Menschenrechte und die Würde der Sexworker

Wo melde ich meinen Beruf an, mit welcher Steuerlast muss ich rechnen, womit ist zu rechnen, wenn ich die Anmeldung verabsäume, ... Fragen über Fragen. Hier sollen sie Antworten finden.
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Robby
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#141

Beitrag von Robby »

@ehemaliger_User,aoife
nehme an es geht bei diesem fall um ein entführtes kind und die polizei wusste zum zeitpunkt der vernehmung noch nicht dass es bereits tot ist (erinnere mich nur sehr dunkel an den fall)
ich denke dass die androhung von folter zur rettung eines opfers durchaus legitim ist -auch wenn es den gesetzen widerspricht
in diesem fall hat die polizei meines erachtens richtig gehandelt
als gegenbeispiel ist der fall cretu in wien zu werten
trotz vorheriger anzeigen wurde er nicht aus dem verkehr gezogen-ein eindeutiges versagen der exekutive
robby

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Aoife
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#142

Beitrag von Aoife »

          Bild
Robby hat geschrieben:durchaus legitim ist -auch wenn es den gesetzen widerspricht
Das ist schon formallogisch ein Widerspruch in sich :002

Aber um uns nicht mit Formalitäten aufzuhalten: Das zugrundeliegende Dilemma ist IMHO, ob die Polizei über dem Gesetz stehen soll und somit die Erlaubnis haben nach dem Prinzip "der Zweck heiligt die Mittel" zu handeln, oder ob wir das nicht wollen.

Und da muß ich ganz klar sagen: Ich persönlich bin ganz entschieden dagegen!

Selbst wenn in diesem Fall die Hoffnung vorlag ein Kind durch das illegale Mittel Retten zu können - dem Prinzip an sich sind schon viel zu viele Kinder zum Opfer gefallen, Tausende :009

Und wer sollte uns auch garantieren, dass der dieses Prinzip anwendenede Polizist überhaupt den gleichen Zweck verfolgt wie wir? Dass er nicht im Sinn einer phantasierten Volksgesundheit oder öffentlichen Moral in die altbekannten Fehler verfällt?

Die keineswegs von einem inzwischen überwundenen Zeitgeist herrühren, am deutlichsten sehen wir ja am Beispiel der USA wie auch heutzutage aus ganz anderen Philosophien (wirtschaftliche Interessen, "christliche" Werte) stammende Zwecke benutzt werden die Grundrechte auch derjenigen auszuhebeln, die an diesen Werten gar kein Interesse haben.

Gut, ich versteh es auch wenn ich mir den Zorn einiger zuziehe wenn ich ganz offen zugebe, dass die (für möglich gehaltene) Rettung eines Kindes für mich nicht alles rechtfertigt. Aber wenn ich die Konsequenzen der anderen Denkweise, von Hexenverbrennungen über The Famine und Auschwitz bis hin zu Guantanamo anschaue, dann bleibt mir keine andere vernünftige Wahl.

Liebe Grüße, Aoife
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#143

Beitrag von Robby »

@aoife
mit legitim habe ich wohl das falsche wort verwendet
die polizei sollte grundsätzlich nicht über dem gesetz stehen aber in diesem"spezialfall" ist die vorgehensweise der beamten verständlich
ich bin nicht davon ausgegangen dass die polizei andere ziele hatte als die rettung des kindes
aoife du hast sicher ganz andere erfahrungen als ich mit der "obrigkeit" als ich und ich möchte auch nicht einer verbreitung deiner kritisierten werte vorschub leisten(christliche werte,volksgesundheit, etc)
meinen zorn ziehst du dir deswegen sicher nicht zu - wir haben eben in manchen dingen unterschiedliche ansichten und das soll auch so bleiben!
liebe grüsse
robby

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RE: Menschenrechte und die Würde der Sexworker

#144

Beitrag von friederike »

Ganz so leicht ist es aber nicht.

