ZDF-Doku „Bordell Deutschland“: Mit Fake News Stimmungsmach

Berichte, Dokus, Artikel und ja: auch Talkshows zum Thema Sexarbeit werden hier diskutiert
Boris Büche
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RE: ZDF-Doku „Bordell Deutschland“: Mit Fake News Stimmungs

#21

Beitrag von Boris Büche » 2017-11-24, 11:37

@Fragender:
"Deswegen finde ich, dass ein Protest, um erfolgreich zu sein, so groß werden und derart gestaltet sein müsste,
dass niemand mehr ihn ernsthaft als Protest [ . . .] einer nur kleinen Minderheit privilegierter SexarbeiterInnen bezeichnen kann.
"

Ich arbeite grade daran. Die Prüderie, die dem Abolutionismus zu Grunde liegt, wird weitere Personenkreise betreffen,
wenn sie sich durchsetzt (Transsexuelle, Nicht-monogame, etc.). Viele SW und Kunden, die jetzt noch denken "halb so wild",
werden u.U. mobil, wenn es richtig um die Wurst geht (2018ff).

"wenn ich als heterosexueller Mann mich engagieren würde [ . . .] könnte [ich] im Geiste diejenigen lachen hören,
die den Protest eben nur als Aktion einer Profiteurlobby ansehen.
"

ICH engagiere mich als Hetero-Mann, seit der Zirkus losging. Im vollen Bewusstsein, dass ich in den Augen dieser Leute
nichts als ein "Freier" sein könne - also Profiteur der behaupteten "Sklaverei". War ich bis dahin gar nicht, ich hatte lediglich
im Leben 3-4 Prostituierte außerhalb des Bettes kennengelernt. Daher wusste ich, WIE SEHR hier gelogen wird.

Falls du noch Zweifel hast am Wert eines möglichen Engagements: Geh' doch mal ins nächstbeste Bordell (muss ja nicht zum Vögeln sein),
und informiere Dich aus erster Hand.*

Es wird so sein, dass viele Damen BSD oder BesD nicht kennen - der Organisationsgrad ist tatsächlich mau - aber eine zu finden,
die sich NICHT vertreten fühlte, dürfte schwer werden!
(die Antis hätten sowas gern - Pustekuchen)

*: Eine nicht-kirchliche Beratungstelle täte es auch. Sogar einige mit christlichem Hintergrund werden alles bestätigen, was wir hier sagen.

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@Fragender: Siehst Du das Unrecht nicht?

#22

Beitrag von floggy » 2017-11-24, 20:10

Ich frage mich nun wirklich, was unser fragender Gast bezweckt zu erreichen?
Fehlt es ihm an Herz? Spürt er das Unrecht nicht? Ruft ihn nicht die staatsbürgerliche
Pflicht? Weiß er nicht, dass Sex Workers auf der ganzen Welt um Rechte kämpfen, die
Sex Workers auf der ganzen Welt vorenthalten werden, und die für Nicht-Sex-Workers
selbstverständlich sind? Würden wir in Deutschland eine Gewerkschaft zu stande bekommen,
und einen nennenswerten Organisationsgrad erreichen, die Gewerkschaft hätte jeden Tag
Razzia und Protest-Blockaden, und ihre Vertreter wären ständig im Gefängnis, und die
Presse würde sie als OK vorführen und ausschlachten. Es ist ganz einfach: Ein Sex
Worker ist ein Bürgerschreck. Drei Sex Workers sind die Stadtguerilla. Und fünf Sex
Workers sind die OK. Als ich in München Infomaterial verteilt habe, hat mich die Polizei
immer gefragt, ob ich alleine bin. Auf eine stereotype Frage gab es dann sehr schnell eine
stereotype Antwort. Wären wir mehrere gewesen, wäre das Spiel gleich zu Ende gewesen.
Mach' mit und lerne Solidarität. Es gibt Millionen von Sex Workers auf der ganzen Welt,
denen ihre Rechte vorenthalten werden.
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#23

Beitrag von Fragender » 2017-12-06, 17:29

Was ich bezwecke zu erreichen? Ich dachte, das wäre einigermaßen klar. Nimm meine Beiträge als Warnsignal, dass der jetzige, öffentlich kaum wahrnehmbare Protest niemals ausreichen wird, um über kurz oder lang ein Verbot zu verhindern. Wobei Warnsignal nicht destruktiv gemeint ist, sondern eher als Weckruf, mehr zu tun. Warum ich mich selbst für "mehr tun" nicht für prädestiniert halte, habe ich geschrieben und ich denke, dass der Grund dafür einleuchtend genug ist, um ihn zwar nicht zwangsläufig zu teilen, aber zu respektieren.

