Interview mit Fetisch Lady Karo

Ein nahezu unerschöpfliches Thema: Psychologische Betrachtungsweise der Sexarbeit
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deernhh
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Interview mit Fetisch Lady Karo

Beitrag von deernhh »

Bötschi fragt Sexarbeiterin
Fetisch Lady Karo: «Das grösste Problem sind nicht die Männer, sondern die Vorurteile»

«Mich kauft kein Mann. Ich verkaufe eine Dienstleistung, aber nie mich selbst. Meine Gäste nehmen mir nichts weg – schon gar nicht meinen Körper»: Fetisch Lady Dame Karo.
Bild: zVg

Sie arbeitet seit 25 Jahren als Sexarbeiterin. Im Interview spricht Fetisch Lady «Dame Karo» über gesellschaftliche Vorurteile, ihre Ehe, schwierige Begriffe wie «Freier» – und warum das grösste Problem ihres Berufs nicht die Männer sind.


Bruno Bötschi

12.06.2026, 00:30

12.06.2026, 07:06


Fetisch Lady «Dame Karo» spricht über Liebe, Sex, Vorurteile und ihren Alltag im Erotikgewerbe.
Das grösste Problem ihres Berufs seien nicht die Männer, sondern die gesellschaftliche Stigmatisierung.
Seit zwei Jahren ist die 45-jährige Sexarbeiterin mit einer Frau verheiratet – Sex steht dabei nicht im Mittelpunkt.
«Die attraktivste Eigenschaft bei Männern ist für mich ganz klar gute Manieren. Ohne Respekt und gutes Benehmen läuft bei mir gar nichts – und deshalb nehme ich mir jederzeit die Freiheit heraus, einen Gast abzulehnen», so Karo im Gespräch mit blue News.

Fetisch Lady Dame Karo (45) wurde in Weissrussland geboren und studierte Wirtschaft, als nach der Wende der Kapitalismus Einzug hielt. Die Zeit sei wild und hemmungslos gewesen: «Ich war jung und hübsch. Ich ging an Partys, tanzte, trank und rauchte. Die Männer luden mich gerne ein.»

Nach Gelegenheitsarbeiten in einem Bordell in Polen lernt sie einen 20 Jahre älteren Unternehmensberater kennen. Die beiden verlieben sich, heiraten und ziehen in die Schweiz. Auf Wunsch ihres Mannes steigt Karo aus der Sexarbeit aus.

Die Ehe hält fünf Jahre lang, dann verlässt Karo ihren Mann. Danach arbeitet sie erst als Barkeeperin und später als Croupière in einem Casino, bevor sie ins Erotikgewerbe zurückkehrt.

Heute arbeitet Karo als selbstständige Sexarbeiterin, vermietet Zimmer in Bubikon ZH und Davos GR an Berufskolleg*innen und absolvierte vor zwei Jahren eine Ausbildung zur Domina.

Fetisch Lady Dame Karo, wir machen heute ein Frage-Antwort-Spiel: Ich stelle Ihnen in den nächsten 45 Minuten möglichst viele Fragen. Und Sie antworten bitte möglichst kurz und schnell. Wenn Ihnen eine Frage nicht passt, können Sie auch einmal «Weiter» sagen.

Okay, ich bin bereit.

Zürich oder Bern?

Ich lebe seit 25 Jahren in der Schweiz und in dieser Zeit ist mir Zürich sehr ans Herz gewachsen – die Stadt wurde quasi zu meiner zweiten Heimat. Ich bin in Zürich verwurzelt und habe viele Freundinnen und Freunde, unter anderem aus der Techno-Szene.

Stadt oder Land?

Ich mag das Leben in der Stadt, möchte aber nicht mehr dort wohnen. Deshalb ist Bubikon im Zürcher Oberland perfekt für mich.

Zum Autor: Bruno Bötschi

blue News
blue News-Redaktor Bruno Bötschi spricht für das Frage-Antwort-Spiel «Bötschi fragt» regelmässig mit bekannten Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland. Er stellt ihnen ganz viele Fragen – immer direkt, oft lustig und manchmal auch tiefsinnig. Dabei bleibt bis zur allerletzten Frage immer offen, wo das rasante Pingpong hinführt.

Freier oder Kunde?

