Lokalnachrichten: AMSTERDAM (Niederlande)

Hier findet Ihr "lokale" Links, Beiträge und Infos - Sexarbeit betreffend. Die Themen sind weitgehend nach Städten aufgeteilt.
Benutzeravatar
deernhh
PlatinStern
PlatinStern
Beiträge: 1049
Registriert: 17.06.2018, 13:17
Ich bin: SexarbeiterIn

Re: Lokalnachrichten: AMSTERDAM (Niederlande)

#101

Beitrag von deernhh »

Prostitution in Amsterdam
Lockdown im Rotlichtviertel
Amsterdam ist bekannt für sein Amüsierviertel De Wallen. Gaffer und Partytouristen waren bis zur Corona-Pandemie ein Problem. Die Regierung will das ändern. Die Folge: Sexarbeiterinnen fürchten um ihren Job.

Von Anne Backhaus
23.05.2020, 22.30 Uhr

Eine deutsche Sexarbeiterin, die sich Eve nennt, an ihrem Arbeitsplatz im Rotlichtviertel von Amsterdam. Der Bezirk ist bekannt für Frauen wie sie, die von der Straße aus in rot erleuchteten Fenstern zu sehen sind. Manche meinen: zu bekannt ANOEK DE GROOT/ AFP
Globale Gesellschaft

Charlotte de Vries steht auf der Brücke und schüttelt den Kopf. Sie ist eigentlich keine, die viel mit dem Kopf schüttelt. Die Sexarbeiterin kann es aber noch immer nicht fassen: alles leer. Keine Frauen in den Fenstern. Keine Touristen davor. Die Sexshops offen, keiner drin. De Vries breitet die Arme aus, berührt niemanden. Ist ja keiner da. "Verrückt", sagt sie. Sie kann sich nicht daran erinnern, dass das je zuvor auf dem Oudekennissteeg möglich war. Der Brücke, über die sie sich in den vergangenen zweieinhalb Jahren nahezu jeden Samstagnachmittag mit einer Touristengruppe an anderen Touristen vorbei gedrängt hat, um ihre Rotlichtviertelrunde zu beginnen.

Das Coronavirus hat rund um die Erde Menschen in ihre Häuser gezwungen. Menschenleere Städte sind zu einem gewohnten, wenn auch bedrohlichen Bild geworden. Auf der Brücke in Amsterdam offenbart die Leere jedoch noch eine weitere Bedrohung, deren Ausmaß sich durch ihr Fehlen auf neue Art zeigt: den Massentourismus.

Seit vielen Jahren der Normalzustand in Amsterdams Rotlichtviertel: Partytouristen und Gaffer drängen sich vor den Fenstern, in denen Frauen ihre Dienste anbieten. Für Anwohner wie Sexarbeiterinnen wurde der Ansturm zunehmend zum Problem Peter Dejong/ AP

"Es ist, als hätte jemand eine Stopptaste gedrückt", sagt Charlotte de Vries, 56, die bis Mitte März für das Prostitution Information Center (PIC) wöchentlich Touristen durch das Rotlichtviertel führte. "Ich fürchte, diese Situation könnte von der Stadt ausgenutzt werden, um uns loszuwerden." Mit uns meint sie sich und Tausende andere Menschen, die in Amsterdam in Bordellen, bei Escortservices oder in den angemieteten Räumen arbeiten, in deren rot erleuchteten, bodentiefen Fenstern sie von der Straße aus zu sehen sind.

"Jeder hat eine Meinung zu uns, meistens keine gute", sagt de Vries, deren Name in diesem Text zu ihrem Schutz geändert worden ist. "Ich liebe meinen Job. Er ist wichtig. Das will nur keiner hören. Wir werden einfach zu Opfern gemacht."

"Es ging mir nicht ums Geld"

De Vries ist in Amsterdam geboren und aufgewachsen. Den Großteil ihres Lebens hat sie als Krankenschwester gearbeitet. "Viele der Patienten sehnten sich nach Berührung, hatten aber kaum eine Chance darauf", sagt sie. Vor knapp einem Jahrzehnt wandte sich de Vries an eine Agentur, die Sexarbeiter vermittelt. Ihre Kunden haben körperliche Behinderungen oder sind psychisch erkrankt. Charlotte de Vries hat für eine Weile beide Jobs gemacht und sich dann entschieden, den als Krankenschwester zu kündigen. "Es ging mir nicht ums Geld", sagt sie. "Es war die Wertschätzung. Ich kann mich eine Stunde auf die Bedürfnisse eines Menschen konzentrieren und das macht einen wichtigen Unterschied in seinem Leben."

