Jede/r hat das Recht, mit Sexarbeit Geld zu verdienen

Ein nahezu unerschöpfliches Thema: Psychologische Betrachtungsweise der Sexarbeit
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deernhh
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Jede/r hat das Recht, mit Sexarbeit Geld zu verdienen

#1

Beitrag von deernhh »

«Jede hat das Recht, mit Sex Geld zu verdienen»

Salomé Balthus ist Sexarbeiterin aus Überzeugung. Ein Gespräch über die Seele von Börsenmaklern – und weshalb sie gegen ein Prostitutionsverbot ist.

«Wenn man wirklich reich sein will, darf einen nichts ausser Geld interessieren»: Salomé Balthus. Foto: Uwe Hauth

vor 11 Stunden
von Lea Hampel und Stephan Radomsky

Salomé Balthus (34) hat in ein Café in Berlin gebeten. Ums Eck wohnt die Autorin, die zugleich Deutschlands bekannteste Sexarbeiterin ist. Über Geld zu reden passt ihr gerade besonders gut: Balthus, die sich als «linke Hure» bezeichnet und auch über eine eigene Webseite Escortservices vermittelt, hat kürzlich ein Crowdfunding initiiert. Sie will die «Weltwoche» verklagen, inzwischen hat sie dafür 14'000 Euro bekommen – genug für den Prozess. Gewinnt sie, will sie das Geld spenden. Und gerade hat sie den Vertrag für ihr erstes Buch unterschrieben, es soll später in diesem Jahr erscheinen.

Frau Balthus, reden wir über Geld. Sie haben mal gesagt, es sei ein starkes Nebenargument für Ihren Job. Was ist das Hauptargument für Prostitution, wie Sie sie betreiben?
Die Befriedigung eines gewissen Narzissmus. So umschmeichelt und hofiert wird man in keinem anderen Beruf. Das Geld ist nur Ausdruck der Wertschätzung. Es würde mir sehr schwerfallen, wenn ich das eines Tages nicht mehr erleben könnte. Und wenn man einmal für Geld Sex hatte, macht es ohne keinen Spass mehr.

Das müssen Sie erklären.
Weil man dasselbe Vergnügen haben kann, aber ein besseres Ambiente. Bei normalen Dates teilt man sich die Rechnung und geht in die Studentenwohnung mit «Star-Wars»-Bettwäsche. Da muss der junge Mann sehr gut sein, um das zu kompensieren. War man mal mit einem älteren Mann zusammen, der sich besser beherrscht und den Körper einer jungen Frau mehr zu schätzen weiss, in einem ultraschallgereinigten Hotelbett und hat dafür 1000 Euro bekommen...

...macht das Geld einen Unterschied?
Ich glaube, das hat auch auf den Mann eine magische Wirkung. Ich bin nicht besser im Bett als andere Frauen, aber dass ich teuer bin, macht mich attraktiv. Wenn Sie einen Maserati leasen, zerkratzen Sie nicht als Erstes den Lack.

Ich setze mich dafür ein, dass Frauen frei sind und ihre Preise selbst bestimmen können.

Haben Sie sich gerade mit einem Maserati verglichen?
Vielleicht sollte ich mich lieber mit einem kleineren Auto vergleichen, das wäre netter (lacht). Dabei weiss ich nicht mal, ob der Maserati ein besseres Auto ist. Gleichzeitig kann man nicht dauerhaft viel Geld für etwas verlangen, was nicht gut ist. Aber das viele Geld macht auch Druck.

Inwiefern?
Manche Kolleginnen fühlen sich freier bei kleineren Preisen. Dabei ist das eh ein symbolischer Preis.

Derzeit liegt der bei 1000 Euro für zwei Stunden. Wie entsteht der?
Wir entscheiden gemeinsam, wie viel wir verlangen und nehmen alle gleich viel. Wir wollen uns nicht ausbooten gegenseitig. Und ja, das ist viel Geld. Aber: Es gibt kein Recht auf Sex. Es gibt ja auch kein Recht auf ein Penthouse. Es gelten Angebot und Nachfrage.