Ich sage Gast. Das Wort «Freier» mag ich nicht – genauso wenig wie «Hure» oder «Prostituierte».

Welche Bezeichnung für Ihren Beruf bevorzugen Sie?

Sexarbeiterin oder Kurtisane.

Als Fachfrau im Erotikgewerbe: Wie kann ein Mensch Liebe und Sex trennen?

Für mich sind das zwei völlig verschiedene Dinge. Liebe hat nicht zwingend etwas mit Sex zu tun. Ich bin seit zwei Jahren mit einer Frau verheiratet, wir kennen uns aber schon viel länger. Und wie bei vielen Paaren, die seit Jahren zusammen sind, steht bei uns nicht der Sex im Mittelpunkt, sondern eine tiefe Freundschaft. Unsere Intimität ist heute eher emotional und geistig.

Was gefällt Ihnen am Job als Sexarbeiterin am besten?

Die Selbstbestimmtheit. Ein klassischer Nine-to-five-Job wäre nichts für mich. Ich teile mir meine Zeit frei ein und arbeite unabhängig. Ausserdem sind meine Gäste sehr dankbare Menschen.

Was nervt Sie?

Die soziale Ablehnung.

Ich nehme an, Sie sprechen die Vorurteile an, die es in der Gesellschaft gegenüber Sexarbeitenden gibt?

Ja, genau – mit diesen Vorurteilen und Stigmatisierungen umzugehen, ist das Schwierigste in unserem Beruf.

Mit welchen Vorurteilen werden Sie am meisten konfrontiert?

Viele Kolleginnen müssen jahrelang ein Doppelleben führen. Gerade Frauen mit Kindern sehen sich oft gezwungen, ihren Beruf als Sexarbeiterin geheim zu halten. Sie haben Angst, von der Gesellschaft ausgeschlossen oder stigmatisiert zu werden. Mir selbst ist es erst in den letzten Jahren gelungen, mein Umfeld so zu verändern, dass heute nur noch Menschen zu meinem Freundeskreis gehören, die wissen, dass ich als Sexarbeiterin tätig bin.

Wurden die Vorurteile gegenüber der Sexarbeit in den letzten Jahren mehr oder weniger?

Ich habe das Gefühl, dass sie weniger wurden – wobei das natürlich auch nur meine persönliche Wahrnehmung sein kann. In meinem Freundeskreis spricht heute niemand mehr das Wort «Sexarbeiterin» komisch aus. Mein Umfeld akzeptiert mich vor allem wegen meiner menschlichen Qualitäten.

Sie kämpfen gegen Vorurteile, äussern sich in den Medien und sprechen auch auf Podien. Warum tun Sie das?

Sexarbeit ist in der Schweiz legal und ich kann jederzeit Nein sagen, wenn ein Gast meine Grenzen nicht respektiert. Das grösste Problem sind deshalb nicht die Männer, sondern die Vorurteile in der Gesellschaft. Darum braucht es Menschen, die öffentlich für unsere Rechte einstehen.

Welche Erinnerungen haben Sie an den allerersten Mann, der Ihre Dienstleistungen als Sexarbeiterin buchte?

Das war sehr amüsant.

Weil der Mann so gut im Bett war oder weil er Sie so gut bezahlt hat?

Ach, wissen Sie, ich war noch jung, 18 oder 19. Es war ein netter Club in Polen und wir haben zusammen getanzt. Es hat sich fast wie ein Spontan-Date angefühlt, aber es war uns beiden klar, dass wir uns kein zweites Mal treffen werden und dass ich für das Date zudem ein Honorar bekommen werde, und deshalb fand ich es doppelt geil (lacht).

«Ich habe Mühe mit der Vorstellung, dass die Mehrheit der Männer Sexarbeiterinnen grundsätzlich etwas Böses will»: Fetisch Lady Dame Karo.,
Bild: zVg
Ist die Arbeit als Sexarbeiterin ein Job wie jeder andere auch?

Ja und nein. Aber auch ein Tiefseetaucher oder ein Chirurg hat einen extremen Job. Chirurgen werden zudem noch viel intimer mit ihren Patienten als wir mit unseren Gästen.

Prostitutionsgegnerinnen und -gegner bezeichnen Sexarbeiterinnen als Opfer – es ist immer wieder die Rede davon, diese Frauen würden «ihren Körper verkaufen».

