Ebenen der Prostitution Von Marita Blauth
Angeregt durch die vielen Diskussionen hat sich Marita Blauth genauer mit dem Thema Prostitution auseinandergesetzt. Das war für sie bereichernd und Lehrstück in der Komplexität von gesellschaftlichen Phänomenen. Zumal das Spektrum der Interessen und Denkarten von Frauen untereinander weit ist. Das Thema hat viele Ebenen, und nicht alle Ebenen bieten dieselbe Antwort an. Ihre Erkenntnisse und Einsichten teilt Marita Blauth in diesem ausführlichen Beitrag.
Heißt es nicht, beim Geld und beim Sex höre der Spaß auf? Prostitution definiert sich genau hier. Geld und Sex. Brisant. Immer. Dazu kommen: Menschenhandel, Tätigkeit zur Existenzsicherung, Recht, Gewalt, Ethik. Ich möchte die einzelnen Ebenen näher beleuchten.
Geld
Christina von Braun hat mit ihrer Darstellung von Prostitution als „Beleibung des Geldes“ in ihrem Buch „Der Preis des Geldes. Eine Kulturgeschichte“ interessante Anregungen gegeben. Sie schreibt, dass die Geschichte der Prostitution nicht ohne die Geschichte des Geldes und der Geldwirtschaft zu verstehen sei.
Die Entwicklung von den Beglaubigungsformen des Geldes gehen von materiellem Wert (Grund und Boden, Naturalien, Edelmetalle) in immaterielle Zeichen über (Zeichen auf dem Stück Edelmetall, auf dem Blech oder auf dem Papier oder nur noch virtuell). Als Zeichen brauchen sie eine Autorität, einen Herrscher oder eine Gemeinschaft, welche diese Zeichen beglaubigt. In der Opfergabe wird der Wert theologisch begründet und durch die Priester beglaubigt. Alle drei Beglaubigungsarten sind schwankend, unsicher, von vielen Faktoren abhängig. Allen gemeinsam ist, dass man daran glauben muss.
Von Braun zitiert Elias Canettis Buch „Masse und Macht“ um zu beschreiben, wie eng der Glaube an den Wert des Geldes und der Glaube an das Selbst miteinander verknüpft sind. Besonders deutlich wird die reine Zeichenhaftigkeit des Geldes und damit auch seine Fragilität als Glaubenssystems in der Inflation. Canetti schreibt dazu: „Der Mensch, der ihr [der Mark] früher vertraut hat, kann nicht umhin, ihre Erniedrigung als seine eigene zu empfinden. Zu lange hat er sich mit ihr gleichgesetzt. Das Vertrauen in sie war wie das Vertrauen in sich selbst.“
Weil das Geld als reines Zeichensystem seinen Besitzer in den Entwertungsprozess einbezieht, verlangt es nach einem beständigen Wertmesser. Christina von Braun hat die Idee, dass der kommerzialisierbare Körper der Goldstandard des 21. Jahrhunderts ist. Das ergibt Sinn, wenn wir Elemente der Biopolitik des 21. Jahrhunderts betrachten, wo weibliche Eizellen oder Spermien (in Silber- Gold- Platin- oder Diamant Extra-Paketen) zum Kauf angeboten werden, wo Körperteile in Versicherungen nach bestimmten Marktwerten bemessen werden, wo Kinder gekauft werden können, wo „Schönheits“-Chirurgie ein riesiger Markt ist, … und wo eben auch Prostitution vom Rand in die Mitte der Gesellschaft drängt.
Christina von Braun beschreibt, wie mit der Ablösung von der Goldparität, der Aufhebung der Deckung durch die Zentralbanken und zuletzt mit der Einführung von elektronischem Geld sich die Wechselbeziehung von Geld und Prostitution verfestigte. Mit jedem Abstraktionsschub des Geldes wurde die Materialisierung immer wichtiger. Und mit jedem Abstraktionsschub ging ein Zuwachs der käuflichen Sexualität einher.
Prostitution dient so der Beleibung des Geldes: Der männliche Körper hat das Geld, der weibliche Körper ist das Geld, schreibt von Braun (S. 386).