Zunächst finde ich Robby's Formulierung durchaus vertretbar: zwischen "legitim" und "gesetzeskonform" ist ein Unterschied.

Der grosse Rechtsphilosoph Gustav Radbruch ist an dieser Klippe auf Grund gelaufen: als der Nationalsozialismus die Gesetzesmacht an sich gerissen hatte, hat er dafür gesorgt, dass viele seiner Taten gesetzeskonform waren, beispielsweise die Enteignung der Juden. War diese deshalb legitim?

Wäre es ein Unterschied, wenn im Fall Gäfgen die Folterdrohung nicht vom Polizeioffizier, sondern vom Vater des Kindes gekommen wäre?

War das Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 illegitim? Gesetzeskonform war es gewiss nicht.

Beste Grüsse,
Friederike

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#145

Beitrag von Aoife »

Danke für deinen Einwand Friederike!

Wenn wir aber legitim nicht als wörtliche Übersetzung von gesetzeskonform ins Lateinische auffassen, dann müssten wir zunächst definieren nach welchem nichtgesetzlichen Kodex "legitim" sich richten soll.

Liebe Grüße, Aoife
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#146

Beitrag von friederike »

Die richtige Übersetzung für "gesetzeskonform" ist wohl "legal".

Aber Du hast natürlich recht, das ist das Radbruch'sche Problem: wenn es ein Recht über den (positiven) Gesetzen gibt, wie kann man es ausmessen und richtig anwenden?

LG,
Friederike

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#147

Beitrag von Robby »

@aoife,friederike
wollte mit meinem kommentar keine diskussion über sprachliche und juristische spitzfindigkeiten auslösen
lassen wir s dabei
bin gewohnt für meine meinung verbale prügel zu beziehen
und bleibe trotzdem dabei
werde mich aber in zukunft zurückhalten und keine brisanten themen aufgreifen
robby

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#148

Beitrag von Aoife »

Ja genau Friederike, da sehe ich das Problem der Subjektivität.

Die durchaus auch ihre argumentierbaren Vorteile hat, aber in der Summe geschichtlich eher zu Katastrophen geführt hat.

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#149

Beitrag von Aoife »

          Bild
Robby hat geschrieben:bin gewohnt für meine meinung verbale prügel zu beziehen
und bleibe trotzdem dabei
werde mich aber in zukunft zurückhalten und keine brisanten themen aufgreifen
Robby tut mir leid wenn du dich geprügelt fühlst - war bestimmt nicht so gemeint und ich finde die Diskussion durchaus interessant.

Und du hast schon Recht, es hat wohl mit unterschiedlicher Lebenserfahrung zu tun, wenn ich als erstes die Mißbrauchsgefahr sehe.

Wobei Lebenserfahrung schon jeder seine eigene hat, die ist nicht austauschbar, aber andere Meinungen zu sehen finde ich gut.

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#150

Beitrag von Robby »

@aoife
wie wir festgestellt haben hat jeder seine eigenen erfahrungen
war leider etwas sensibel mit "geprügelt" werds aber überleben
trotzdem werde ich mich besser zurückhalten denn solche diskussionen blockieren vielleicht wichtigere dinge
liebe grüße
robby

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#151

Beitrag von friederike »

@Robby, @aoife,

das sind ja keine "Spitzfindigkeiten", sondern sehr wichtige und gleichzeitig sehr schwierige Abgrenzungen und moralische Fragen, siehe das Scheitern des berühmten Gelehrten R.:

Auf der einen Seite sind Recht und Gesetz positiv niedergelegt ("Rechtspositivismus"). Deshalb trat Radbruch in den 30er Jahren den Nationalsozialisten entgegen, die unter Berufung auf ein "gesundes Volksempfinden" die Gesetze brachen.

Dann machten sich die Nazis ihre Gesetze eben selbst und legalisierten z. B. die Entrechtung der jüdischen Bevölkerung. Radbruch trat ihnen nun unter Berufung auf höhere Rechtsprinzipien ("Naturrecht") entgegen.