Die Sexarbeiterin Charlotte de Vries läuft Mitte Mai durch den Trompettersteeg. In der schmalen Gasse haben viele ihrer Kolleginnen ihren Arbeitsplatz. Vor der Coronakrise war dort kaum ein Durchkommen möglich Anne Backhaus/ DER SPIEGEL

Warum Lockdown und Touristenmangel von Sexarbeiterinnen wie Charlotte de Vries nun als Gefahr wahrgenommen werden, hat mehrere Gründe.

Der offensichtlichste: Die Sexarbeiter in Amsterdam sind wie viele andere auf der Welt von einem kompletten Einnahmestopp betroffen. Viele von ihnen haben kaum Rücklagen und können nicht auf staatliche Unterstützung hoffen.

Doch die leeren Fenster im Rotlichtviertel De Wallen, dem mittelalterlichen Stadtzentrum von Amsterdam, das seit dem 15. Jahrhundert Heimat von Prostituierten ist, stehen nicht nur für das Geschäft, das während der Coronakrise komplett zum Erliegen gekommen ist. Sie sind zugleich wie ein wahr gewordener Traum einiger Anwohner und Politiker, die seit Langem die Prostitution einschränken wollen. Unter stetem Protest der Sexarbeiter und ihrer Gewerkschaften.

Bürgermeisterin Femke Halsema bei einer Pressekonferenz am Tag nach dem ersten Corona-Fall in den Niederlanden, dem 28. Februar 2020 EVERT ELZINGA/ AFP

Prominenteste Vertreterin einer Neuausrichtung des Rotlichtviertels ist Femke Halsema, 54. Die erste Bürgermeisterin der Stadt ist seit Juli 2018 im Amt und hat nach eigenen Angaben Ende der Neunziger im Parlament für die landesweite Legalisierung der Prostitution gestimmt. "Amsterdam hat eine sehr lange Tradition Freiräume zu schützen und eine tolerante Stadt zu sein. Und das möchte ich wirklich schützen", sagte Halsema 2019. "Aber wir wollen nicht bekannt für Sex und Drogen sein. Wir wollen für unser Kulturerbe bekannt sein."

Geschrei bis nach Mitternacht

Die Stadt ist der Touristenmagnet im Land. Amsterdam hat rund 850.000 Einwohner und wird jährlich von mehr als 20 Millionen Gästen besucht. Es gibt keine Zahlen, die belegen, wie viele dieser Touristen aus kulturellem Interesse anreisten. Das Interesse für Cannabiskonsum, Alkohol und Prostitution war hingegen offensichtlich. Da, wo Charlotte de Vries heute ihre Arme ausbreiten kann, herrschte eine Art Daueralarm.

"Corona ist zwar gefährlich, aber trotzdem wie der Himmel für uns. Die Touristen waren die Pandemie."
Bert Nap, Anwohner in De Wallen

Das kleine Viertel De Wallen ist von zwei Grachten durchzogen, an die sich prächtige alte Bauten schmiegen. Darin viele Bars, Kioske, Sexmuseen, Coffeeshops und Bordelle. In gut 330 Fenstern boten vor der Coronakrise Frauen ihre Dienste an. Anwohner beschwerten sich, weil es immer schwerer für sie wurde, das Haus zu verlassen. Zu voll waren die Straßen von Junggesellenabschieden und Gaffern. Betrunkene und Bekiffte pinkelten nachts an die Wohnhäuser. Kotze im Briefkasten. Partyboote in den Grachten. Geschrei bis weit nach Mitternacht.

"Die letzten sechs Jahre waren traumatisch", sagt Bert Nap, 61. Er lebt seit mehr als 40 Jahren in De Wallen und ist Sprecher einer Bürgerinitiative, die sich für eine höhere Lebensqualität einsetzt. Nap mag sein Viertel. Er erinnert sich gern an die Nachbarschaft von früher, als die Sexarbeiterinnen seiner Tochter auf dem Weg zum Kindergarten winkten und das ganz normal war. Doch seine Heimat entsprach schon lange nicht mehr diesem Bild. "Corona ist zwar gefährlich, aber trotzdem wie der Himmel für uns. Die Touristen waren die Pandemie", sagt Nap.