Stuart Hall, der britisch-jamaikanische Philosoph und Vordenker der „Cultural Studies“, sagt, die Werbung brauche sexualisiert aufgeladene Bilder, das Kapital brauche sie, weil diese Bilder so mächtig sind. So betrachtet wäre Frauenverachtung also nicht die Ursache von sexualisierter Werbung, sondern ihre Wirkung – was Widerstand dagegen genauso nötig macht, aber den Kontext und die Ausrichtung des Widerstandes verändern könnte.
Wenn jedes Jahr geschätzte 35 Millionen Menschen durch die Welt reisen auf der Suche nach käuflichem Sex, und wenn fast alle Sextouristen aus den Ländern eines fortgeschrittenen Finanzkapitalismus kommen, wenn das Prostitutionseinkommen1995 fast 60 Prozent des Staatshaushaltes von Thailand ausmachte, wenn die Sexindustrie als Sektor mit der höchsten Expansionsrate eingestuft wird, wenn viele Länder der Dritten Welt, die Kreditanträge stellen, von IWF und Weltbank dazu aufgefordert werden, ihre Tourismus- und Unterhaltungsindustrie zu entwickeln, was einen Aufschwung der Industrie des Sexhandels bedeutet – dann macht all das die enge Verzahnung von Geld und Sex deutlich.
Moderne Manager werden, anstatt sich Frauen zu leisten „in Frauen“ bezahlt, schreibt Christina von Braun. Das ungeschriebene Regelwerk des modernen Finanzkapitalismus schreibe vor, dass erfolgreiche Geldtransaktionen in „lebenden Münzen“ in teuren Bordellen bestätigt werden.
Bei den „Skandalen“ oder Korruptionsaffären von Wüstenrot, Ergo, Hamburg Mannheimer oder VW ist deutlich geworden, dass die „Versorgung“ leitender Mitarbeiter mit Prostituierten zu den normalen Arbeitsaufgaben gehört. Bordellbesuche oder „Sexparties“ fungieren gleichsam als Belohnungssystem, Bezahlung und Verbrüderungsritual. Aussagen im VW Prozess machten deutlich, dass das Geld im Vordergrund stand und die Sexualität nur eine Form von Währung war (S. 410).
Sabine Grenz stellt in ihrem Buch „Verhandlungen im Zwielicht. Momente der Prostitution in Geschichte und Gegenwart“, das sie zusammen mit Martin Lücke herausgegeben hat, Aussagen von Freiern dar:
Ingenieur im Außendienst: Bei manchen Kunden sei bereits eine Sexarbeiterin ungefragt ins Hotel bestellt worden. Makler: Bauabschlüsse werden regelmäßig im Bordell gefeiert. Personalentwickler gehobenes Management: Es gibt zwei Arten von Geschäftsessen, mit und ohne Gattin. „Aus diesem Grund könne auch ein Vorstellungsgespräch den Bordellbesuch einschließen, um auszuprobieren, wie sich der Kandidat in dieser Umgebung bewege und ob er in die Firma passe. Die entscheidende Frage dabei sei nicht, ob er mit einer Sex-Arbeiterin aufs Zimmer gehe oder nicht, sondern ob er grundsätzlich damit umgehen könne, dass Bordelle besucht werden.“ (S. 343)
Im Übrigen ist es verständlich, dass im Zeitalter des liberalisierten Geld- und Warenhandels die Prostitution sich ebenso liberalisieren möchte. Nur sehe ich diese Liberalisierung nicht als weibliche Freiheit an, sondern als Markt, der darauf angewiesen ist, Nachfrage zu steigern.