Ganz schön kapitalistisch für eine Marxistin.
Wir leben eben im Kapitalismus. Ich kann nicht aus Wohltätigkeit mit meinen Preisen runtergehen, damit sich das mehr Männer leisten können. Abgesehen davon kann man auch Sex haben, ohne zu bezahlen. Ich habe gehört, dass Menschen im Privatleben miteinander schlafen. Aber hätten Sie das auch einem Sternekoch vorgeworfen?

Darüber gibt es aber auch keine politische Debatte.
Ich setze mich dafür ein, dass Frauen frei sind und ihre Preise selbst bestimmen können. Nicht dafür, dass jeder meine Sexdienstleistung konsumieren kann. Und ich richte mich nach Marktpreisen: Ich versuche, so teuer wie möglich zu sein, aber realistisch. Das funktioniert, nicht nur bei Kunden. Ich bekomme jede Woche fünf Bewerbungen.

Wenn keine Lobbyisten oder Parlamentarier in der Stadt sind, mache ich Ferien.

Von was für Frauen?
Aus der bürgerlichen Mittelschicht, Anfang 20 bis Ende 50. Gebildete Frauen, die in urbanen Zentren leben und das nicht machen, weil sie Luxus wollen, sondern Partizipation: eine Wohnung in realistischer Entfernung zur Arbeitsstelle, zwei Zeitungsabos oder eine Theaterkarte. Sie kommen mit ihren selbstausbeuterischen, kreativen Jobs nicht über die Runden – vor allem, wenn sie studieren oder Kinder haben. Es ist schwerer geworden, zurechtzukommen, vor allem als Frau und seit den Hartz-Gesetzen.

Wenn jemand zu Ihnen kommt und über Ihre Webseite als Escort vermittelt werden will, wie gehen Sie damit um?
Das ist ein langer Prozess. Ich habe einen Fragebogen, um herauszufinden, ob eine Frau zu uns passt. Ich nehme gern Frauen mit ungewöhnlichem Lebenslauf, die den Kunden auf Augenhöhe begegnen und sich nicht einschüchtern lassen von einer luxuriösen Umgebung. Anfangs kommunizieren wir viel. Wir haben einen Stammtisch und eine Chatgruppe, damit ich nicht die einzige Ansprechpartnerin bin. Ich mag es nicht, wenn sie sich verhalten, als wäre ich die Chefin. Ich muss doch einer Frau, die den Mut für so was hat, nicht erzählen, wie sie sich zu verhalten hat. Ich sage: Mach das so, wie du das immer machst bei Dates.

Wen würden Sie nicht nehmen?
Eine Steuerberaterin, Anwältin oder Zahnarzthelferin. Und keine Frauen unter 25 Jahren. Der Job bedeutet ein Outing. Wir haben unsere Gesichter auf der Website. Dafür sollte man ein paar Weichen im Leben gestellt haben. Manche Jobs darf man nicht mehr machen, wenn man mal Prostituierte war.

Nehmen Sie für die Vermittlung Provision von den Frauen?
Nein.

Warum nicht?
Jede Frau hat das Recht, mit Sex Geld zu verdienen. Aber eben nur diese Frau. Wir teilen uns die Kosten für Website, für Datenschutz und IHK-Beiträge. Aber was sie mit ihren Kunden machen, muss ich nicht wissen.

Berufswahl, Fähigkeiten: Das spielt bald keine Rolle mehr. Unterscheiden wird uns, wer etwas erbt.

Sie berechnen nur die Zeit – nicht das, was währenddessen passiert.
Das ist bei allen seriösen Agenturen so, weil Prostitution in Deutschland weisungsfrei ist. Theoretisch ist das sogar im Bordell so. Die Frauen nehmen oft Extras für die Sachen. Aber sobald ein Betreiber inhaltliche Anweisungen gibt, ist das nicht erlaubt.

Wie oft arbeiten Sie?
Ich habe ungefähr ein Date in der Woche, manchmal keins im Monat. Wenn keine Lobbyisten oder Parlamentarier in der Stadt sind, mache ich Ferien.

Was ist, wenn Sie einen Monat kein Date haben?
Tja, ich bin selbständig, da gibt es keine Sicherheit. Ich verdiene nicht so viel, wie man denkt, ein mittelständisches Einkommen. Weniger, als die Leute glauben. Dafür ist man viel freier, als die Leute glauben. Unsere Kunden sind reich, die zahlen das Essen, die Geschenke. Das ist das Gefälle zwischen deren Welt und der Studentenwohnung, in die wir abends zurückkehren. Ich mag diesen Kontrast.