Ja, sicher sehe ich, dass weltweit Sexworkern Rechte vorenthalten werden, die für andere selbstverständlich sind - aber woher soll ich nun so genau wissen, ob das nicht letztlich gerechtertigt ist, um eine riesengroße Anzahl von Frauen vor diesem Beruf zu schützen? Denn von den in diesem Beruf aktuell oder ehemals tätigen Frauen sind fast nur diejenigen öffentlich sichtbar, die entweder für ihr Recht auf Sexarbeit kämpfen oder die das alles so schrecklich finden, dass sie ein Verbot fordern. Daher stellt sich die Frage, was mit den anderen ist, mit denen, die nicht in Talkshows oder Dokus auftreten. Dazu schreibt z.B. Dona Carmen u.a., dass die Anzahl der festgestellten Menschenhandelsfälle nicht die Behauptung der Zunahme der Fallzahl bestätigt. Sicher richtig, aber wie sieht es mit Arbeitsbedinungen aus, die zwar keinen Straftatbestand erfüllen, bei denen sich die Frauen aber - vor allem im Vergleich mit anderen Erwerbstätigkeiten - total mies fühlen? Wie hoch ist der Anteil der SexworkerInnen, bei denen die Arbeit zu ungewöhnlich hoher psychischer Belastung führt? Sicher nicht so hoch wie in der Studie hauptsächlich über drogenabhängige Prostituierte, aber vielleicht immer noch sehr hoch, sogar so hoch, dass wir als Gesellschaft das nicht mehr verantworten können?

Das sind die Fragen, die ich mir stelle. Nun spielt natürlich meine unbedeutende Meinung nicht die geringste Rolle dabei, wie zukünftgige Prostitutionspolitik aussehen wird. Aber die allgemeine öffentliche Meinung wird da sehr wohl eine Rolle spielen, sogar eine sehr große Rolle. Und jetzt kommt wieder die Frage: Wenn selbst ich, der ich dem Kampf für Sexworkerrechte eher positiv gegenüber stehe und der ich mich bewusst öfter über Aktionen in dem Bereich informiere, der Meinung bin, dass bei weitem nicht genügend SexworkerInnen sich daran beteiligen, um dahingehend zu überzeugen, dass diese Aktionen tatsächlich die große Mehrheit der SexworkerInnen vertreten - womit ich nicht behaupten will, dass sie diese auf keinen Fall vertreten, wie soll das dann auf Menschen wirken, die sich über solche Aktionen nicht bewusst informieren, sondern nur das mitbekommen, was so allgemein über Prostitution in Zeitungen geschrieben oder im Fernsehen gezeigt wird, also fast ausschließlich Negatives?

Natürlich weiß ich, dass es bei dieser Tätigkeit sehr schwer ist, als SexworkerIn öffentlich dafür einzutreten und dass deswegen Massenproteste schwer zu organisieren sind - aber wenn die Anzahl der Protestierer nicht ausreicht, um die öffentliche Meinung davon zu überzeugen, dass die Proteste im Wesentlichen "die SexarbeiterInnen" vertreten, wird es nicht reichen.

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#24

Beitrag von *Stephanie* » 2017-12-06, 18:19

Öffentliche Stellungnahme gegen ZDF-Doku
„Bordell Deutschland - Milliardengeschäft Prostitution"

Als Interviewpartnerin in obiger ZDF-Dokumentation, in der ich zu meinen Erfahrungen als Sexarbeiterin und Vorsitzende des Bundesverbandes Sexuelle Dienstleistungen (BSD) e. V. befragt wurde, fühle ich mich nicht ernst genommen und hintergangen.