Menschenhandel
Im „Palermo-Protokoll“ der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2003 wird Menschenhandel folgendermaßen definiert: Er sei die „Anwerbung, Beförderung, Verbringung, Beherbergung oder Aufnahme von Personen durch die Androhung oder Anwendung von Gewalt oder anderen Formen der Nötigung, durch Entführung, Betrug, Täuschung, Missbrauch von Macht oder Ausnutzung besonderer Hilflosigkeit oder durch Gewährung oder Entgegennahme von Zahlungen oder Vorteilen zur Erlangung des Einverständnisses einer Person, die Gewalt über eine andere Person hat, zum Zweck der Ausbeutung.“
Lydia Cacho beschreibt in ihrem Buch „SKLAVEREI. Im Inneren des Milliardengeschäfts Menschenhandel“: „Wir leben in einer Kultur, in der die Verschleppung, der Handel, der Missbrauch und die Zwangsprostitution an Mädchen und jungen Frauen zunehmend normal werden. Diese Kultur fördert die Verdinglichung des Menschen und tut so, als handele es sich dabei um eine Errungenschaft der Freiheit und des Fortschritts.“
Prostitutionsbefürwortende Feministinnen sehen die Umsetzung der UN-Konventionen gegen Menschenhandel kritisch, weil ihre Umsetzung dazu führe, „dass Frauen in der Realität entweder als Kriminelle gelten, strafrechtlich verfolgt werden müssen, oder als wehrlose Opfer, denen mit einer Rückführung geholfen werden soll.“ Sie stellen fest, dass „sämtliche Maßnahmen gegen den Frauenhandel der Bekämpfung des organisierten Verbrechens und der illegalen Migration dienen.“ (Grenz, S. 170)
Daraus allerdings den Kurzschluss zu ziehen, dass „die Europäische Politik den Kampf gegen das organisierte Verbrechen [benutzt], um auch gegen Migration und Prostitution vorzugehen“ (S. 170), halte ich für politisch fragwürdig. Wenn dafür plädiert wird, über Arbeitsmigration und Menschenrechte statt über Menschen- und Frauenhandel zu debattieren, dann erscheint mir das eine strategische Ausblendung von Menschenhandel in Zusammenhang mit Prostitution – warum nicht über beides diskutieren?
Das staatliche Interesse an der menschenverachtenden Abschottung des Wohlstands an den Grenzen Europas ist sicherlich nicht identisch mit dem Interesse, Prostitution auszugrenzen. Die Illegalisierung von migrierenden Menschen mit ihrem Potential an Ausbeutbarkeit dient ja dem Prostitutionsgeschäft. Zwischen 50 und 95 Prozent der in der Prostitution Tätigen sind Migrantinnen.
Auch ich finde es wichtig, zwischen Frauenhandel (Verschleppung, Vergewaltigung, sexuelle Ausbeutung…) und dem großen Kreis der Prostituierten zu unterscheiden, die oft Ernährerinnen ihrer Herkunftsfamilie sind, mit illegalem Aufenthaltsstatus und deshalb rechtlich schutzlos und damit besonders ausbeutbar.
Und wenn sich evangelikale christliche Organisationen den Einsatz gegen Menschenhandel auf ihre fundamentalistischen Fahnen schreiben oder wenn die „Roland Berger Stiftung“ zu „Sklaverei und Menschenhandel im 21. Jahrhundert. Verletzungen von Menschenwürde und Menschenrechten in einer globalisierten Gesellschaft“ neben gut klingenden Instrumenten zur Bekämpfung von Menschenhandel auch die „Einrichtung schlagkräftiger, grenzüberschreitender Polizei- und Sozialeinheiten“ empfiehlt, dann wird deutlich, wie instrumentell die Allianzen bei diesem Thema sein können.
Recht
„Die Auffassung, dass Prostitution „sittenwidrig“ sei, bestand seit der Reformation. Das Bundesverwaltungsgericht stellte 1980 fest, dass „Erwerbsunzucht eine sittenwidrige und in vieler Hinsicht sozialwidrige Tätigkeit“ sei, und 1993 zog die Bundesregierung aus dem Makel der Sittenwidrigkeit den Schluss, „dass die Ausübung der Prostitution nicht als Gewerbe im gewerbsrechtlichen Sinne angesehen werden kann“.