Hier im Forum können wir das sicher nicht vertiefen, darüber sind dicke Bücher geschrieben worden, ohne dass man dem Problem wirklich auf den Grund gelangt ist. Man kann zum Fall Gäfgen unterschiedlicher Auffassung sein, muss sich aber klar sein, dass dies ein sehr tiefes Dilemma ist. In die Lage des Polizeibeamten möchte man nicht gerne kommen.

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RE: Menschenrechte und die Würde der Sexworker

#152

Beitrag von Jupiter »

Dieser Fall wurde gestern Abend im Bekanntenkreis sehr kontrovers diskutiert.

Zunächst hier noch der Bericht in der BZ, welcher nicht so reißerisch getextet ist, wie in Spiegel-Online:
http://www.badische-zeitung.de/nachrich ... er-gewinnt

Es ist scheinbar eine sehr stark verbreitete Meinung, dass für einen Mörder die Menschenwürde / Menschenrechte nicht gelten sollen.

Tatsache ist aber, dass bei der Androhung von Folter der Verdächtigte noch nicht der Tat überführt war.
Wenn Staatsorgane eine Verletzung der Menschenrechte anordnen / durchführen ist dies zu ächten. Es ist doch gerade das Wesen der Menschenwürde / Menschenrechte, dass sie allen Menschen zustehen ohne Rücksicht auf Verdienste oder Verbrechen.

Gruß Jupiter
Wenn du fühlst, dass in deinem Herzen etwas fehlt, dann kannst du, auch wenn du im Luxus lebst, nicht glücklich sein.

(Tenzin Gyatso, 14. Dalai Lama)

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#153

Beitrag von ehemaliger_User »

Wenn ein Vater Forderunen nach Folter erhebt ist das eine ganz andere Sache. Aus seiner Sicht legitim = berechtigt. Die Menschenrechte betreffen in der Hauptsache staatliches Handeln. Ein Polizeibeamter hat in seinem Diensteid geschworen, die Gesetze einzuhalten. Deshalb wurden die betroffenen Beamten damals verurteilt. Es ist deshalb logisch, dass der Dienstherr dafür eine Entschädigung zu zahlen hat.

Ich sehe es wie Aoife: Es ist unerträglich, dass Innenminister, Polizeifunktionäre und damit Vertreter des Staates sich anmassen, sich derart über die Grundrechte auszulassen.
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#154

Beitrag von Aoife »

@friederike:

Ich sehe das keinesfalls als Spitzfindigkeit an, hängt es doch ganz grundlegend mit der Basis unseres politischen Handelns hier im Forum zusammen.

Und so Recht du hiermit:

          Bild
friederike hat geschrieben:Hier im Forum können wir das sicher nicht vertiefen, darüber sind dicke Bücher geschrieben worden, ohne dass man dem Problem wirklich auf den Grund gelangt ist.
hast, solange wir etwas ändern wollen, und dabei den Anspruch haben gerecht zu bleiben, nicht einfach nur egozentrisch unsere Vorteile gegen den Rest der Menschheit zu erkämpfen, brauchen wir trotz fehlender letztenlicher Klärung des Problems eine pragmatische Lösung dafür.

Wobei ich davon ausgehe dass diese dicken Bücher erfolglos geschrieben wurden weil sie eine absolute Lösung anstrebten. Das halte ich für prinzipiell unerreichbar und strebe deshalb von vornherein "nur" eine relative, subjektive Lösung an.

