Fucking Hell!
Eine Streitschrift zur Prostitutionsdebatte
von:
Text: Mithu Melanie SanyalMithu Melanie Sanyal ist promovierte Kulturwissenschaftlerin, Autorin und Journalistin. Als Tochter eines indischen Vaters und einer polnischen-deutschen Mutter, Frau eines englischen Musikers sowie Mutter und Stiefmutter zweier Kinder ist sie Expertin im Zwischen-den-Stühlen-Sitzen.
Alice Schwarzers fragwürdige, konservative und pauschalisierende Initiative gegen Prostitution hat eine feurige Diskussion um das sogenannte älteste Gewerbe der Welt ausgelöst. Dabei sind die Positionen von Schwarzer und ihrer Allianz vor allem bevormundend und sexistisch. Eine Streitschrift zur Prostitutionsdebatte.
Eigentlich sollte man Alice Schwarzers Appell gegen Prostitution nicht noch mehr Aufmerksamkeit schenken – wenn er nicht bereits so viel Aufmerksamkeit erhalten hätte. Denn das ist das Gesetz der Mediengesellschaft: Wenn über etwas erst einmal lange genug geredet wird, dann wird auch weiter darüber geredet, und wir müssen uns mit den dabei generierten Meinungen auseinandersetzen. Und Schwarzers Meinung ist eindeutig: Prostitution ist die Ausbeutung von Frauen – nämlich den Prostituierten – durch Männer. Dass nicht nur Frauen sexuelle Dienstleistungen anbieten, blendet sie dabei fröhlich aus, mehr noch impliziert sie, dass das nur für Frauen ein Problem sei. Das ist auf so vielen Ebenen sexistisch, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll.
DIE DEFINITION(EN)
Vielleicht damit, klarzustellen, worüber wir überhaupt sprechen, wenn wir von Prostitution sprechen. Das Problem ist nur, dass niemand wirklich sagen kann, wo Sexarbeit anfängt und wo sie aufhört – genausowenig, wie wir sagen können, wo Sex anfängt und wo er aufhört. Äußerungen über alle Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen sind deshalb nicht nur unmöglich, sie sind auch so gefährlich wie alle anderen gruppenbezogenen Aussagen. Die Menschen, die Schwarzers Appell unterzeichnet haben, sehen das anders, und das ist ihr gutes Recht. Allerdings ist es nicht mehr rechtens, diese Meinung anderen Menschen um den Preis ihrer Entmündigung aufzuzwingen.
Nun ist das Wort Prostitution zwar weder eine präzise Berufsbeschreibung, noch beinhaltet es festgelegte Handlungen, dafür ist es aber ein mit moralischen Urteilen aufgeladenes Konzept. Anfang des 20. Jahrhunderts galten Prostituierte als pervers und/oder geisteskrank (die Psychopathologie der Prostitution). Wenn Schwarzer sie heute durch die Bank zu Opfern erklärt, ist das nur auf den ersten Blick besser, da für Opfer ebenso wie für Verrückte gilt, dass sie nicht in der Lage sind, eigene Entscheidungen zu treffen, und deshalb (im Notfall auch vor sich selbst) geschützt werden müssen – zumindest wenn man Schwarzers Rhetorik folgt, nach der alle Prostituierten entweder durch Menschenhändler, Armut oder Zuhälter in ihre Situation gezwungen werden oder weil sie zu ungebildet, drogenabhängig oder traumatisiert sind.
Egal was sie selbst sagen: »Warum tue ich mir so was noch an? In einer Runde sitzen mit einer Prostituierten, deren Augen so etwas ganz anderes sagen als ihr Mund«, seufzt Schwarzer, und wenn Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen dann immer noch widersprechen, unterstellt sie ihnen illegitime Motive, subsumiert unter dem Begriff »Prostitutionslobby«. Eine politische Meinung zur Prostitution dürfen nur Nicht-Prostituierte haben und solche, die es werden wollen.
Natürlich ist Freiwilligkeit eine komplexe Angelegenheit, da wir alle in den unterschiedlichsten Zwängen leben und damit umgehen müssen. Aber Konsens ist relativ eindeutig und wird auch bei seriöser Sexarbeit vorher ausgehandelt. Und alles andere ist in Deutschland verboten – vor und nach der Gesetzesänderung von 2002.
Das heißt nicht, dass es nicht passiert, es heißt nur, dass das gar nicht das ist, worüber zurzeit debattiert wird. Genauso wenig ist es in Wirklichkeit der Menschenhandel, der in Deutschland ja auch illegal ist und keineswegs ausschließlich zum Ziel der Prostitution stattfindet. (Da muss man nur auf den Bau schauen oder fragen, wer in der Landwirtschaft die unangenehmen Aufgaben übernimmt wie Spargel stechen oder in Großschlachthöfen placken.) Und auch Armut wird durch das Verbot der Armutsprostitution ja noch nicht abgeschafft.