Auch Sexarbeiterinnen empfanden den Ansturm als problematisch. "Die wenigsten Touristen kamen, um unsere Dienste in Anspruch zu nehmen", sagt Charlotte de Vries. "Einige haben sich nicht gut benommen, gepöbelt und gegen die Fenster gespuckt. Manche haben über die Frauen gelästert oder sie unerlaubt fotografiert." Sicherheitsbeamte, die die Stadt anheuerte, um für Ordnung zu sorgen, "waren in den Menschenmassen nicht zu sehen."

Sexarbeiterinnen als Touristenattraktion: Viele wurden unerlaubt fotografiert, bespuckt oder angepöbelt YVES HERMAN/ REUTERS

Die Bürgermeisterin bezeichnete "die Demütigung der Sexarbeiterinnen durch große Touristengruppen" als "inakzeptabel". "Für viele Besucher sind die Sexarbeiterinnen nicht mehr als eine Attraktion, die sie sich anschauen", sagte sie im vergangenen Jahr. Um den Besucherstrom einzudämmen und neuen Wohnraum für Niederländer in ihrer Hauptstadt zu schaffen, beschloss die Stadt die Vermietung von Wohnungen an Touristen über Internetplattformen wie Airbnb in Teilen des Stadtzentrums ab dem 1. Juli 2020 zu verbieten. Rotlichtvierteltouren, wie sie unter anderem Charlotte de Vries mit Touristen machte, wurden ab April begrenzt.

Doch auch die Sexarbeiter selbst wurden zum Problem.

Bürgermeisterin Halsema wies auf eine vermeintliche Zunahme an unsichtbarer und unlizenzierter Prostitution in Amsterdam hin und schlug vier Szenarios vor, um die Überfüllung von De Wallen sowie den Schutz von Sexarbeitern in den Griff zu bekommen - darunter auch die Schließung aller Fenster und das Ende der Prostitution im Rotlichtviertel.

Nackte Hintern, Joints und Rotlicht: Die Postkarten in Amsterdam zeigen, warum die Stadt vor Corona ein Touristen-Hotspot war. Nun stehen sie wie ein Mahnmal vor den leeren Souvenirgeschäften Anne Backhaus/ DER SPIEGEL

In diesem Falle, so die Bürgermeisterin, würde sie neue Arbeitsplätze an anderer Stelle schaffen. Die Rede ist unter anderem von einem Eros-Center. Einer Art Sex-Einkaufszentrum, in dem Bordelle, Einzelarbeitsplätze, Sexkinos sowie Schönheitssalons und Sonnenstudios Platz finden könnten. Wo genau in der Stadt Platz dafür sein soll, ist nicht bekannt.

"Die Touristen werden benutzt wie ein Stock, mit dem man auf die Sexarbeiter eindrischt", sagt Rosie Heart. Das ist ein Künstlername, den sie verwendet. Die 35-Jährige ist Sprecherin von PROUD, der niederländischen Gewerkschaft für Sexarbeiter. "Wir sind schon Hunderte von Jahren hier, der Massentourismus erst seit wenigen Jahren", sagt Heart. Viele der Frauen würden ein Eros-Center in der Vorstadt oder neben dem Flughafen Schiphol fürchten – und damit Gefahren, denen sie sonst nicht ausgesetzt wären. "De Wallen ist ein sicheres Viertel. Eben weil die Prostitution nicht nur hinter verschlossenen Vorhängen stattfindet, sondern Teil des öffentlichen Lebens ist", sagt Rosie Heart.

Den Verweis auf illegale Prostitution hält sie für eine Ablenkung. "Wir lehnen Menschenhandel ab, aber niemand weiß genau, wie viele Frauen wirklich nach Amsterdam gelockt und zur Sexarbeit gezwungen werden. Es sind jedenfalls sicher nicht die, die in De Wallen im Fenster sitzen", sagt Heart. "Wir arbeiten gern. Wir sind selbstständige Geschäftsfrauen und haben uns für diesen Beruf entschieden."