Früher waren Sie bei Escort-Agenturen. 2016 sind Sie da weg. Warum?
Da ist mehr Kontrolle. Die wollen immer wissen, wie lang man beim Kunden ist, haben panische Angst, dass man ohne deren Wissen länger bleibt oder die Kunden trifft. Ich fand die Höhe der Provision unangemessen, dafür, dass die höchstens mal eine E-Mail weiterleiten. Die benehmen sich, als hätten sie Rechte wie Literaturagenten.

Einen Literaturagenten haben Sie als Autorin auch nicht. Sind Sie lieber Ihre eigene Chefin?
Zumindest in der Prostitution, wo ich mich auskenne. Bei den Agenturen fanden die mich immer nörgelig, zum Beispiel weil ich den anderen geraten habe, in die Gewerkschaft einzutreten.

Vielleicht sollte ich das aufnehmen: Zuschlag wegen ätzend.

Jetzt sind Sie nicht nur Selbständige, sondern durch Ihre Webseite auch Unternehmerin. Schaut das Finanzamt bei Ihnen genauer hin?
Das Finanzamt hat uns auf dem Kieker, ich darf keinen Fehler machen. 2010 gab es eine Grossrazzia in Berlin. Plötzlich standen fünf Beamte in meiner Einzimmerwohnung, nahmen meinen Rechner und mein Bargeld mit – «vorsichtshalber». Die unterstellen uns – wie Kellnern oder Barkeepern – pauschal, dass wir schwarz arbeiten.

Der Nachweis dürfte schwierig sein. Ihre Kunden wollen wohl eher keine Rechnungen, oder?
Nein. Natürlich könnte man aufs Geschäftskonto überweisen, aber die meisten bevorzugen Cash, aus Diskretionsgründen. Ich führe ein Haushaltsbuch, in dem man das nachvollziehen kann.

Und wie funktioniert der Umgang mit Krankenkasse, Rentenversicherung und so weiter?
Da hatte ich bisher keine Probleme. Von mir wollten die nur wissen, wie viel ich verdiene. Für die Rente bin ich privat versichert. Aber ob das reicht? Ich glaube sowieso nicht, dass sich Menschen meiner Generation auf eine sichere Zukunft verlassen können. Berufswahl, Fähigkeiten, Kinder oder nicht, männlich oder weiblich – das spielt bald keine grosse Rolle mehr. Unterscheiden wird uns, wer etwas erbt.

Erkennen Sie, ob ein Kunde sein Geld geerbt oder erarbeitet hat?
Ja.

Woran?
An der Sprache. Wenn mir jemand erklärt: «Die Insel erreichst du leicht: Da mietest du dir einfach einen Helikopter und fliegst rüber.» Oder wenn sich jemand über die Erbschaftsteuer beschwert, weil das sei, als ob einen der Staat für die Eltern bestrafe. Da muss ich mich zusammenreissen.

Was macht das mit der Libido?
Viel. Meistens breche ich das Date nicht ab, dadurch mache ich den Menschen nicht besser. Aber es kann sein, dass ich passiv werde, nach dem Motto: Sieh zu, wie du klarkommst. Manchmal werde ich neugierig und will wissen, wie der jetzt so im Bett ist. Manchmal versuche ich hinterher, ihn zu erden.

Das ist in jedem Beruf so: Man gibt etwas, um etwas zu bekommen.

Möchten Sie von unangenehmen Kunden nicht manchmal 200 Euro extra nehmen?
Das geht wegen meiner AGBs nicht. Aber vielleicht sollte ich das aufnehmen: Zuschlag wegen ätzend. Gute Idee.

Ihr Beruf ist sehr unmittelbar: Für Geld stellen Sie Ihren Körper und einen Teil Ihrer Seele zur Verfügung. Mögen Sie das?
Das ist doch in jedem Beruf so: Man gibt etwas, um etwas zu bekommen.