Nach kämpferischen Sozialdemokraten und Abolitionistinnen im 19. Jahrhundert meldeten sich in den 1970er Jahren erstmals die Prostituierten selber zu Wort. Die Frauen der „Hurenbewegung“ erklärten, ihre Arbeit sei das „Mittel“, „das wir gefunden haben, um mit dem Leben fertig zu werden“. Sie wehrten sich dagegen, dass sie auf der einen Seite gebraucht und deshalb nicht verboten, auf der anderen aber als „schmutzige, anormale“ Personen verachtet wurden.
1991 forderten die Teilnehmerinnen auf einem europäischen Kongress in Frankfurt am Main – anders als die Sozialdemokraten und die Abolitionistinnen – nicht mehr die Abschaffung der Prostitution, sondern ihre Anerkennung als Lohnarbeit oder Gewerbe. Die Prostituierte Cora Molloy trug das Modell „Beruf Hure“ vor, das ihre Mitstreiterinnen – gemeinsam mit Juristinnen und Frauen der PDS und der Grünen – entwickelt hatten.“
Am 1. Januar 2002 trat das „Gesetz zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten“ (ProstG)in Kraft. Es hat drei Paragraphen:
§ 1 - Sind sexuelle Handlungen gegen ein vorher vereinbartes Entgelt vorgenommen worden, so begründet diese Vereinbarung eine rechtswirksame Forderung. Das Gleiche gilt, wenn sich eine Person, insbesondere im Rahmen eines Beschäftigungsverhältnisses, für die Erbringung derartiger Handlungen gegen ein vorher vereinbartes Entgelt für eine bestimmte Zeitdauer bereithält.
§ 2 - Die Forderung kann nicht abgetreten und nur im eigenen Namen geltend gemacht werden…
§ 3 - Bei Prostituierten steht das eingeschränkte Weisungsrecht im Rahmen einer abhängigen Tätigkeit der Annahme einer Beschäftigung im Sinne des Sozialversicherungsrechts nicht entgegen.
Davon unberührt sind im Strafgesetzbuch Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung (sexueller Missbrauch, Vergewaltigung,….), die Ausbeutung von Prostituierten (vorher hieß es „Förderung“ statt Ausbeutung), Zuhälterei, Ausübung der verbotenen Prostitution (zum Beispiel außerhalb von Sperrgebieten), Jugendgefährdende Prostitution, Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung, Menschenhandel zum Zweck der Ausbeutung der Arbeitskraft, Förderung des Menschenhandels – das alles bleibt weiterhin verboten.
Prostitution war bereits vor dem Prostitutionsgesetz eine legale Tätigkeit. Verboten war nur die Förderung, nicht die Ausübung von Prostitution. Die Abschaffung der Sittenwidrigkeit ist auf Gesetzesebene nicht in erster Linie eine moralische, sondern eine zivilrechtliche Regulierung, die lediglich besagt, dass die mit Prostitution verbundenen Rechtsgeschäfte nicht mehr unwirksam (weil sittenwidrig, also „gegen Treu und Glauben“) sind, sondern dass die Entlohnung der Prostitution rechtlich zulässig ist. Der Europäische Gerichtshof hat im Jahr 2001 klargestellt, dass Prostitution zu den Erwerbstätigkeiten gehört, die „Teil des gemeinschaftlichen Wirtschaftslebens“ sind, passend zur Liberalisierung des Marktes.
In der Praxis hat diese Neuregelung der Sittenwidrigkeit allerdings kaum Relevanz, denn es bleibt bei „Vorkasse“, und sozialversicherungspflichtige Anmeldungen gibt es auch kaum. Die Prostituierten verbinden mit dem neuen Gesetz eher eine Aufwertung gegen Ausgrenzung und Entwürdigung und eine Stärkung ihres Selbstbewusstseins. Außerdem hat die offene Werbung in Anzeigen und Veranstaltungen damit extrem zugenommen.
Die Frage ist, welche Wirkung dies auf den Prostitutionsmarkt und die Subkultur des Prostitutionsmilieus hat. Ob es das Machtgefälle zwischen BordellbesitzerInnen oder Zuhältern und Prostituierten verändern kann und soll.