Viele der Sexarbeiterinnen sagen, sie würden sich in ihrem Beruf und insbesondere in De Wallen sicher fühlen und hingegen fürchten, dass sie von der Regierung gezwungen werden könnten, unter Konditionen zu arbeiten, die ihnen Angst machen.

Diese Furcht hat sich verstärkt, da zum einen ein neues Gesetz auf den Weg gebracht werden soll, das Sexarbeiter unter anderem dazu verpflichten würde, ihre Anonymität aufzugeben. Zum anderen beunruhigt viele, dass wegen der Coronakrise ein Großteil der Sexarbeiter aus anderen europäischen Ländern abgereist und alle Bordelle und Fenster bereits geschlossen sind. Das, so die Vermutung, könnte nun einfach so bleiben. Ganz abwegig ist der Gedanke nicht. In Deutschland haben gerade 16 Parlamentarier von Union und SPD einen langfristigen Shutdown für das Sexgeschäft gefordert – am besten für immer.

"Es ist ein altes Stigma"

Die Stadt Amsterdam hat bislang nur angekündigt, dass Sexarbeit bis zum 1. September untersagt ist. Andere in sogenannten Kontakt-Berufen wie Friseure und Masseure dürfen seit Mitte Mai wieder arbeiten. "Es ist vollkommen absurd, dass ausgerechnet uns nicht getraut wird", sagt Rosie Heart. "Gesundheit und Vorsicht sind unser Job. Es ist ein altes Stigma, dass Prostituierte Krankheiten verbreiten. Wir haben viele Ideen, wie unsere Arbeit sicher fortgesetzt werden kann."

Anwohner Bert Nap hofft, die Krise als Neustart nutzen zu können: "Wenn die Sexarbeiter und ihre Klienten zurückkommen würden, gäbe es keinen Grund zur Beschwerde. Kommt der Massentourismus zurück, geht die Hölle einfach von vorne los" Anne Backhaus/ DER SPIEGEL

Über die Rotlichtviertel-Szenarien der Bürgermeisterin sollte eigentlich bei einer Ratsversammlung Anfang Mai debattiert werden. Die Sitzung ist wegen der Coronakrise vorerst auf Ende des Monats verschoben worden. Das Büro der Bürgermeisterin will derzeit keine Fragen zu Massentourismus und Sexarbeit beantworten.

"Es ist nicht viel von ihr zu hören", sagt Bert Nap. Der Anwohner in De Wallen kann dank der Coronakrise zum ersten Mal wieder durchschlafen und muss morgens nicht mehr als Erstes seine Hauswand von Fäkalien reinigen. Er hat die Pläne der Bürgermeisterin eigentlich begrüßt, nun fühlt er sich jedoch von ihr allein gelassen. "Diese Krise kann ein Neustart sein, wir müssen aber jetzt etwas dafür tun", sagt er.

Die leeren Straßen in De Wallen offenbaren derweil auch politische Fehlentscheidungen der vorherigen Regierung. Es sind kaum Anwohner zu sehen, weil es kaum noch welche gibt. Viele sind weggezogen, weil sie sich nicht mehr wohlfühlten oder das Viertel zu teuer für sie geworden ist. Bei einem früheren Versuch, den Rotlichtbezirk von Kriminalität zu befreien, wurden unter anderem 125 Fenster von Sexarbeiterinnen geschlossen. Mit der Folge, dass sich vor den verbliebenen umso mehr Menschen angesammelt haben.

Bert Nap nimmt die U-Bahn, wenn er ein Brot kaufen möchte. "Wir haben keinen Bäcker im Viertel, aber überall gibt es Waffeln mit Nutella und Souvenirs", sagt Nap. "Wenn die Sexarbeiter und ihre Klienten zurückkommen würden, gäbe es keinen Grund zur Beschwerde. Kommt der Massentourismus zurück, geht die Hölle einfach von vorne los. Wir sollten uns also auf das eigentliche Problem konzentrieren: die globale Tourismusindustrie."

Mit dieser Ansicht ist er nicht allein. EU-Kommissar Thierry Breton sagte Ende April vor einem Ausschuss von Abgeordneten: "Wir müssen eine Antwort auf die Exzesse des Massentourismus finden." Die Abwesenheit von Touristen lässt in einigen Metropolen Europas eine neue, alte Lebensqualität erahnen. Darunter sind Städte wie Barcelona und Venedig, in denen Anwohner schon oft ihr Leid geklagt haben.