Auch, sagen wir, ein Börsenmakler, der nur Geld mit Geld macht?
Ich bezweifle, dass ich mehr von meiner Seele hergebe als ein Börsenmakler. Aber wenn ich was gelernt habe, dann, dass Menschen sehr verschieden sind. Deshalb sind das eigene Befinden und subjektive Kriterien für gut und schlecht keine vernünftige Basis für eine Gesetzgebung. Das ist der Fehler, den Prostitutionsgegner machen. Die sagen: Ich könnte mir das nicht vorstellen. Also wollen sie es anderen verbieten.

Die Gegner wollen auch verhindern, dass Frauen ausgebeutet werden.
Aber das ist doch verboten. Ein Bordellbetreiber darf, laut Gesetz, nur Termine für die Zimmer vergeben und Mieten einnehmen. Er darf nicht mal sagen, dass die Frauen pünktlich erscheinen sollen. Was zu Recht kritisiert wird, ist längst illegal.

Aber wie frei ist eine Entscheidung aus materieller Not?
Natürlich, wir reden immer nur von relativer Freiheit. In unserer Gesellschaft haben wir nicht die Freiheit zu entscheiden, ob wir Geld verdienen wollen. Man kann sich nur entscheiden, wie. Je mehr Wahlmöglichkeiten es in der Gesellschaft und der Prostitution gibt, desto freier.

Natürlich gibt es Frauen, die diese Arbeit machen, obwohl sie es nicht wollen.

Im «Nordischen Modell» geht es nicht darum, die Prostitution zu verbieten.
Doch, faktisch schon. Nur sollen nicht die Prostituierten bestraft werden, sondern die Freier. Und zwar für jegliche sexuelle Dienstleistung. Das heisst, es wäre die gleiche Straftat, wenn mich ein Kunde vergewaltigen würde, oder wenn er höflich wäre und wir guten Sex hätten. Deshalb steckt keineswegs die Sorge um missbrauchte Frauen dahinter. Es geht um ein religiös geprägtes, sexualfeindliches Gesellschaftsbild. Und Fremdenfeindlichkeit. Es wird ständig darauf verwiesen, dass die meisten Frauen Ausländerinnen seien, die nach Hause wollten. Man könnte es ein «Ausländerinnen-raus-Gesetz» nennen.

Wenn die bestehenden Gesetze nicht das Problem sind, was dann?
Die Polizeiarbeit geht in die falsche Richtung. Natürlich gibt es Frauen, die diese Arbeit machen, obwohl sie es nicht wollen. Angesichts der Möglichkeiten, die sie haben – vielleicht bei einem Mann zu bleiben, der sie schlägt, oder in einem Land, wo Krieg herrscht – entscheiden sie sich dafür. Wenn man diesen Menschen helfen will, muss man die Arbeitsbedingungen verbessern, faire Prostitution unterstützen und Beratungseinrichtungen und Aussteigerprogramme fördern, die diesen Namen verdienen.

Warum erreichen Sie damit Frauen wie Alice Schwarzer nicht?
Das frage ich mich auch. Ich versuche, schon so lange zu erklären, dass ich kein Interesse daran habe, dass Frauen ausgebeutet werden. Schlechter Sex zu Dumpingpreisen nutzt mir als Unternehmerin nichts. Es verdirbt die Preise, die Kunden und mein Image.

Wären Sie gern reiche Unternehmerin?
Nein. Warum nicht? Wenn man wirklich reich sein will, darf einen nichts ausser Geld interessieren. Ich interessiere mich einfach für zu viele Dinge. Ich möchte behalten, was ich habe. Ich kann jeden Tag so viel essen, wie ich möchte, ich kann – meistens – meine Miete pünktlich zahlen und habe Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen. Im globalen Massstab bin ich reich.

Sie sprechen sehr routiniert über Ihren Beruf. Wollten Sie denn jemals etwas anderes werden?
Ich wollte immer Schriftstellerin werden und habe geschrieben. Zwar bin ich zur Prostitution gekommen, weil ich das den besten Nebenjob im Studium fand. Aber ich bin auch Prostituierte, weil ich darüber schreiben kann. Als Kind habe ich mich als Schriftstellerin nicht als das gesehen, was Schriftsteller tun: am Schreibtisch sitzen. Ich wollte die Abenteuer erleben, die ich beschreibe. Ich schreibe also nicht autofiktional, sondern ich lebe autofiktional.

https://www.derbund.ch/12-app/jede-hat- ... y/21968534

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