Auf dieser Basis vertrete ich folgende Meinung: Wer sich zu den Menschenrechten bekennt ist auch daran gebunden

Und das (vielleicht gehe ich hier einen Schritt zuweit?) auch dann, wenn er diese Bekenntnis nur implizit durch Verwendung der Menschenrechtsnomenklatur ausspricht. Auf diese Basis kritisiere ich ja beispielsweise die Behauptung der Kirchenvertreter Prostitution würde gegen die Menschenwürde verstossen. Sie verstösst zwar wohl wirklich gegen die "Würde" des christlichen Gedankensystems, aber die wörtliche Anleihe bei einer ganz anderen Philosophie, dem Menschenrechtssystem, setzt den kirchlichen Angreifer in's Unrecht, er verstößt jetzt selbst gegen die Menschenwürde, indem er sie systemfremd den Prostituierten abspricht. Wobei von kirchlicher Seite ja auch noch bezüglich der Inanspruchnahme des Rechts auf freie Religionsausübung ein implizites Bekenntnis zu dem Menschenrechtssystem vorliegt.

Umgekehrt würde ich gegenüber jemandem der ehrlich das Menschenrechtssystem ablehnt (beispielsweise gegenüber einem gläubigen Moslem, der sagt göttliches Recht kann durch die Menschen ebensowenig verändert werden wie die Naturgesetze) nicht mit Menschenrechten argumentieren, dafür besteht keine gemeinsame Basis und es erweckt nicht ganz zu Unrecht den Verdacht eines hintergründigen Neokolonialismus.

Das von dir, Friederike, angesprochene Problem des mangelnden Konsens' welches Recht denn nun höher sein soll als das staatlich verordnete, falls es ein solches höheres Recht überhaupt geben sollte, würde IMHO erst dann relevant, wenn wir ein wirkliches clash of cultures hätten. Solange wir jedoch innerhalb eines Kulturkreises diskutieren in dem Konsens darüber bezeugt wird, dass das Naturrecht in Form der Menschenrechte die Grenze staatlicher Macht darstellt halte ich es für die beste Strategie die "Gegenseite" auch als an Menschenrechte gebunden anzusehen.

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Re: RE: Menschenrechte und die Würde der Sexworker

#155

Beitrag von Aoife »

          Bild
Jupiter hat geschrieben:Es ist scheinbar eine sehr stark verbreitete Meinung, dass für einen Mörder die Menschenwürde / Menschenrechte nicht gelten sollen.
Wohin solche "Meinungen" führen können ist (leicht satirisch - und English) hier dargestellt:

http://www.thedailymash.co.uk/news/soci ... 108044155/

Kurze deutsche Zusammenfassung:

Eine Umfrage hat ergeben, dass 64% der Briten für die Todesstrafe sind.
Gut - sowas kommt vor ... und ohne Nähere Erläuterung denken die Meisten dabei ja wohl an Sonderfälle wie Kindermörder.
Interessant wird es aber, wenn man schaut, wer denn nach diesem im "gesunden Volksempfinden" hingerichtet werden sollte - und wieviele.
Von diesen Hinrichtungswünschen wären 56% der britischen Bevölkerung betroffen ...

Möglicherweise wäre das ein Weg die Akzeptanz der Menschenrechte für alle zu argumentieren:

Wenn jemand der Meinung ist, dass sie beispielsweise für Kindermörder nicht gelten sollten, so muß er sich zumindest darüber im Klaren sein, dass es genügend andere gibt, die nicht Kindermörder, sondern ihn selbst als hinrichtungswürdigen Sozialschädling sehen. Wer argumentiert, dass Menschenrechtsverletzungen zu vernachlässigen seien wenn es darum geht ein Kind zu retten, der kann sich selbst nicht ausschließen, sei er Lehrer, Banker oder sonstwas, irgendjemand wird sich finden, der der Meinung ist, dass zum Schutz der Kinder genau ihm die Menschenrechte entzogen gehören.