Die Gesetzgebungen in Europa schwanken seit 1945 zwischen Angebotsorientierung und Kontrolle/Disziplinierung. Ich denke, genau um beides geht es auch.
Sexualität
Die mittelalterliche klare Trennung in Kleiderordnung, erlaubten Orten und anderen einschränkenden Regeln haben die Prostitution eindeutig als „Das Andere“ von der „normalen“ Frau sichtbar gemacht. Heute hingegen ist fast jede Darstellung von weiblicher Sexualität mit Attributen der Prostitution verknüpft.
Pinkstinks schreibt: „Solange aber selbstbestimmte Prostitution als unmöglich gesehen wird, erlaubt man Frauen nicht, ihre Sexualität oder ihre körperlichen Gefühle selbst zu definieren. Die Frau, die Sex und Liebe trennt, Spaß am Sex mit Fremden hat oder Prostitution sogar als ermächtigend erlebt, läuft dann immer Gefahr, nicht richtig zu sein;… Es ist gerade das Ansehen von Prostituierten als ewiges Opfer, das Frauen das Recht abspricht, über ihren Körper selbst zu bestimmen.“
Wenn ich das lese, macht mich das erst einmal richtig sauer, bis ich mir klar mache, dass dies eine Verkaufsstrategie ist. Wütend macht mich das Abwürgen jeder kritischen Positionierung zu Prostitution mit dem Vorwurf der Opferzuschreibungen, gerade weil ich mich selbst immer gegen solche Zuschreibungen abgrenze.
Ich arbeite in einer Therapie- und Beratungseinrichtung für Frauen. Eine Frau, die Gewaltsituationen erlebt, systematische Gewalt oder sexuelle Folter in der Kindheit überlebt oder in strukturellen Gewaltverhältnissen ihre Standorte sucht, ist nicht Opfer. Sie ist verletzt, hat mit Mut und kreativen Überlebensimpulsen ein Leben mit und neben der Gewalterfahrung aufgebaut, hat einen Umgang mit den einschränkenden Folgen der Gewalterfahrung gefunden (die auch nicht immer gelingen), ist Mutter, Freundin, Chefin, Arbeiterin, und noch vieles anderes. Ihre Herausforderungen im Leben sind härter, wenn sie keine Unterstützung erhält und manchmal ist es ihr nicht möglich, ohne eigene Gewaltimpulse oder inszenierte Gewaltwiederholungen sich vor der erlebten Ohnmachtserfahrung zu schützen. Sie ist so vieles und ich empfinde es als Hohn, so einfach zu sagen, sie sei Opfer.
Gleichwohl empfinde ich die oben zitierte Aussage ebenfalls als Hohn, der den invasiven Charakter und das Gewaltpotential der Tätigkeit ignoriert. Drei Artikel finde ich sehr hilfreich, weil jenseits von Schönrederei oder Paternalismus: Ingrid Strobl, Antje Schrupp und Anke Drygala.
Es geht nicht um den Aspekt „Sex ohne Liebe“, was ja als ein Hauptmotiv der Prostitution genannt wird (Löw/Ruhne: Prostitution. Herstellungsweisen einer anderen Welt. Suhrkamp 201. S. 144 ff ), sondern um das fehlende gegenseitige Begehren. Deshalb ist es auch höchst zweifelhaft, anzunehmen, es gehe vielen Männern dabei um sexuelle Lust, vielmehr geht es eher um eine sexualisierte Form der Selbstvergewisserung, die eine Vorstellung männlicher Macht über Frauen voraussetzt und nährt.
Auch die Konflikte, die Männer haben, wenn sie im globalen und flexiblen Arbeits- und Lebenssetting nicht die gewünschten Sexualpartnerinnen auf Augenhöhe finden, sollten nicht durch die Bereitstellung einfacher und schneller sexueller Geschäfte „gelöst“ werden. Diese Form der „Lösungsorientierung“ möchte ich weder Frauen noch Männern anbieten.