Diese Aussage ist nicht nur falsch, sondern auch respektlos. Ich bin kein Opfer, sondern eine Frau, die vier Sprachen spricht und Wirtschaft studiert hat. Ich habe schon in verschiedenen Berufen gearbeitet. Aber warum sollte ich nicht als Sexarbeiterin tätig sein, wenn ich dort am erfolgreichsten bin und meine Stärken einbringen kann?

Und wahrscheinlich auch besser verdienen, oder?

So ist es. Deshalb nerven mich die Vorurteile gegenüber uns Sexarbeiterinnen so sehr. Ich bin eine erwachsene Frau und mündig genug, um Steuern zu zahlen, Auto zu fahren und eigenständige Entscheidungen zu treffen. Warum sollte ich also um Gottes Willen ein Opfer sein?

Nicht alle Frauen, die in der Schweiz als Sexarbeiterinnen arbeiten, tun dies freiwillig. Es gibt hierzulande Opfer von Menschenhandel.

Ich weiss natürlich, dass es Opfer gibt – und diese Frauen müssen ernst genommen werden. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass der weitaus grössere Teil der Frauen, die als Sexarbeiterinnen tätig sind, den Beruf freiwillig ausübt. Ich kann und will aber nur über meine eigenen Erfahrungen sprechen. In den vergangenen 25 Jahren hatte ich Einblick in die unterschiedlichsten Betriebe. In dieser Zeit traf ich persönlich keine Frau, die gegen ihren Willen als Sexarbeiterin tätig war. Wenn ein Mensch sich aus freien Stücken für diesen Beruf entscheidet, sollte die Gesellschaft das zumindest akzeptieren.

Wie ist die Sexarbeit in der Schweiz heute reguliert?

Ich finde, sie ist sehr gut geregelt – deshalb würde ich sagen: bitte nichts verändern. Natürlich ist nicht alles perfekt, aber deswegen würde ich nicht gleich auf die Barrikaden gehen. Im Grossen und Ganzen würde ich sogar behaupten, die Schweiz ist europaweit eines der Länder mit der besten Gesetzgebung für Sexarbeitende.

Was halten Sie vom Nordische Modell, bei dem Freier kriminalisiert werden?

Ich halte das für einen schrecklichen Fehler. Am Ende schadet dieses Modell vor allem den Sexarbeiterinnen. Und warum sollte man erwachsene Menschen kriminalisieren, die im gegenseitigen Einverständnis handeln?

In Schweden, wo das Nordische Modell 1999 eingeführt wurde, sagen Befürworter*innen, dadurch sei eine Generation von Männern entstanden, die sich kaum noch vorstellen können, für Sex zu bezahlen und eine Frau zu kaufen.

Aber was heisst überhaupt «eine Frau kaufen»? Ich finde diese Wortwahl überaus problematisch. Mich kauft kein Mann. Ich verkaufe eine Dienstleistung, aber nie mich selbst. Meine Gäste nehmen mir nichts weg – und schon gar nicht meinen Körper.

Die ehemalige Sexarbeiterin und heutige Aktivistin Huschke Mau sagt im Interview mit dem «Blick»: «Zurückweisung ist in der Prostitution nicht vorgesehen. Zusammengefasst kann man sagen: Freier sind Männer, die Frauen als Nutztiere sehen.»

Das sehe ich komplett anders. Sexarbeit ist in der Schweiz legal – und ich entscheide selbst, wer bei mir Gast sein darf. Ein möglicher Gast muss schon am Telefon oder per Mail respektvoll auftreten, sonst bekommt er meine Adresse gar nicht erst. Und auch vor Ort erwarte ich gutes Benehmen. Ich habe Mühe mit der Vorstellung, dass die Mehrheit der Männer Sexarbeiterinnen grundsätzlich etwas Böses will.

«Die meisten Sexarbeiterinnen, die ich kenne, wollen nicht in Modeläden wie H&M arbeiten. Dort müssten sie deutlich härter und länger arbeiten – ohne Tageslicht und für viel weniger Geld»: Fetisch Lady Dame Karo.
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Sie waren als Sexarbeiterin noch nie Opfer von Gewalt?