Nachdenklich? :017

Liebe Grüße, Aoife
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RE: Menschenrechte und die Würde der Sexworker

#156

Beitrag von friederike »

Liebe @Aoife,

Du hast den richtige Smilie gewählt! ':017'

Aber Dein Punkt ist wirklich gut und führt die Diskussion ins Forum zurück:

Menschenrechte sind Naturrecht, sie stehen über positivem einzelstaatlichen Recht. Ein Staat, der durch legales Recht und legale Gesetzgebung Menschenrechte verletzt, handelt unrecht und kann sein Unrecht nicht legal durchsetzen. Deshalb sagen wir: sexuelle Selbstbestimmung und sexuelle Entfaltungsmöglichkeit sind Menschenrechte, Grundrechte, deren Einschränkung nicht legitim ist. Schweden, das einen Freier einsperrt, der mit einer selbstbestimmten Prostituierten Sex gehabt hat, ein solches Schweden handelt unrecht, was immer seine Gesetze sagen. Entsprechendes gilt für die USA, wo irgendwelche Cops Dienstmarken ziehen und Frauen verhaften.

Die Diskussion im Fall Gäfgen ist anders gelagert: hier standen sich zwei Menschenrecht gegenüber.

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Re: RE: Menschenrechte und die Würde der Sexworker

#157

Beitrag von ehemaliger_User »

friederike hat geschrieben:Die Diskussion im Fall Gäfgen ist anders gelagert: hier standen sich zwei Menschenrecht gegenüber.
Es gibt nur ein Menschenrecht. Und dank reisserischer Berichterstattung und Kommentare von Vertretern des Staates werden Sachverhalte instrumentalisiert. Gäfgen hatte nicht im Auftrag des Staates gehandelt, die Polizisten schon.

Ich als Innenminister muss Deine Würde als SW schützen (auf Druck der "Moralisten") - dazu sind dann alle Mittel recht, Registrierung, Stigmatisierung, Kriminalisierung...?
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#158

Beitrag von friederike »

Gäfgens Opfer hat überhaupt nicht gehandelt. Es gibt nur ein Menschenrecht, gewiss, aber es kann mehrere Rechtsinhaber geben, die sich gegenüberstehen.

Das Argument mit dem Innenminister habe ich in diesem Zusammenhang nicht verstanden ..

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#159

Beitrag von ehemaliger_User »

Das mit dem Innenminister sollte die Denkweise eines Innenministers überspitzt aufzeigen. Er ist ja für die "Ordnung" zuständig.

Besser formuliert: Zitat eines (fiktiven) Innenministers: "Ich als Innenminister...."

Knut Ipsen schreibt in seinem Buch "Volkerrecht":

Menschenrechte werden heute gewöhnlich als Abwehrrechte des Bürgers gegen den Staat zum Schutz seiner Freiheitssphäre verstanden.

Die Menschenrechte werden auch von dritter Seite bedroht, deshalb wird davon ausgegangen, dass außerdem zu jedem Menschenrecht eine staatliche Schutzpflicht gehört. Deshalb werden unter bestimmten Voraussetzungen bestimmte Rechte durch Gesetze eingeschränkt, nicht durch (willkürliches) Handeln von Amtsträgern.
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#160

Beitrag von ehemaliger_User »

Interessante Dokumentation: Nine Eleven

Der Krieg war lange geplant

Von Anne Burgmer, 01.09.11, 14:05h

Der ZDF-Terror-Experte Elmar Theveßen hat zusammen mit der Reporterin Souad Mekhennet einen Fernsehfilm über das Attentat vom 11. September gemacht. Die Dokumentation „Nine Eleven – Der Tag, der die Welt veränderte“ versucht, die Katastrophe ganzheitlich zu erfassen.

"Das Einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst." – Diese Worte des früheren amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt aus dem Jahre 1933 haben laut ZDF-Terrorismusexperte Elmar Theveßen bis heute nichts von ihrer Gültigkeit verloren. Und so haben er und die Reporterin Souad Mekhennet den ersten Teil ihrer Dokumentation "Nine Eleven – Der Tag, der die Welt veränderte" schlicht mit "Angst" überschrieben.