Der Streitpunkt ist auch nicht, ob ich es okay finde, dass Frauen beispielsweise Lust auf promiskuitives Verhalten haben oder ungewöhnliche sexuelle Vorlieben – auch wenn ich einsehe, dass die Suche nach passenden PartnerInnen sich schwierig gestalten mag. Aber wer hat versprochen, dass alles möglich ist?
Mir geht es darum, dass ich es nicht gut finde, wenn zur Sicherung des Lebensunterhaltes Frauen sexuelle Handlungen mit möglichst vielen nicht ausgesuchten, oft unberechenbaren und frauenverachtenden Männern gestalten oder aushalten müssen. Auf dieser Ebene der Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Auseinandersetzung erscheint mir eine Signalwirkung der rechtlichen Ächtung von Sexkauf (wie bei dem Verbot der Prügelstrafe, in der Schweden Vorreiterin war), durchaus bedenkenswert.
Wenn der Fokus sich auf rechtliche Fragen reduziert, statt eine gesellschaftlich Diskussion zu öffnen, wäre es dafür zu früh. Andererseits ist das Recht, ob nun altes Recht abgeschafft oder neue Gesetze entstehen sollen, immer Bestandteil der politisch/gesellschaftlichen Sphäre und wir kommen nicht drum herum, auch diese Fragen zu prüfen.
Die große Zahl der in der Prostitution tätigen Frauen ist eine Realität, mit der wir einen Umgang finden müssen. Befürwortung und Normalisierung von Prostitution ist jedoch das falsche Signal.
Die Frage hier wäre allerdings nicht, was ich verbieten möchte, sondern in was für einer Gesellschaft ich leben will und wie und mit welchen Positionen ich mich sichtbar mache.
Tätigkeit zur Existenzsicherung
1975 begann die Selbstorganisation der Prostituierten in Europa. Nach mehreren „ungeklärten“ grausamen Prostituierten-Morden besetzten sie in Lyon für mehrere Tage eine Kirche. Auf den dann folgenden nationalen und internationalen Versammlungen der Prostituierten wurden Forderungen erarbeitet: keine Sperrbezirke, Abschaffung aller Bußgelder und Gefängnisstrafen, die es damals nur für Prostituierte gab, keine Wiedereröffnung von Bordellen, keine Eros-Center etc. Was „Eros-Center“ und Bordellkonzerne – die es bereits Anfang der 1970er Jahre gab – für Prostituierte bedeuten, beschrieb eine Prostituierte aus Lyon:
„Das wird doch schon alleine wegen des Schaufensters, ein Supermarkt für Mädels, die wahnwitzigste Konkurrenz. Für die Mädels könnte das so aussehen, dass man ewig hinter der erotischsten Pose und der pornoartigsten Haltung her ist. In Eros- Centern werden Mädels nicht genommen, die anders arbeiten wollen, angezogen und mit mehr als Slip und Büstenhalter bekleidet. Der Besitzer wirbt sie entweder an oder nicht, also macht der die Gesetze. Und da steckt wirklich die Zuhälterei vom Feinsten – die richtige industriemäßig aufgezogene Zuhälterei.“ (aus: FUCKING POOR. Was hat Sexarbeit mit Arbeit zu tun? Eine Begriffsverschiebung und die Auswirkungen auf den Prostitutionsdiskurs, von Anita Kienesberger S. 232).
Diese Sichtweise wurde in den Liberalisierungsdebatten in Deutschland, Frankreich und in den Niederlanden verschüttet.
Prostitution als Beruf anzuerkennen, würde nicht nur die Praxis der Jobcenter skandalisieren. Wobei der Skandal ja nicht der ist, eine Frau in Prostitution zu vermitteln, sondern überhaupt Menschen bei Drohung des Entzuges des Existenzminimums in nicht dem Beruf und Begehren entsprechende Ausbeutungsverhältnisse zu zwingen. Und ich würde auch keine Angebote von schulischen Orientierungspraktika in Bordellen befürworten.