Offensichtlich war dem Journalisten, der Produktionsgesellschaft und dem ZDF von vornherein das Ziel dieser "größten" Recherche der Prostitution klar:
Die Ausbeutung, die Gewalt, die Kriminalität, die Unfreiwilligkeit, die Verletzungen, insbesondere die der sexuellen Selbstbestimmung sollten drastisch und überzogen dargestellt werden, nicht in Kontext gesetzt werden und vor allem sollte abgelenkt werden von dem was die Akteure der Sexarbeit (Sexarbeiter*innen, Kunden und BordellbetreiberInnen) von ihrer Realität und ihren Forderungen vorzutragen haben.
Den ProstitutionsgegnerInnen wurde eine breite Plattform geboten – auf Kosten des Respekts gegenüber Sexarbeiter*innen, ihren Grund- und Menschen-Rechten, den tatsächlichen Bedingungen in der Branche und ihren Forderungen.

Überwiegend findet Prostitution unter guten geschäftlichen Bedingungen statt: die Geschäftsbeziehungen sind fair, die Räume sauber und alle Beteiligten gehen respektvoll miteinander um.
Und JA, Missstände in der Prostitutionsbranche können nicht hingenommen werden – erst recht nicht, wenn es sich um Straftaten handelt. Das leugnen wir nicht, sondern bekämpfen dies. Aber die Prostitutionsbranche auch nicht schlechter als andere Branchen.

Gegen die Missstände hilft nicht ein Verbot der Prostitution, sondern eine konsequente Anerkennung der Branche, deren Eingliederung in das sonstige Erwerbs- und Wirtschaftsleben und die Ausstattung aller beteiligten Personen mit Rechten, Empowerment und Professionalisierung. Hieran ist die Politik, die Behörden und die Gesellschaft jedoch nicht interessiert, wie auch nicht am Ausstieg – sonst gäbe es zumindest Ausstiegshilfen.

Der Beitrag entspricht sicher nicht journalistischen Anforderungen, denn er ist tendenziös, unausgewogen, paternalistisch und stellt zum größten Teil die Branche in ein völlig falsches Licht.
Doch hier will ich mich im Detail nicht weiter abarbeiten und verweise gern auf die ausführliche Stellungnahme von Dona Carmen „Mit Fake News Stimmungsmache gegen ‚freiwillige Prostitution‘ „: www.donacarmen.de/zdf-doku-bordell-deutschland

Ich muss jedoch auf die Falschbeschuldigungen, die meine Person betreffen, eingehen (und behalte mir selbstverständlich entsprechende juristische Schritte gegen die Verantwortlichen vor):
1. die Anmoderation unterstellte mir: „mit dem neuen Gesetz grundsätzlich zufrieden“ zu sein.
Das ist falsch! Ich habe mich bisher immer gegen das ProstSchG ausgesprochen, auch in öffentlichen Stellungnahmen, besonders gegenüber der Bundesregierung. Allerdings habe ich immer eine Erweiterung des ProstG gefordert, z. B. deren Übertragung auf das Gewerberecht. Hier habe ich auch entsprechende Vorschläge erarbeitet. http://www.bsd-ev.info/publikationen/index.php
2. Die Spiegel-Journalistin Ann-Katrin Müller behauptete, die Lobby-Verbände, wo sie auch den BSD zuzählt, würden nicht die Belange der Prostituierten vertreten und sie seien nicht seriös.
Das ist falsch! Ja, Mitglieder des BSD sind BordellbetreiberInnen, selbstständige Sexarbeiter*innen und Fördermitglieder. Ja, der BSD versteht sich als Lobby-Verband. So ist das in unserem Land. Auch die Ärzte, Schausteller, Hoteliers, Journalisten und alle anderen vertreten durch ihre Verbände ihre Interessen gegenüber der Politik und der Gesellschaft. Im Gegensatz zu allen anderen können wir jedoch nicht von irgendeiner erfolgreichen Einflussnahme sprechen – im Gegenteil.
Der Vorwurf „nicht seriös“ zu ein, stellt eine falsche Behauptung dar: als Verein agieren wir im Rahmen der satzungsgemäßen Aufgaben und halten uns selbstverständlich an Recht und Gesetz.
3. Weiter behauptet Frau Müller, dass die Lobby-Verbände die ProstitutionsgegnerInnen „hart bekämpften“. Als Beleg wird ein Zitat aus dem Brief einer Freiergruppe vom 08. Dez. 2014 an Frau Huschke Mau eingeblendet und mir unterstellt.
Das ist falsch! Ich diskreditiere und verunglimpfe niemanden, auch Frau Huschke Mau nicht, obwohl diese mich mehrmals persönlich angegriffen hat. Denn Huschke Mau ist ja nur ein Pseudonym. Selbstverständlich hat diese auch nie das Gespräch mit mir gesucht, wie auch Frau Müller nicht, was sie nicht davon abhält über mich, meine Haltung und Werte und Aktivitäten falsch zu berichten.