Wie Tourismus nach der Aufhebung von Lockdowns und Reisebeschränkungen aussehen kann, hängt allerdings nicht zuletzt an wirtschaftlichen Interessen. Insbesondere jetzt, wo viele Städte und Betriebe dringend Einnahmen benötigen, wird es vermutlich schwer werden, einen Verzicht auf zahlungswillige Touristen zu fordern. Das gilt auch für den Rotlichtbezirk von Amsterdam: Er gilt als sehr profitabel.

https://www.spiegel.de/politik/ausland/ ... 588e781ed6

Benutzeravatar
deernhh
PlatinStern
PlatinStern
Beiträge: 1049
Registriert: 17.06.2018, 13:17
Ich bin: SexarbeiterIn

Re: Lokalnachrichten: AMSTERDAM (Niederlande)

#102

Beitrag von deernhh »

Im Amsterdamer Rotlichtviertel gehen die Lichter wieder an
Ab Mittwoch dürfen alle Sexarbeiter in den Niederlanden wieder uneingeschränkt ihrem Gewerbe nachgehen.
Die Interessenvereinigung der Sexarbeiter in Amsterdam atmet durch.
Sie erwartet jedoch nicht, dass der Betrieb schnell wieder voll anlaufen werde.
30.06.2020, 22:38 Uhr

Amsterdam. Im Amsterdamer Rotlichtviertel gehen die Lichter wieder an. Ab Mittwoch dürfen nach einem Beschluss der Regierung alle Sexarbeiter im Land wieder uneingeschränkt ihrem Gewerbe nachgehen. Die Interessenvereinigung der Sexarbeiter in Amsterdam zeigte sich erleichtert. "Es wird Zeit, dass wieder Leute kommen. Unser Geld ist alle", sagte Felicia Anna, die Vorsitzende von Red Light United der Nachrichtenagentur ANP.

Die Amsterdamer Wallen, wie das Rotlichtviertel genannt wird, sind weltberühmt und eine der größten Touristenattraktionen. Die Prostituierten bieten hier im ältesten Teil der Grachtenstadt offen in Fenstern ihre Dienste an. Mitte März waren die roten Lichter aber im Zuge der Corona-Krise gelöscht worden. Die Gassen und Grachtenufer waren fast vier Monate lang gespenstisch leer. Normalerweise flanieren dort rund 35 000 Besucher am Tag.

Sonst verpflichtender 1,5-Meter-Abstand gilt im Sexgewerbe nicht
Der Interessenverband erwartet jedoch nicht, dass der Betrieb schnell wieder voll anlaufen werde. Vor allem Frauen aus Osteuropa seien nach Ausbruch der Corona-Pandemie in ihre Heimatländer zurückgekehrt. Auch der Tourismus startet erst langsam wieder.

Red Light United hatte auf eine schnelle Lockerung gedrängt. Viele Prostituierte hätten keinerlei staatliche Hilfen bekommen und hätten doch weiter ihre oft sehr hohen Zimmermieten bezahlen müssen.

Der sonst verpflichtende 1,5-Meter-Abstand gilt im Sexgewerbe nicht. Auch Handschuhe oder Masken sind nicht Pflicht. Freier müssen ihre Hände waschen und desinfizieren. "Hinterher wird alles, was angefasst wurde, wie Bett oder Türklinken desinfiziert", sagte die Vorsitzende.

RND/dpa

https://www.rnd.de/panorama/im-amsterda ... UBSPY.html

Benutzeravatar
deernhh
PlatinStern
PlatinStern
Beiträge: 1049
Registriert: 17.06.2018, 13:17
Ich bin: SexarbeiterIn

Re: Lokalnachrichten: AMSTERDAM (Niederlande)

#103

Beitrag von deernhh »

Anna hat nur Sex von hinten: In Amsterdam macht der Rotlichtbezirk wieder auf
Manche Stellungen schützen besser vor Corona als andere.