DIE RETTUNGSINDUSTRIE
Es gibt keine Zahlen, die belegen, dass eine liberale Gesetzgebung zur Prostitution Menschenhandel begünstigt, wohl aber Studien, die zeigen, soweit man das in diesem deregulierten Bereich überhaupt kann, dass es in Ländern mit restriktiveren Gesetzen – wie dem gerne als Vorbild hochgehaltenen Schweden – keine signifikanten Unterschiede zu Deutschland gibt (weniger als eine Prostituierte pro 100.000 Einwohner in beiden Ländern im Jahre 2010).
Ja aber, wie ist das dann mit der EU-Studie von 2011?
Nun mag zwar Alice Schwarzer behaupten, dass diese Studie das Gegenteil belegen würde, nicht jedoch die Durchführenden, die offen zugeben, dass ihre Datengrundlage die mediale Berichterstattung war, also der gefühlte Menschenhandel. Eine Sprecherin der Sexarbeiter-und-Sexarbeiterinnen-Organisation Hydra brachte das auf den Punkt: »Alles, was nicht freiwillig ist, ist auch jetzt verboten. Ein generelles Verbot der Prostitution ist insofern ausschließlich ein Verbot der freiwilligen Prostitution.«
Doch unfreiwilliger Sex ist – mit oder ohne Bezahlung – keine Prostitution, sondern Vergewaltigung, und Vergewaltigung will ich nicht als Zwangsprostitution bezeichnen. Und – auch das kann man nicht häufig genug klarstellen – bei Sexarbeit wird lediglich eine vorher spezifizierte Dienstleistung verkauft und kein Mensch, auch wenn Schwarzer darauf beharrt, dass es sich hier um Frauenkauf handele.
Von der Sklaverei ist es nur ein Katzensprung zur »white slavery«, die Schwarzer aus der Mottenkiste gekramt hat und damit sofort Bilder von halbnackten blonden Mädchen hervorruft, die von lüsternen schwarzen oder braunen Männern entführt werden, um in irgendwelchen Harems als Sexsklavinnen zu dienen. Nur hatte das auch Anfang des 20. Jahrhunderts zur Hochzeit der Mädchenhandelsangst wenig mit der Realität, dafür aber umso mehr mit Rassismus zu tun. Ab 1904 gab es internationale Abkommen gegen »weiße Sklaverei« mit dem Ziel, alleinstehende Frauen – am besten gleich in ihren Heimatländern – von der Migration abzuhalten. Darin unterscheidet sich der Mädchenhandelsdiskurs damals kaum vom Menschenhandelsdiskurs heute. In Bezug auf »white slavery« ist inzwischen belegt, dass sie nicht annähernd so verbreitet war wie allgemein vermutet. Historiker und Historikerinnen bezeichnen sie als »moralische Panik«.
Alice Schwarzer ist ja keineswegs die erste, sondern steht in einer Linie von Rettern und Retterinnen, die so lang ist, dass von einer Rettungsindustrie gesprochen wird. Annie Sprinkle, Sexualwissenschaftlerin und Post-Porn-Künstlerin, schrieb vor kurzem: »Ich lese immer wieder von Aktivisten und Aktivistinnen, die Sexworkern Umschulungen in den Bereich der Altenpflege, Putzen etc. anbieten. Diese Berufe sind wichtig und ich respektiere sie, aber warum schult niemand Sexworker zu Lehrern und Lehrerinnen, Ärzten und Ärztinnen oder Therapeuten und Therapeutinnen um?«
Bloß weil man besonders laut sagt, wie scheiße die eigene Vorstellung von Prostitution ist, entspricht sie dadurch noch nicht der Wirklichkeit.
DIE VIELEN FACETTEN VON SEXARBEIT
Aber was wissen wir überhaupt von Prostitution? Werden wir persönlich – da bei diesem Thema bereits viel zu viel über Menschen gesprochen wurde –: Was weiß ich über Sexarbeit?
Ich muss zugeben, dass es in meinem Freundeskreis nur fünf Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen gibt, vier Frauen und einen Mann, mit denen ich mich nie über ihre Arbeit unterhalte, weil ich dem nichts hinzuzufügen habe. Ich kann ihnen nur mit offenem Mund zu Füßen sitzen – und versuchen, so schnell wie möglich mitzuschreiben. Wo hört man schließlich sonst Sätze wie: »Viele Klienten wissen gar nicht, was sie wollen. Wenn ich am Intercom sitze und frage, sind die meisten völlig überfordert und sagen nur: ›Oh das Normale.‹« Oder ein anderes Zitat aus meiner Notizensammlung: »Manchmal mag ich die Art nicht, wie – nicht alle aber manche – Kollegen und Kolleginnen über Klienten und Klientinnen reden, als wären sie sozial dysfunktional. Und ich finde: Nein, diese Menschen sind unsere Lebensgrundlage, und wir bieten einen wirklich erstaunlichen Service, und mal ist dieser Service Intimität und mal energetisches Ficken.« Damit will ich nicht sagen, dass diese Erfahrungen die Regel sind, doch dadurch sind sie nicht weniger wahr. Wie passt das zu Alice Schwarzers Hochrechnung (auf Basis von Zahlen, die bereits vor 30 Jahren obsolet waren), dass zwei Drittel aller deutschen Männer nichts lieber machen, als zu Prostituierten zu gehen, um einmal wirklich Macht über eine Frau zu haben?