Denn diese sei bei den handelnden Politikern nach den Anschlägen auf das World Trade Center das beherrschende Gefühl gewesen. Angst vor neuen Angriffen, die zu einem Ausbau des Überwachungsstaates führte, zur Verschärfung von Sicherheitsgesetzen und zu zwei regionalen Kriegen, zu einem globalen Kampf gegen Terrorismus, der das Leben aller Menschen bestimmt. "Dies sollte nicht der Film über die Opfer und die Emotionen sein, dazu gab es schon viele Beiträge", sagt Theveßen. Ziel sei es gewesen, das große Ganze zu beleuchten, um aufzuzeigen, wie der 11. September 2001 unser aller Leben verändert hat. An diesem Tag habe El Kaida die Welt herausgefordert, so Tehveßen. "Die richtige Antwort darauf haben wir bis heute nicht gefunden." Die Journalisten haben mit hochrangigen Politikern gesprochen, aber auch mit El-Kaida-Führern. Über mehrere Monate wurde in den USA, Deutschland, Afghanistan und Pakistan gedreht.

Aktuelle Ereignisse wie die Tötung von Osama Bin Laden berücksichtigten sie ebenfalls. Theveßen und Mekhennet wollen beispielsweise gut nachvollziehbar belegen, dass der Irakkrieg bereits lange vor dem 11. September geplant war. Zu sehen ist der damalige amerikanische Verteidigungsminister Rumsfeld, der unumwunden einräumt, dass die Kriegsplanungen lange vor den Anschlägen begonnen hatten. Um den sperrigen Stoff zu präsentieren, unterlegen Theveßen und Mekhennet ihre Dokumentation mit dramatischer Musik. Schnelle Schnitte und eine Mischung aus Interviews, Archivmaterial und und Spielszenen sollen auch ein jüngeres Publikum ansprechen.

Der stellvertretende ZDF-Chefredakteur Theveßen beschäftigt sich seit 1998 intensiv mit El Kaida. Sechs Jahre lang war er Nordamerika-Korrespondent des ZDF, Anfang 2001 kehrte er nach Deutschland zurück. Im Mai desselben Jahres machte er einen längeren Beitrag über El Kaida. Dann kamen die Anschläge vom 11. September. "Und auf einmal war der Bedarf da, dass jemand mal erklärt, was das ist. Und da ich Kontakte zu Behörden hatte, außerdem viel Material und viele Infos kam es dann dazu, dass ich Terrorismusexperte wurde", schildert Theveßen seinen Werdegang.

Zwei Stunden am Tag nimmt sich der 44-Jährige Zeit, um zu recherchieren. "Das ist keine Zauberei. 90 Prozent der Quellen sind offen. Wir schauen, was sich in Zeitungen, in Propagandamaterial und Internetforen findet. Hinzu kommen Hintergrundgespräche. Daraus könnte man auch einen Fulltime-Job machen."

Theveßen räumt ein, dass der Widerspruch zwischen gründlicher Recherche und dem Wunsch der Zuschauer, nach einem Anschlag schnell zu erfahren, wer verantwortlich war für den Terrorakt, Druck erzeugt. Islamisten als wahrscheinliche Täter der Anschläge in Oslo genannt zu haben, nennt er heute eine "grandiose Fehleinschätzung". Er habe sich unglaublich geärgert und werde alles versuchen, dass so etwas nicht wieder vorkommt. "Aber das zu abzutun, als sei das typisch für Expertisen im Fernsehen, finde ich nicht in Ordnung. Ich glaube, dass es so etwas geben kann wie Experten im Fernsehen."

Kölner Stadtanzeiger 2.9.11

ZDF:
Sendedaten


Teil 1: "Angst" - 1.9.2011, 22.15 Uhr. Länge 45 Minuten.

Teil 2: "Krieg" - 2.9.2011, 23.30 Uhr. Länge 45 Minuten

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnav ... 1)---Angst

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 haben die Welt verändert. Die Folgen: zwei regionale Kriege, die bis heute andauern, und ein dritter globaler - gegen den Terrorismus -, der Menschen rund um den Globus noch lange in Atem halten wird, weil das Schlachtfeld dieser Auseinandersetzung überall sein kann.