Ich setze mich seit vielen Jahren für die Vermittlung eines realistischen Bildes der Prostitution ein, verschweige nicht die Missstände hier, aber suche nach Lösungen für jede Situation. Denn die Welt ist nicht schwarz-weiß und leichte Lösungen gibt es nicht. Und es geht mir immer um Toleranz, Vielfalt und Freiheiten – für Alle – ohne Ausnahme.
Stephanie Klee/Vorstand BSD e. V.
Nov. 2017
www.bsd-ev.info
www.highlights-berlin.de

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RE: ZDF-Doku „Bordell Deutschland“: Mit Fake News Stimmungs

#25

Beitrag von friederike » 2017-12-06, 18:36

Liebe Stephanie,

man kann Dich hier nur unterstützen. Wenn ich es richtig verstehe, besteht der Vorwurf gegen die "Lobbyverbände", dass dort auch Betreiber Mitglieder seien. Dieser "Vorwurf" geht selbstverständlich ins Leere, denn die Betreiber und die (größtenteils) selbständigen SexarbeiterInnen haben ein weites Feld übereinstimmender Interessen und können diese selbstverständlich in einem gemeinsamen Verband vertreten.

Das gemeine, und für Journalisten nun wirklich unseriöse Vorgehen ist in diesen subkutanen Unterstellungen zu sehen. Es wird - ohne Tatsachenhintergrund - insinuiert, dass die SW-Verbände Verbindungen zu Betreibern haben, ja sogar Betreiber als Mitglieder, und damit sind sie schon unseriös. Sie vertreten die Interessen der Betreiber gegen die Interessen der SW, wird ohne Recherche unterschoben.

Dagegen wird dieser traurigen Gestalt Huschke Mau ohne Hinsehen zugestanden, die SexarbeiterInnen insgesamt zu repräsentieren.

In der Bundesrepublik der Merkel-Ära scheint das der Standard der öffentlichen Debatte zu sein.

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Der Rufer in der Wüste

#26

Beitrag von floggy » 2017-12-08, 17:35

Hallo Fragender, unverzichtbar, Dein aktueller Status, find' ich gut.
Also es ist alles ziemlich einfach (ich mach' es mal einfach): Wenn
das Verbot kommt, dann kommt es. Wenn niemand zur Demo geht,
gibt's halt keine Demo. Wenn sich Wissenschaftler jetzt aus Angst
rar machen sollten (hat ja noch niemand konstatiert), dann ist das
halt so. Den Sex wird's immer geben. Und es wird Gewinner und
Verlierer geben. Wenn das Verbot da ist, werde ich Kirchenrecht
studieren, und versuchen der Kirche ihre Privilegien abspenstig zu
machen. Wenn ich dann auch wieder alleine demonstriere, dann ist
das halt so. Scheitern ist keine Schande. Nicht kämpfen ist auch
keine Schande. Und wenn Du meinst, den Besorger spielen zu
müssen, okay, dann ist das halt Deine Rolle. Ich glaube aber nicht,
dass die Sex Workers' Rights Movement einen Besorger braucht.
Wo Licht ist ist auch Schatten.

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#27

Beitrag von Kasharius » 2017-12-09, 23:23

@Stephanie :023

Kasharius grüßt

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RE: ZDF-Doku „Bordell Deutschland“: Mit Fake News Stimmungs

#28

Beitrag von lust4fun » 2017-12-10, 14:26

Sonja Dolinsek erklärt, warum Sie in ihrem Blog pausierte und jetzt doch wieder daran anknüpfen will.
Sehr interessant und hilfreich!