Von Djanlissa Pringels

20 juli 2020, 9:44amShareTweetSnap

Nach vier Monaten Zwangspause ist Sexarbeit in den Niederlanden seit Juli wieder erlaubt. Viele Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter hatten sehnlichst auf die Entscheidung gewartet. Seit der Schließung von Amsterdams Rotlichtbezirk De Wallen Mitte März verdienten sie kein Geld mehr.

Die niederländische Regierung stellte Hilfen für Menschen in der Sexarbeit zur Verfügung. Während der ersten Pandemie-Monate galten die aber nur für Sexarbeitende, die die bekannten Fenster mieten. Escorts und alle, die in Sexclubs arbeiten, gingen leer aus und hatten vier Monate lang kein Einkommen.

Sexarbeit läuft in den Niederlanden unter der sogenannten "Opt-in"-Regelung. Sie sind weder Freiberuflerinnen noch Angestellte, zahlen aber Steuern. Die Wiedereröffnung von De Wallen ist deshalb für sie das Licht am Ende eines sehr langen Tunnels.

"Ich habe vor Freude geschrien, als ich hörte, dass wir wieder arbeiten dürfen", sagt Foxxy, Sexarbeiterin und Sprecherin der Amsterdamer Sexarbeitenden-Gewerkschaft PROUD. Jahrelang hat sie im Rotlichtbezirk gearbeitet, inzwischen empfängt sie Kunden und Kundinnen zu Hause.

FOXXY ANGEL VON DER SEXARBEITENDEN-GEWERKSCHAFT PROUD

Trotz der Öffnung ist in De Wallen momentan nicht viel los. Normalerweise sind die Straßen zu dieser Jahreszeit voller Touristen.

"Uns wurde eine Woche vorher Bescheid gegeben, dass wir wieder arbeiten können. Es kam unerwartet", sagt Foxxy. "Viele Sexarbeitende brauchten Zeit, um sich auf die Arbeit vorzubereiten: Sie wollten ihre Haare und Nägel machen lassen, viele hatten noch kein Zimmer in Aussicht, in dem sie arbeiten können."

Für viele dauert es wohl noch, bis ihre Stammkundschaft langsam wieder zurückkehrt – aber nicht alle. "Für einige Frauen war die erste Nacht nach der Wiedereröffnung die lukrativste, die sie je hatten", sagt Foxxy. "Nur ein paar Fenster waren geöffnet, also gingen alle Kunden zu ihnen."

ES IST VERGLEICHSWEISE RUHIG IM ROTLICHTBEZIRK

Auch Pim van Burk ist der langsame Neustart aufgefallen. Er ist der Chef von My Red Light, eine Organisation, die Zimmer an Sexarbeitende vermietet und gleichzeitig sicherstellt, dass sie ihrer Arbeit sicher nachgehen können.

"Verglichen mit vor der Pandemie ist nachts nur etwa die Hälfte die Räume von Sexarbeitenden vermietet. Tagsüber sind es etwa genauso viele wie vorher", sagt Van Burk. "Es lässt sich schwer vorhersagen, wie sich das noch entwickelt. Viele unserer Mieterinnen und Mieter aus Osteuropa müssen erst noch zurück in die Niederlande kommen."

Das Kundenverhalten trage seinen Teil zur allgemeinen Verunsicherung bei. "Einige haben sich so gefreut, dass sie sofort in den Rotlichtbezirk kamen. Aber wenn du nach Belgien schaust, dann war an den ersten Tagen viel los, danach ebbte es aber wieder ab, weil der Tourismus quasi zum Stillstand gekommen ist."

De Wallen ist natürlich ebenfalls stark auf Touristen angewiesen. Trotz der Lockerungen sind die Zahlen bislang nicht ansatzweise mit vor der Pandemie. Foxxy findet das vernünftig. "Die meisten Touristen wie Deutsche und Briten kommen aus Ländern, wo die Corona-Zahlen momentan nicht gerade gut sind. Ich glaube nicht, dass es sicher ist, sie schon reinzulassen. Ich hoffe aber, dass die Einheimischen, die sonst das Stadtzentrum wegen der vielen Menschen meiden, jetzt nach De Wallen kommen.