Nein. In der spanischen Netflix-Serie «Sky Rojo» gibt es eine Szene, in der ein Mann eine Sexarbeiterin schlägt, bis sie heult und sie danach zum Oralverkehr zwingt. Wissen Sie was, kein normaler Mann will seinen Penis in den Mund einer Frau stecken, die weint. Das ist einfach nicht geil.

Fakt ist: Es gibt Männer, die sich gegenüber Frauen übergriffig verhalten.

Aber man darf trotzdem nicht so tun, als wären die meisten Männer gefährlich. Die grosse Mehrheit der Menschen sind zum Glück keine Sozio- oder Psychopathen.

Huschke Mau schreibt in ihrem Buch «Entmenschlicht», dass die Mehrheit der Frauen in der Prostitution, ein Kindheitstrauma haben, also familiäre Gewalt miterlebt haben, körperlich misshandelt oder sexuell missbraucht wurden.

Wie bereits gesagt: Ich kann nur für mich selbst sprechen – und auf mich trifft diese Aussage nicht zu. Ich tue mich generell schwer mit der Behauptung, Frauen würden wegen erlebter Gewalt in die Sexarbeit gehen. In den vergangenen 25 Jahren habe ich die unterschiedlichsten Lebensgeschichten kennengelernt. Es gibt solche und solche Fälle. Aber Gewalt in der Kindheit ist doch kein automatisches Urteil für die Prostitution. Natürlich kommen manche Sexarbeiterinnen aus schwierigen Familienverhältnissen. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass Gewalt der Grund für ihren Beruf ist. Ich kenne auch viele Sexarbeiterinnen, die sagen, sie hätten eine glückliche Kindheit gehabt.

Auf der Website Ihres Erotiksalons veröffentlichten Sie kürzlich den Text «Nicht Opfer, sondern Unternehmerin – wie Prostitution auch Selbstbestimmung bedeutet». Warum ist die Realität der Prostitution komplexer und vielfältiger, als Kritiker*innen der Sexarbeit oft wahrhaben wollen?

Weil es oft um Effekthascherei geht. Vor vier Jahren habe ich das Buch «Piff, Paff, Puff – Prostitution in der Schweiz» gelesen und fand vieles darin schlicht falsch. Die Autorin behauptet zum Beispiel, alle Sexarbeiterinnen würden lieber einen «normalen Beruf» machen.

Stimmt das nicht?

Die meisten Sexarbeiterinnen, die ich kenne, wollen nicht in Modeläden wie H&M arbeiten. Dort müssten sie deutlich härter und länger arbeiten – ohne Tageslicht und für viel weniger Geld.

Als Sexarbeiterin hatten Sie sicher schon Sex mit einem Mann, mit dem Sie das privat nicht haben wollten. Was macht das mit Ihnen?

Nun denn, meine Gäste bezahlen für eine Dienstleistung und verhalten sich dabei höflich. Ein Psychotherapeut ist privat auch nicht mit seinen Kunden befreundet. Und vielleicht würden Sie, Herr Bötschi, privat ebenfalls nicht mit mir reden wollen. Diese Distanz gibt es in jedem Beruf. Für mich macht das Kondom den Unterschied. Ich sehe Sexarbeit als eine erweiterte Form von Massage. Und übrigens: Die attraktivste Eigenschaft bei Männern ist für mich ganz klar gute Manieren. Ohne Respekt und gutes Benehmen läuft bei mir gar nichts – und deshalb nehme ich mir jederzeit die Freiheit heraus, einen Gast abzulehnen.

Wie oft ist das schon passiert?

Bisher zweimal.

Waren die zwei Gäste übergriffig oder sonst wie unanständig?

Die beiden Männer haben sich einfach komisch verhalten, bis ich irgendwann gesagt habe: «Du Schatz, wir haben keine Chemie miteinander. Es ist besser, wenn du jetzt gehst.»

Wie sieht bei Ihnen ein normaler Arbeitstag aus?

Ich schlafe meistens bis gegen 10 Uhr. Danach starte ich gemütlich in den Tag, trinke einen Kaffee und checke mein Telefon. Je nachdem, ob ich Buchungen von Gästen habe, bereite ich mich anschliessend auf die erste Session vor.