"... Und so habe ich irgendwann aufgehört, hier zu bloggen. Denn die Arbeit erschien sinnlos – suchte doch die Mehrheit der Leser*innen nach reißerischen Dekonstruktionen, platten Behauptungen und eher einfachen, zugespitzen Thesen. Die wichtigen Hintergrundanalysen wurden hingegen kaum beachtet..."

https://menschenhandelheute.net/2017/11 ... sexarbeit/

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RE: ZDF-Doku „Bordell Deutschland“: Mit Fake News Stimmungs

#29

Beitrag von Ursa Minor » 2017-12-10, 16:26

@Stephanie
Danke für dein Statement :023

@lust4fun
Danke für den Link :001

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RE: ZDF-Doku „Bordell Deutschland“: Mit Fake News Stimmungs

#30

Beitrag von lust4fun » 2018-01-22, 19:27

taz 22.01.2018
https://www.taz.de/%215475826&s/

Mithu Sanyal
Mithulogie
Prostitution ist so gefährlich, wie in den Krieg zu ziehen. Ähm, stimmt das wirklich?

Synchronizität ist, wenn man plötzlich immer dasselbe hört. Die Aussage der Therapeutin Ingeborg Kraus, dass "die körperlichen und seelischen Verheerungen" von Sexarbeit "vergleichbar" mit denen von "traumatisierten Soldaten" und "Folteropfern" sind, waren in den letzten Monaten überall präsent. Von der ZDF-Doku "Bordell Deutschland" bis hin zu einer Veranstaltung in der Urania in Berlin. Wozu also noch foltern und Krieg führen, wenn es reicht, in ein fremdes Land zu reisen und möglichst viele Sexarbeiter*innen zu besuchen?

Die Antwort kann nur die Bundeswehr wissen. So schrieb eine Kollegin von mir an das Psychotraumazentrum der BW und fragte an, ob sie Frau Kraus beraten hätten. Oberstarzt Dr. Peter Zimmermann, stellvertretender Leiter des Arbeitskreises Einsatztraumatologie der deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie, war zwar schon in den Medien über den Namen Ingeborg Kraus gestolpert, aber noch nie in einer Fachpublikation und entsprechend empört, dass sich das ZDF nicht zur Verifizierung an ihn gewendet hatte. Schließlich ist das ein sensibles Thema, bei dem es wichtig ist, lieber doppelt zu recherchieren als ... gar nicht.

Sobald man anfängt, zu der unauflöslichen Verbindung von Sexarbeit und Trauma zu forschen, führen alle Publikationen zu einer einzigen Quelle, nämlich Melissa Farleys Buch "Prostitution, Trafficking and Traumatic Stress" von 2003, das in Fachkreisen inzwischen nicht nur umstritten, sondern schlicht widerlegt ist.

Das soll nicht heißen, dass Sexarbeit nicht traumatisch sein kann. Oder dass man Trauma auf die leichte Schulter nehmen sollte. Genau so empfand "Angriff-auf-die-Seele e. V. - Psychosoziale Hilfe für Angehörige der Bundeswehr" jedoch Kraus' Ausführungen und verwehrte sich dagegen, dass ihre Probleme mit Prostitution verglichen wurden. Sie erklärten, dass natürlich nicht nur Soldaten in Kriegseinsätzen gefährdet sind: "Es gibt einige Berufsgruppen, die eine erhöhte Gefahr mit sich bringen (z. B. Polizei, Feuerwehr, THW, Zugführer ...)." Trotzdem gibt es keine Petition: Polizei, Feuerwehr, das Technische Hilfswerk oder Zugführer zu verbieten. Doch fordert Ingeborg Kraus eben das für Sexarbeit und mit ihr Terre des Femmes und zahlreiche weitere NGOs, die sich für den Schutz von Frauen einsetzen (und wenn es um Sexarbeit geht, geht es in der Regel nur um Frauen als Anbieterinnen und Männer als Käufer, und andere Geschlechter gibt es nicht).

Nun glaube ich fest daran, dass das fälschlicherweise Voltaire zugeschriebene Zitat "Madame, ich missbillige, was Sie sagen, aber ich werde bis zum Tod Ihr Recht verteidigen, es sagen zu dürfen" die Grundlage von Demokratie ist. Gleichzeitig ist aber auch saubere Recherche die Grundlage von Presse und das Überprüfen von Zitaten die Grundlage von Wissenschaft.

Zur Autorin:
https://de.wikipedia.org/wiki/Mithu_Sanyal

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#31

Beitrag von Kasharius » 2018-01-22, 21:17

@lust4fun

herzlichen Dank für das Einstellen dieses sehr instruktiven Beitrages.