Zehntausende Soldaten und Zivilisten sind diesen Kriegen schon zum Opfer gefallen. Der "War on Terrorism" - der Krieg gegen den Terror - geriet gleichzeitig zum Angriff auf die Menschen- und Bürgerrechte. Entführung, Folter und Mord wurden im Namen der Freiheit begangen, intern mit juristischen Winkelzügen als Selbstverteidigung gerechtfertigt und mit allen Mitteln vertuscht.

Macht über unser Alltagsleben

Die Verschärfung der Sicherheitsgesetze, der Ausbau des Überwachungsstaates und das Aufblähen des Behördenapparats kennzeichnen die ersten Jahre nach den Attacken. Die Datensammelwut und der Ruf nach mehr Sicherheitsmaßnahmen finden kein Ende und bringen doch nicht mehr Sicherheit.

Hier zeigt sich, wie sehr der Albtraum vom 11. September auch Macht über unser Alltagsleben gewinnt. Selbst die Kurskorrektur von US-Präsident Barack Obama ist kein Anlass für Illusionen. Seine dialogbereite und gestaltende Politik verbindet er mit eiskalter Entschlossenheit und lässt Spezialeinheiten und CIA mit bewaffneten Drohnen gemeinsam weltweit Jagd auf Terroristen machen.

Führende Politiker stellen sich

Wem nützt diese Politik, wer profitiert, wer hat den Nachteil, wer verliert? Wo wurden Fehler gemacht? Wo wurden bittere Wahrheiten verschwiegen und Menschenrechte mit Füßen getreten? Was bedeuten die Konflikte für das Zusammenleben der Menschen und wie groß ist die Gefahr für den Bestand von Freiheit und Demokratie? Wie viel Hoffnung ist gerechtfertigt in der neuen Ära nach den düsteren Jahren der Bush-Regierung in den USA? Und welche Rolle wird Deutschland übernehmen müssen in der neuen Weltordnung des 21. Jahrhunderts?

"Nine Eleven" ist die Bilanz zu einem Tag, der die Welt veränderte. Führende Politiker, Kommandeure und Behördenchefs stellen sich den Fragen der beiden Autoren, unter ihnen der ehemalige Verteidigungsminister der USA Donald Rumsfeld, Bundeskanzlerin Angela Merkel, der ehemalige Präsident Pakistans Pervez Musharraf, der ehemalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder, der ehemalige Bundesinnenminister Otto Schily, Polens ehemaliger Premierminister Leszek Miller, der ehemalige NSA- und CIA-Chef Michael Hayden und BND-Präsident Ernst Uhrlau.

Die Maschinerie der Folter

Im ersten Teil der Dokumentation geht es um die massiven Eingriffe in Menschen- und Bürgerrechte, die mit der Sehnsucht der Menschen nach Sicherheit gerechtfertigt wurden. Die Autoren zeigen, wie die Geheimdienste sich Zugang zu Kontobewegungen und E-Mail-Verkehr rund um den Globus verschafften.

Sie enthüllen die perfide Maschinerie der Folter, belegen die absurde Rechtfertigung mithilfe juristischer Gutachten und berichten über die Geheimgefängnisse der CIA in Marokko und Polen. "Das mit der Folter hat keinen Spaß gemacht, aber es gab eben die grimmige Gewissheit um die Notwendigkeit", meint Phil Mudd vom CIA-Terrorabwehrzentrum.

Jedes Mittel recht

Die Autoren sprechen mit Kritikern und Befürwortern eines Vorgehens, das CIA-Chef George Tenet seinen Amtskollegen einst mit den Worten beschrieb: "Die Handschellen sind uns abgenommen." Die Opfer beklagen eine Politik, die im Kampf gegen das Böse jedes Mittel rechtfertigt und sich am Ende kaum noch unterscheidet von dem Bösen, das sie vernichten will.

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