auch Prostituierte einschließt, die ihre Kunden im Hotel besuchen wollen“, erklärt Undine de Rivière. „Die Polizei kontrolliert die Einhaltung durch Scheinbuchungen bei Prostituierten, und wenn die Frauen dann zu der vermeintlichen Verabredung erscheinen, werden sie festgenommen.“

Die Münchner Polizei rechtfertigt ihre Maßnahmen damit, dass „Prostitution auch immer mit anderen Verbrechen einher geht“, wie ein Sprecher der Münchner Polizei die Situation zusammenfasst. „Und die Frauen müssen davor beschützt werden.“ Dass das Gesetz von 2002 im Grunde eine gute Sache ist, denken die Polizisten trotzdem. Richtige Einstellung, falsche Ausführung?

Es scheint zumindest so, wenn man bedenkt, dass die Sperrgebiete in ganz Deutschland wachsen. In Essen zum Beispiel ist es Prostituierten vom Straßenstrich seit kurzem nur noch erlaubt, ihre Kunden auf sterilen, betonierten „Ausweichflächen“ zu empfangen, um die ganze Sache—nun ja, gesünder zu machen. Wenn das Gesetz gegen Prostitution verabschiedet wird, würde das außerdem bedeuten, dass Prostitution in Kleinstädten unter 50000 Einwohnern verboten ist, wohl um Sex möglichst effektiv von den braven Bürgern fernzuhalten. Aber warum der plötzliche Rückfall zu zur Hexenjagd und Schwarzmalerei?

„Ich glaube, wir müssen die Situation im Gesamtkontext von dem sehen, was gerade in Deutschland passiert“, sagt Undine de Rivière, die damals als Prostituierte angefangen hat, um ihr Physikstudium zu finanzieren. „Die Hamburger Bezirke St. Pauli und St. Georg wurden gerade erst zur Gefahrenzone erklärt, was bedeutet dass die Polizei jederzeit Ausweise und Wohnungen kontrollieren kann. In manchen Restaurants dürfen die Besitzer nicht mal mehr Messer auf die Außentische legen, weil die ja als Waffen gelten.“

De Rivière ist eine der Frauen, die durch das Raster jener Politiker fallen, die Prostituierte nur als Opfer ansehen, die man vor sich selbst beschützen muss. Zusammen mit einigen Kolleginnen hat sie 2013 den Berufsverband Erotischer und Sexueller Dienstleistungen gegründet, der die Anerkennung der Prostitution als ganz normales Gewerbe fordert – entgegen der weitläufigen politischen Linie. Mittlerweile haben sie rund 2000 Unterschriften gesammelt, unter anderem von Christian Ulmen, Armin Rhode und Gunter Gabriel.

Die Einstufung der Hamburger Stadtteile zum Gefahrengebiet geht auf Ausschreitungen anfang Januar dieses Jahres zurück. Die Kontrollen wurden aber schon früher verschärft. „Wenn man sich Wien anschaut, ist es klar, dass das Prostitutionsgesetz von 2011 dort als Hebel für andere Dinge verwendet wird“, sagt de Rivière. „Dort ist per Definition jede Wohnung eine Stätte der Prostitution, bis das Gegenteil bewiesen ist. Wenn man also als Frau häufigen Männerbesuch hat und der Nachbar einen Anruf macht, kann es gut sein, dass eines Tages die Polizei vor der Tür steht.“

Aber warum hat unsere Gesellschaft so viel Angst vor ihren Sexarbeitern? „Es geht nicht nur im die Sexarbeiter“, erklärt de Rivière. „Momentan wird auch diskutiert, ob es an Schulen noch Aufklärungsunterricht geben sollte oder ob man den Kindern beibringen soll, dass Homosexualität ein ganz normaler Lebensentwurf ist. In ganz Europa findet gerade ein konservativer Rollback statt.“

Für die Frauen, die in Bordellen oder als freiberufliche Prostituierte arbeiten, bedeutet das nichts gutes. Der Job, den sie in den letzten 12 Jahren mehr oder weniger friedlich ausüben konnten, wird sie vielleicht schon bald zu Kriminellen machen und sie vor die Wahl stellen, entweder das Risiko einzugehen oder ihr Gewerbe aufzugeben. Ob sich damit Menschenhandel und Kriminalität eindämmen lassen, ist ungewiss. Für Undine de Rivière und ihre Kolleginnen ist die Entscheidung nicht schwer: „Sexarbeit fand und findet auch immer unter widrigen Umständen statt. Und was verboten ist, wird teurer—daher mache ich mir keine Sorgen um meinen Lebensunterhalt, sondern nur um meine Rechte.

http://www.vice.com/de/read/wie-die-deu ... rce=vicefb
Wer glaubt ein Christ zu sein, weil er die Kirche besucht, irrt sich.Man wird ja auch kein Auto, wenn man in eine Garage geht. (Albert Schweitzer)

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bienemaya
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Beitrag von bienemaya »

Ein sehr schöner Artikel....gefällt mir.