Kasharius grüßt

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#32

Beitrag von Lucille » 2018-01-23, 01:00

Wunschtraum … die Bundeswehr zieht gegen Abos und ZDF ins Feld …

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#33

Beitrag von Tilopa » 2018-01-28, 10:34

...währenddessen gönnt der Dumping-Ableger des ehemaligen Nachrichtenmagazins der verbissenen Prostitutionsgegnerin Ingeborg Kraus ein Interview.
Mit viel psychoanalytischem Geschwurbel wird die Trauma-Lüge zum besten gegeben. Der Interviewer ist nicht in der Lage, das zu hinterfragen, also Bühne frei für autoritären Aktivismus:

Bento, 27.01.2018
Was Sexarbeit anrichten kann
http://www.bento.de/gefuehle/prostituti ... n-2034187/
Achtung: Die Lebenszeit, das zu lesen, kann man sich eigentlich sparen ;-)

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RE: ZDF-Doku „Bordell Deutschland“: Mit Fake News Stimmungs

#34

Beitrag von Boris Büche » 2018-01-28, 16:48

@Tilopa 's : "Die Lebenszeit kann man sich sparen":

Kann man. Passagen wie die folgende sind aber irgendwie Gold wert:

S.Schröder: Viele Menschen gehen ungern zur Arbeit - sie tun oft Dinge nur deswegen, weil sie Geld dafür bekommen.
Ein Koch zum Beispiel arbeitet auch unter körperlich harten Bedingungen für das Wohlergehen anderer Menschen.

I.Kraus: In der Prostitution geht es nicht um das Wohlergehen anderer Menschen, es dreht sich alles nur um den Mann.

Merke: Männer sind sprachlich keine Menschen für I.Kraus. Man beachte den Singular wie in Der Jude.

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ich weiß - viel zu lange - aber das Thema ist so schwierig

#35

Beitrag von floggy » 2018-01-31, 15:36

Zitat aus der taz: die körperlichen und seelischen Verheerungen“ von Sexarbeit [sind] „vergleichbar“ mit denen von „traumatisierten Soldaten“ und „Folteropfern“
Gedanken dazu von einem psychotherapieerfahrenen Kindheitstraumatisierten: Meine Erfahrungen beziehen sich vor allem auf den Wiederholungszwang. Den sollte man eigentlich bei Soldaten* ausschließen können, da anderenfalls die Bundeswehr massenhaft verklagt werden müßte. Frau Kraus bezieht sich im bento Interview aber eben immer wieder auf den Wiederholungszwang. Er kann im Falle von Frauen und Männern, die in der Prostitution tätig sind oder tätig waren, zunächst auch der Schlüssel zum Trauma sein. Ohne Ausagieren des erlittenen Traumas im Wiederholungszwang, sozusagen der Selbstheilungsversuch, der ohne wissenden Therapeuten in aller Regel scheitert, wird sich keine Normalität einstellen können. Ob eine Kindheitserfahrung als traumatisch oder akzeptiert wahrgenommen wird, ist meines Erachtens Wertungssache bzw hängt von den Werten ab, die mit der Sozialisierung vermittelt wurden. Siehe auch den Satz von Frau Kraus: "Diese Kinder sehen auch als Erwachsene Prostitution als ganz normal an – weil sie es nicht anders kennen." Konflikte entstehen meines Erachtens erst dann, wenn Erwartungshaltungen der Gesellschaft nicht erfüllt werden können ("Wenn ich etwas GEGEN eine Erwartungshaltung der Gesellschaft tue, dann ist das KEINE freie Entscheidung! http://www.sexworker.at/phpBB2/viewtopi ... 344#134344"). Und hier ist ganz klar, dass deviante Frauen, da sie sich um die Kinderaufzucht kümmern müssen, nicht geduldet werden, auch dann nicht, wenn sie selbst keine Kinder zur Aufzucht vorzuweisen haben. Wenn man sich nun den Bezugsrahmen Kampfeinsatz und Gefangenschaft näher vor Augen führt, und tatsächlich es wagt, Vergleiche anzustellen, dann könnte das wie folgt aussehen: Frauen und Männer in der Prostitution lassen sich mehr oder weniger, je nach Arbeitsgebiet, auf Klienten ein, die sie nicht kennen, und der Umgang mit unterdrückten Trieben ist vergleichbar mit Dynamit oder dem Spiel mit dem Feuer. Stammkunden ausgenommen. Aber auch die kennt man nicht wirklich, verläßt sich auf die eigene Intuition zur Abschätzung der Verhaltensbandbreite. Letztenendes bleibt immer ein Restrisiko wie bei der Raubtierdressur. Soldaten* gehen zweifellos ebenfalls nicht blindlinks in Kampfeinsätze, aber auch ihnen bleibt ein Restrisiko. Und mit dem Restrisiko muß die Psyche umgehen können und fertig werden. Sicherheitsdienstmitarbeiter, grottenschlecht bezahlt, arbeiten einen Tag, und haben einen Tag frei. Ihr Restrisiko minimieren sie durch körperliche Fitness, um im Falle eines Einschusses operations- und überlebensfähig zu sein. Sie essen nur die gesündeste Nahrung und halten sich mental fit. Und so gibt es noch hundert andere Berufe, wo etwas getan wird. Aber, für Frauen und Männer in der Prostitution, nicht! Denen werden Knüppel zwischen die Beine geworfen, dass sie auch ja straucheln, und bei Frau Kraus in der Therapie landen. Stattdessen plädieren bereits viele Sex Workers für Ausbildung und Fortbildung. Aber denen werden dann Machenschaften und Verstrickung zur Mafia vorgeworfen. Soldaten* werden ja auch nicht mehr als Kanonenfutter mißbraucht. Was die Folteropfer angeht, habe ich kein Problem, mir das Grauen der jungen Frauen vorstellen zu können (ich tue es nicht aus Selbstschutz, jedoch nicht aus Verdrängung oder Gleichgültigkeit) die beispielsweise im Haus von Frau Petersel stranden ( https://de-de.facebook.com/mariana.petersel ). Nur, Menschen, die dominant und vereinnahmend, und letztenendes traumatisierend sind, trifft man nicht nur im Rotlicht Milieu an. Diese unangenehmen Zeitgenossen kommen in den besten Familien vor. Nazis und stramme Rechte zähle ich auch dazu. Leute, die manipulieren gelernt haben und es skrupellos einsetzen, auch. Mütter, die alles umdeuten, ebenso. Ihnen kann man sich nur durch Flucht entziehen. Diese Fluchttüre müssen wir auch für Sex Workers offen halten.