Jede Tätigkeit zur Existenzsicherung ist Verkauf von Arbeitskraft, Wissen und Können. Auch Prostituierte verkaufen nicht sich selbst, sondern vermieten ihren Körper. Bei Sex gegen Beziehung / Ehe sieht es da schon anders aus, weil da das Besitzrecht dauerhafter ist, aber immerhin ist es „nur“ ein einziger Mann.
Natürlich hat Prostitution auch vergleichbare Aspekte mit anderen Tätigkeiten:
Körpereinsatz (fast jede Lohnarbeit, Sport, Massage, Dirigent…) geistig emotionaler Einsatz, der am ehesten der Psychotherapie (oder der Seelsorge) vergleichbar ist. Eine Stunde Aufmerksamkeit wird bezahlt. Die Grenzen zwischen erlernter Kompetenz und Technik und Einsatz der Persönlichkeit mit Gefühlen und Geist ist fließend. Die Praxis dieser Dienstleistungen ist nicht ohne gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse zu sehen.
Allerdings: Im therapeutischen Setting hat die Therapeutin entschieden mehr Macht als die Anbieterin sexueller Verfügbarkeit – und bei keinen anderen, noch so schwerer Job, muss eine Frau den eigenen Körper öffnen, damit andere Körper eindringen können, nicht nur einmal sondern immer und immer wieder. Auch wenn die Intentionen der Kunden in der Prostitution unterschiedlich ist (suchen sie Nähe, den schnellen, beziehungslosen Sex, oder wollen sie frauenverachtende Gewaltphantasien ausleben) liegen die Macht-Ressourcen in der prostitutiven Konstellation nicht bei der Sex-anbietenden-Frau.
Auf dieser Ebene kann über ein Verbot (Kriminalisierung) der Prostitution nur gesprochen werden, wenn zuvor über Kapitalismus und Ausbeutung und menschenwürdige Existenzsicherung gesprochen wird.
Gewalt
Es gibt viele unterschiedliche Untersuchungen zu dem Anteil der (sexuellen) Gewalterfahrung in der Kindheit von Prostituierten. Einen sensiblen und sinnvollen politischen Umgang damit finde ich schwer, so dass ich mich argumentativ darauf nicht beziehen möchte.
Klarer wird es in der realen Gefährdung in der Ausübung der Prostitution. Zahlen (die in Klammern beziehen sich auf Deutschland) einer empirische Studie eines achtköpfiges ForscherInnenteams unter Führung der US-amerikanischen Psychologin Melissa Farley (gefunden in http://www.linkewoche.at von Paul Pop 24. 1. 14). Danach haben von den befragten Prostituierten bereits erlebt:
Aktuelle oder vergangene Obdachlosigkeit: 75 % der Prostituierten (74 %)
Körperliche Gewaltanwendung während der Prostitution: 73 % (61 %)
Bedrohung mit einer Waffe während der Prostitution: 64 % (52 %)
Vergewaltigung in der Prostitution: 57 %, (63 %) davon 59 % (50 %) öfter als fünf mal.
In einer der Studien wurde gefragt, „Was brauchst du?“ Die Antworten ergeben
89 % Ausstieg aus der Prostitution
75 % ein sicheres Zuhause
76 % Berufliche Weiterbildung
61 % Zugang zu medizinischer Versorgung
56 % individuelle psychologische Betreuung
51 % gegenseitige Solidarität („Peer support“)
51 % Rechtsbeistand
47 % Drogen- und/oder Alkoholentzug
45 % Selbstverteidigungstraining
44 % Kinderbetreuung
34 % Legalisierung der Prostitution
23 % Körperlichen Schutz vor Zuhältern (Seite 51)
Das finde ich eher einen Ansatzpunkt um deutlich zu machen, dass das Argument, „besser als Hartz 4“ nicht ausreicht, um Prostitution in die Mitte der Gesellschaft zu holen.
Ethik (oder doch eher Politik?)
Zu sagen, dass Sex keine Ware sein darf, ist das ein politisches oder moralisches Argument?
Auch menschliche Organe, Sperma, Eizellen, Blut sollten keine Waren sein. Der menschliche Geist sollte keine Ware sein – nur das, was er herstellt (Bücher, Filme, Kunst) können als Waren gehandelt werden.