Nach der Corona-Pandemie überlegte ich mir, wie ich mich weiterentwickeln kann in meinem Job – und absolvierte danach eine Ausbildung zur Domina: Fetisch Lady Dame Karo.
Bild: zVg
Wie viele Sessions haben Sie an einem Tag?

Zwei bis drei – am Wochenende manchmal auch mehr.

Wie lange dauern diese Sessions?

Die Mindestdauer beträgt eine Stunde. Die meisten Termine dauern bei mir allerdings eher drei bis vier Stunden.

2021 habe ich Sie bereits einmal für blue News interviewt. Wie hat sich Ihre Arbeit und Ihr Leben seither verändert?

Nach der Corona-Pandemie überlegte ich mir, wie ich mich weiterentwickeln kann in meinem Job – und absolvierte eine Ausbildung zur Domina.

Welche Klischees über den Beruf Domina hatten Sie im Kopf, bevor Sie eine wurden?

Ich bin ein aufgeschlossener und neugieriger Mensch. Gleichzeitig war mir bewusst, dass ich keine Ahnung hatte, was der Beruf einer Domina alles beinhaltet. Ich begann die Ausbildung deshalb ohne irgendwelche Klischees im Kopf.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre erste Session als Domina?

Ich hatte damals noch keinen eigenen BDSM-Raum in meinem Studio, aber bereits viele verschiedene Peitschen im Angebot. Mein erster Gast hatte ein Faible für Peitschen – trotzdem war es für mich ein Sprung ins kalte Wasser. Ich hatte zwar kurz vorher einen Peitschenkurs besucht und fühlte mich gut vorbereitet. Wobei ich zugeben muss: Der Gast ist danach nicht wiedergekommen. Vermutlich war ich doch noch nicht so gut darin (lacht).

Wie kommen Sie in Ihre Rolle als Domina – haben Sie dafür irgendwelche Rituale?

Vor jeder Session gibt es ein Gespräch. Dabei klären wir Wünsche, Grenzen und das sogenannte Ampelsystem.

Was ist das?

Das Ampelsystem im BDSM-Bereich ist ein Sicherheits- und Kommunikationssystem. Grün bedeutet: alles okay. Gelb: Achtung, Grenze nähert sich. Und Rot heisst sofortiger Stopp.

Sexarbeiterin. «Ich habe schnell gutes Geld verdient, aber als Frau ist das nicht erlaubt»
Sexarbeiterin
«Ich habe schnell gutes Geld verdient, aber als Frau ist das nicht erlaubt»
Ich habe mir Ihre Honorarliste angeguckt: Ihre Preise beginnen bei 300 Franken für eine Stunde bei Softerotik und bei 350 für eine BDSM-Session. Was bleibt davon am Ende übrig, wenn man Raummiete, Vorbereitung und unbezahlte Akquise abzieht?

So genau habe ich das noch nie ausgerechnet. Fakt ist jedoch: Weil ich selbstständig bin, bleibt alles Geld bei mir. Ich würde sagen, ich verdiene als Domina ungefähr so viel wie ein guter Anwalt.

Wie viele Ihrer Gäste sind verheiratet oder leben in einer vermeintlich monogamen Beziehung?

Die Mehrheit lebt in einer Partnerschaft. Und ich gehe auch davon aus, dass viele Partnerinnen nicht wissen, dass ihre Männer die Dienstleistung einer Sexarbeiterin in Anspruch nehmen.

Haben Sie manchmal Skrupel oder ein schlechtes Gewissen gegenüber den Partnerinnen, die das nicht wissen?

Nicht wirklich. Ich sehe mich nicht in der Rolle, über die Beziehungen anderer Menschen zu urteilen. Partnerschaften und Ehen sind oft viel komplexer, als dass man sie von aussen beurteilen könnte. Viele Männer tragen Fantasien oder Fetische in sich, die sie vielleicht nur einmal erleben möchten, ohne dass sie diese dauerhaft in ihrer Partnerschaft ausleben wollen. Oft ist es eher ein Moment der Neugier oder eine bestimmte Fantasie – genauso wie manche Menschen immer einmal im Jahr in einem ganz bestimmten japanischen Restaurant essen gehen. Und ich glaube auch, dass nicht jede Frau wirklich jede Fantasie ihres Partners kennen oder miterleben möchte.