Zitat aus bento: Sie meinen, sie prostituieren sich freiwillig – dabei verleugnen sie sich selbst.
Gedanken dazu von einem psychotherapieerfahrenen Kindheitstraumatisierten: Selbstverleugnung ist mittlerweile eine Volkskrankheit.

Zitat aus bento: Sie meinen also: Frauen die ihren Körper "freiwillig" für Geld verkaufen, laufen vor ihren eigenen Problemen davon? Nach einer Weile tauchen aber tiefe Verletzungen in den Biografien auf, erst später wird den Frauen klar, was sie mit sich haben machen lassen.
Gedanken dazu von einem psychotherapieerfahrenen Kindheitstraumatisierten: Vor den eigenen Problemen davonlaufen bis sie einen einholen, ist mittlerweile Volkssport.

Zitat aus bento: Es ist Ausdruck sexualisierter Macht und spiegelt ein Frau-Mann-Verhältnis wider, das so nicht mehr akzeptiert ist.
Gedanken dazu von einem psychotherapieerfahrenen Kindheitstraumatisierten: Richtig! So, wie die Kirche es immer noch vermittelt, so kann man das Frau-Mann-Verhältnis heute nicht mehr akzeptieren. Darum brauchen wir auch einen gesellschaftlichen Diskurs, wie die Sexarbeit der Zukunft aussehen kann. Dieser Diskurs aber wird von Frau Kraus vereitelt.

Zitat aus bento: Je schwerer das Trauma, je jünger die Frauen, desto schwerwiegender die Auswirkungen.
Gedanken dazu von einem psychotherapieerfahrenen Kindheitstraumatisierten: Am Anfang war Erziehung (1980 Alice Miller https://de.wikipedia.org/wiki/Am_Anfang_war_Erziehung). Erziehungs- und Pädagogikversagen sind scheinbar für Frau Kraus kein Thema.

Zitat aus bento: Mit 18 Jahren hat man noch keine gefestigte Persönlichkeit aufgebaut.
Gedanken dazu von einem psychotherapieerfahrenen Kindheitstraumatisierten: Darum wäre ein niederschwelliges Auffangnetz die richtige politische Antwort gewesen. Aber nein, alleinerziehenden Migrantinnen und Binnenländerinnen wird hier gesellschaftlich der Garaus gemacht. Backlash ist geil.