Letztes Jahr lief The Sessions im Kino. Der Film basiert auf der wahren Geschichte des Autors Mark O’Brien, der vom Hals abwärts gelähmt war und von einer Zeitung den Auftrag erhielt, über Surrogatpartner zu schreiben, also Sexualtherapeuten und Sexualtherapeutinnen, die mit ihren Klienten Sex haben. Seine Schilderungen, wie er zum ersten Mal vor einem Menschen nackt ist, der kein Arzt oder Pfleger ist, zum ersten Mal körperliche Intimität erfährt wie das sein Leben verändert, sind herzzerreißend. Wollen wir das direkt mitverbieten? Oder ist Sex auf Krankenschein (wobei Krankenkassen in Deutschland diese Leistung nicht übernehmen, im Gegensatz zu den Niederlanden und Dänemark) plötzlich nicht mehr schädlich für die Anbieter und Anbieterinnen, weil sie sich ihren Klienten und Klientinnen überlegen fühlen können?
Ich möchte mich für meinen Zynismus entschuldigen. Aber diese Art von Menschenbild macht mich wirklich zynisch. Unsere Haltung zu Prostitution ist ein ziemlich genauer Spiegel unserer (sexuellen) Geschlechtervorstellungen. Und ich finde es merkwürdig, dass über Sexismus in der Regel nur dann gesprochen wird, wenn ... Sex im Spiel ist. Dabei fangen Sexismus, Rassismus und alle anderen Ismen weder bei der Frage des Körpers an noch hören sie dort auf. Natürlich ist Sexualität kein machtfreier Raum, aber genauso wenig ist es das Gesundheitswesen oder Fernsehgucken oder an der Börse zu spekulieren.
DIE TATSÄCHLICHE SITUATION
Das »Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten« vom 1.1.2002 ist eines der liberalsten weltweit. Seitdem ist Prostitution bei uns nicht mehr sittenwidrig. Die Schaffung von guten Arbeitsbedingungen und die Ausgabe von Kondomen sind nicht mehr als »Förderung der Prostitution« strafbar. Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen können sich kranken- und sozialversichern (Steuern bezahlen mussten sie immer schon, so sittenwidrig war Prostitution dann doch nicht) und sie können klagen, wenn sie ihr Geld nicht bekommen.
Verbessert hat sich dadurch die Situation der Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen und nicht die derjenigen, die sie ausbeuten. Der Paragraf 180a besagt explizit, dass »mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft« wird, wer »gewerbsmäßig einen Betrieb unterhält oder leitet«, in dem Prostituierte »in persönlicher oder wirtschaftlicher Abhängigkeit gehalten werden«. Dass bisher trotzdem keine Kommission eingerichtet wurde, um Mindeststandards festzulegen, liegt daran, dass alle Angst vor diesem heißen Eisen haben und unsicher sind, ob Sexarbeit nun wirklich eine Arbeit ist wie jede andere auch, oder ob unter dem Mantel der Prostitution das nach wie vor hierarchische Geschlechterverhältnis unserer Gesellschaft stabilisiert wird.
Das ist eine ethische Frage, auf die ich in letzter Instanz keine Antwort habe, allerdings wäre ich persönlich lieber Sexarbeiterin als Soldatin, aber jeder hat seine eigenen Grenzen und ich respektiere diese. (Obwohl ich einen Appell, der Militärs international verbietet, sofort unterschreiben würde. Schauen wir uns nur die Sachlage an: Militärs sind für deutlich mehr Traumatisierungen verantwortlich als Prostitution, und Menschenhandel wird durch Militärs und deren Folgen – zum Beispiel Krieg – massiv unterstützt.)
Was mich allerdings viel mehr interessiert, ist, wie ich als Feministin Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen unterstützen kann. Immer am 17. Dezember ist der internationale Tag, um Gewalt gegen Sexarbeiter und Sexarbeiterinnen zu beenden, und zu dieser Gewalt gehört meiner Meinung nach auch, das Stigma weiter aufrechtzuerhalten. Deshalb möchte ich mit meiner Heldin Annie Sprinkle enden, die 40 Gründe aufgelistet hat, warum Huren ihre Helden und Heldinnen sind. Nr. 23 ist:
Huren machen weiter, auch wenn sie heftigsten Vorurteilen ausgesetzt sind.
www.spex.de/2014/02/22/streitschrift-zu ... nsdebatte/
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Wer glaubt ein Christ zu sein, weil er die Kirche besucht, irrt sich.Man wird ja auch kein Auto, wenn man in eine Garage geht. (Albert Schweitzer)
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