Kommen Väter eher morgens zu Ihnen, damit die Ehefrau daheim keinen Verdacht schöpft?

Das ist unterschiedlich, jeder Gast hat andere Vorlieben.

Gibt es auch Frauen, die sich bei Ihnen melden – und Ihren Partner vorbeischicken, weil sie wollen, dass es ihm gut geht – zum Beispiel als Geburtstagsgeschenk?

Das habe ich noch nie erlebt (lacht).

«Mir ist wichtig, mit einem Gast auf Augenhöhe kommunizieren zu können. Deshalb habe ich den Text auf meiner Website bewusst etwas anspruchsvoller formuliert, damit er genau die Männer anspricht, die zu mir passen»: Fetisch Lady Dame Karo.
Bild: zVg

Haben Sie einen Lieblingskunden?

Sogar mehrere.

Weil es ihnen mehr Spass macht oder weil sie so lustig sind?

Sagen wir es so: Die Chemie stimmt – und diese Gäste sind meist sehr grosszügig …

… also mit dem Trinkgeld?

So ist es (lacht).

Haben Sie eine Zielgruppe, die Sie besonders ansprechen?

Meine Gäste sind zwischen 45 und 70 Jahre alt. Ich habe auf meiner Website bewusst einen etwas komplizierten Text über mich und meine Vorlieben veröffentlicht – er funktioniert wie ein natürliches Sieb.

Wie meinen Sie das?

Ich bin 45 Jahre alt und werde inzwischen oft in die typische MILF-Kategorie eingeordnet, die vor allem jüngere Männer anspricht. Ich selbst bin allerdings sapiosexuell – mich zieht vor allem Intelligenz an. Mir ist wichtig, mit einem Gast auf Augenhöhe kommunizieren zu können. Deshalb habe ich den Text auf meiner Website bewusst etwas anspruchsvoller formuliert, damit er genau die Männer anspricht, die zu mir passen.

Gibt es heute noch BDSM-Buchungen, die Sie staunen lassen?

Oh ja, die gibt es noch – erst kürzlich wollte ein Gast, dass er mir als Möbel dienen kann.

Durfte er?

Ja. Ich bemühe mich grundsätzlich, möglichst vieles zu verstehen und auch immer Neues dazuzulernen.

Wie oft lehnen Sie BDSM-Buchungen ab?

Wenn mich jemand schon in der ersten Mail herabwürdigt, nach Sex ohne Kondom fragt oder über den Preis verhandeln will, lehne ich die Anfrage ab. Herrgott, wir sind hier doch nicht auf einem Basar.

Hat sich Ihr Bild von Männern durch Ihre Arbeit als Domina verändert?

Ich habe das Gefühl, dass sich meine BDSM-Gäste bewusster mit ihrer Sexualität auseinandersetzen. Viele interessieren sich zum Beispiel für Prostatamassagen – etwas, das in der klassischen Sexualität vieler heterosexueller Männer noch immer tabuisiert wird.

Möglicherweise haben heterosexuelle Männer Angst vor eine Prostatamassage, weil sie glauben, als schwul abgestempelt zu werden.

Genau. Dabei hat das nichts mit Homosexualität zu tun. Männer können dadurch unglaublich intensive Orgasmen erleben.

Haben Sie sich verändert, seit Sie als Domina arbeiten?

Ich hoffe nicht.

Hat sich Ihre private Sexualität durch die Domina-Tätigkeit verändert?

Sagen wir es so: Ich habe heute definitiv mehr Skills und Tricks auf Lager.

Empfinden Sie Ihre Arbeit als wertvoll für die Gesellschaft?

Ja, definitiv. Wenn es keine Nachfrage gäbe, gäbe es auch kein Angebot. Viele Diskussionen über ein Verbot der Sexarbeit finde ich deshalb ehrlich gesagt ziemlich realitätsfremd. Man könnte genauso gut versuchen, den Regen zu verbieten. Prostitution verschwindet nicht – sie verlagert sich einfach in dunkle Ecken. Und genau dort wird es für Frauen gefährlich.

Glauben Sie, dass die Menschen, die in der Schweiz leben, guten Sex haben?

Ich glaube ehrlich gesagt: Die meisten Menschen haben keinen guten Sex.

https://www.bluewin.ch/de/leben/lifesty ... 48963.html