Wenn wir sagen, Sexualität ist ureigener, intimer, lebendiger Lebensausdruck von Körper / Seele / Geist und deshalb unveräußerlich… Dann trüge ein warenförmiger Umgang, Tausch oder Handel ein zerstörerisches Potential in sich.
Das betrifft genauso andere lebendige Ausdrücke wie Singen, Kunst, Denken. Einen Umgang mit solchen immateriellen Dingen und vor allem der Einsatz zur Existenzsicherung (Angebot, Verkauf) bewegt sich immer (wie alle Dienstleistungen, im Gegensatz zum Handwerk ) im Grenzbereich von Innen-Außen, Privat-Öffentlich, Echt-Unecht… Vielleicht hat deshalb das Attribut von so genannter „Ganzheitlichkeit“ so große Konjunktur.
Die Polarisierung in „Freiwillige Prostitution oder Prostituierte als Gewaltopfer“ bezeichnet nur zwei Seiten derselben Medaille, ebenso wie „neoliberal“ versus „paternalistisch“ eine falsche Alternative ist. Die differenzierte Wirklichkeit ist so nicht zu erfassen. Differenz heißt hier nicht Beliebigkeit, sondern durchaus Positionierung.
Meine Haltung ist: Prostitution ist nie eine gute Option, weder für Männer, noch für Frauen.
In der Prostitution Tätige sind keine unmündigen Opfer, sondern sie bleiben Subjekte ihrer Entscheidungen an vielen Punkten ihrer Tätigkeit. Das macht sie jedoch nicht unverletzbar – und das gilt für alle, die Gewalt erlebt haben oder in prekären Abhängigkeits- oder Ausbeutungsverhältnissen leben oder arbeiten.
Der lukrative Weltmarkt der Prostitution ist nicht zu denken ohne Gewalt.
Frauenverachtung, Folter und Mord von Kindern und Frauen, die organisierte Ausnutzung von Armut oder einer jugendlichen Anpassungsbereitschaft an ein pornofiziertes, ökonomisiertes Frauenbild, der Handeln und das Verschieben von Frauen in der Prostitution … alles ist Teil dieses Marktes. Auch die eventuell gutbezahlte und unter Umständen recht selbstbestimmt arbeitende Eskortdame und selbständige Prostituierte bedient diesen Markt immer auch mit. Die proklamierte Trennung in freiwillige Prostitution auf der anderen Seite und Menschenhandel auf der anderen Seite mag für die einzelne Prostituierte auf dem Markt relevant sein, vor allem monetär. Aber in ihrer gesellschaftlichen Dynamik das eine ohne das andere nicht denkbar.
Wenn der bundesweite „Koordinierungskreis gegen Frauenhandel und Gewalt an Frauen im Migrationsprozess“ (KOK) betont: „Deutlich möchten wir darauf hinweisen, dass nicht jede Prostituierte, nicht jede Migrantin in der Prostitution Opfer von Frauenhandel ist!“ – dann ist das sachlich richtig, aber in der Praxis und für die Kunden nicht trennbar (und ich unterstelle, auch von den BetreiberInnen nicht gewollt). Politisch gesehen empfinde ich diesen Satz als individualistisch und erbarmungslos.
Die aggressive Werbung und Öffentlichkeitsarbeit von Hydra e.V. und Dona Carmen e.V. ist Werbung. Es geht dabei ums Geschäft. Dazu haben sie das gleiche Recht wie alle anderen auch. Aber es geht dabei eben nicht um Emanzipation oder Frauenwürde, sondern um Marktanteile.
Und warum sollen Frauen, die solange auf der Verliererinnenseite dieses Marktes standen, nun nicht auch selbstbestimmt mitverdienen?
Ja, das dürfen sie tun. Und ich darf es ablehnen.
Autorin: Marita Blauth
Redakteurin: Prostitution Sexarbeit
Eingestellt am: 11.03.2014
http://www.bzw-weiterdenken.de/2014/03/ ... stitution/
Publikationen "Ebenen der Prostitution" von Von Ma
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