Anna* ist eine der Sexarbeiterinnen im Rotlichtbezirk. Sie ist erleichtert, wieder arbeiten zu können und tut alles, um sich und ihre Kunden zu schützen. Auf dem Tischchen in ihrem Zimmer stehen neben einem Fläschchen Yakult und einer Packung Cracker auch eine Packung Gesichtsmasken, Desinfektionsmittel und ein Infrarotthermometer. Das hat sich Anna extra gekauft, um die Temperatur ihrer Kunden messen zu können. "Gestern hatte einer 36,5 Grad, als er reinkam. Als wir fertig waren, waren es 36,7 Grad." Sie lacht.

Um das Risiko zu minimieren hat Anna momentan nur von hinten Sex mit ihren Freiern. "Sobald ein Kunde reinkommt, waschen wir uns gemeinsam die Hände", sagt sie. Sie bittet alle Kunden, eine Maske zu tragen. Einige würden das auch von ihr verlangen, sagt sie.

Van Burk von My Red Light erklärt, dass das niederländische Gesundheitsministerium auf Sexarbeitende zugeschnittene Pandemieprotokolle eingeführt hat. Er hat sie ausgedruckt und an die Türen aller Zimmer gehangen, damit die Arbeitenden gemeinsam mit ihren Kunden jeden Schritt durchgehen können. "Als erstes erkundigen sie sich nach der Gesundheit des Kunden oder der Kundin. Wenn jemand krank ist, dürfen sie die Person nicht bedienen."

Die Frauen müssen nach jeder Interaktion ihre Hände waschen. Alles, was der Kunde berührt hat, wird danach gründlich gereinigt. Eine gründliche Desinfektion war in den Zimmern aber auch vor der Pandemie schon üblich. Gesichtsmasken werden zwar von My Red Light bereitgestellt, gesetzlich vorgeschrieben sind sie aber nicht.

DESINFEKTIONSGEL UND REINIGUNGSMITTEL

DIE ZIMMER SIND VIELLEICHT DIE SAUBERSTEN IN DER STADT

In Belgien hat die Regierung vorübergehend bestimmte Stellungen für die Sexarbeit verboten. In den Niederlanden ist alles erlaubt, solange man sich nicht küsst oder gegenseitig ins Gesicht atmet. In Deutschland bleibt Sexarbeit aufgrund der Coronakrise weiterhin verboten.

"Wir haben außerdem entschieden, dass wir unsere Badewannen erst mal nicht anbieten. Mir scheint das einfach zu unsicher", sagt Van Burk. Nach jedem Kunden zu duschen, ist für Sexarbeitende nicht gesetzlich vorgeschrieben und Van Burk will das auch nicht verlangen. "Wenn du nach jedem Kunden duschen musst, duscht du am Ende vielleicht 80-mal pro Woche. Das ist furchtbar schlecht für deine Haut und deine Gesundheit", sagt er. "In der Regel ist es auch gar nicht nötig: Das Handtuch auf den Betten wird zwischen jedem Kunden ausgetauscht. Blowjobs sind im Rotlichtbezirk am beliebtesten. Hier ist es schon immer sehr sauber zugegangen."

Auch wenn die Räume der Sexarbeitenden momentan die saubersten in der ganzen Innenstadt sein dürften, haben die Vorsichtsmaßnahmen auch Probleme mit sich gebracht. "Einige Sexclubs können noch nicht öffnen, weil sie die anderthalb Meter Abstand zwischen den Kunden nicht gewährleisten können", sagt Foxxy. Sowohl Clubs als auch Sexarbeitende müssen die Namen und Handynummern ihrer Kundinnen und Kunden aufschreiben. Für Foxxy ist das eine Verletzung der Privatsphäre.

Das größere Problem sei allerdings die Zukunft von Amsterdams Rotlichtbezirk. Sexarbeitende kämpfen seit Jahren gegen die Pläne der Regierung, De Wallen zu schließen. Die Pandemie und die neuen finanziellen Probleme für das Viertel und seine Sexarbeitenden könnten den Plänen neuen Anschub geben.

"Amsterdam wurde um diese Gegend herum gegründet", sagt Foxxy. "Der Rotlichtbezirk ist das Herz der Stadt. Ich hoffe, sie nutzen Corona nicht als Ausrede, um Sexarbeit von hier zu verbannen."

ANNA IN IHREM ZIMMER

*Name geändert.

https://www.vice.com/de/article/wxqg59/ ... wieder-auf

Antworten