Zitat aus bento: Ich habe eine Patientin gehabt, die in der Nacht kaum mehr schlafen konnte, immer wieder mal kurz für zehn Minuten.
Gedanken dazu von einem psychotherapieerfahrenen Kindheitstraumatisierten: Also da soll jetzt bitte Frau Kraus nicht so unschuldig tun. Sie hat doch die Geister gerufen, die Patientinnen nachts nicht mehr schlafen lassen. Jeder Chirurg muß schneiden, um Patienten helfen zu können. Aber das weckt natürlich Tränen beim Leser. Die meisten Menschen machen Suizid in der Therapie. Ohne Stützung kann kein Patient sein Trauma in der Therapie überstehn. Ich war einmal in einer Gruppentherapie, wo ein erwachsener Mann seine selbstzerstörerischen Verlassenheitsängste ausagiert hat, die er als monatealter Säugling erlitten hat. Stundenlanges Schreien eines Säuglings, entsetzliches Grauen im Gesicht.

Zitat aus bento: Schuldgefühle tauchen erst gar nicht auf, weil Sexkäufer denken, ein Recht auf Sex zu haben und dafür Frauen benutzen zu dürfen.
Gedanken dazu von einem psychotherapieerfahrenen Kindheitstraumatisierten: So ein Quatsch. Mein Slogan im Kampf gegen Alice Schwarzer und Co war steht's: Freier haben keine Rechte. Rechte und Respekt für Sex Workers. Wenn im Dienstvertragsrecht das ProstG keinen Eingang gefunden hat, dann sollte das ebenfalls als Beleg ausreichen. Ferner ist die Sittenwidrigkeit von höheren Gerichten, entgegen der Absicht des ProstG, immer noch nicht versenkt worden. Aber natürlich sind Menschen in der Sexarbeit Manns und Frau genug, um die Folgen ihrer eingegangenen Verpflichtungen abzusehen. Und diese Mündigkeit wird ihnen wieder abgesprochen. Einfach so!

Zitat aus bento: Hatten Sie schon mal einen Freier in Behandlung, der seine Taten bereut? Nein, durch Verdrängungsmechanismen und gedankliche Tricks mogelt sich der Freier aus der Verantwortung heraus.
Gedanken dazu von einem psychotherapieerfahrenen Kindheitstraumatisierten: Dieser Freier muß Selbstmordabsichten haben, der jemals bei Frau Kraus auf der Matte aufschlägt. Also, Frau Kraus hatte noch keinen Freier in Therapie, aber sie weiß Bescheid, dass sich dieser aus der Verantwortung mogeln würde. Fazit: Frau Kraus lebt in ihrer eigenen Welt, die sie nach Gutdünken selbst gestalten kann. Und zuletzt: Ich für mich habe schon öfters unter facebook aus Donald Winnicott "Reifungsprozesse und fördernde Umwelt" zitiert, mit seinen Überlegungen zur Wiedergutmachungsgeste am Beispiel des Stillens eines Säuglings (Development of the Capacity for Concern - Entwicklung der Fähigkeit zur Besorgnis). Auch hier wieder Erziehungs- und Pädagogikversagen der gesellschaftlich Verantwortlichen, die den Draufgänger züchten, der dann von Frau Kraus mit Skrupellosigkeit bedacht wird. Ein Beispiel damit das keine Theorie bleibt: Ich werde von meiner Sexarbeiterin verabschiedet, und sie frägt mich, ob ich wiederkommen wolle. Noch nicht ganz schlüssig, aus vielen einzelnen Gründen, und immer noch im Hier und Jetzt verhaftet, sage dann doch ganz spontan und bestimmt: Ja. gerne, es war super, vielen Dank, Du bist echt lieb (Küsschen hier und Küsschen da), mach's gut, tchau, bis bald ... Ich weiß jetzt nur zu gut, dass durch Sprechen neue Realität entstehen kann, und dass ich mir selbst eine Hürde auferlege, die ich erst noch klären muss: Will ich wirklich, oder meine ich nur zu wollen, weil ich es mir abringen habe lassen? Andererseits aber wollte ich ihr auch den Gefallen tun. Ihr den Gefallen getan zu haben, erleichtert mich, hilft mir, mein Triebleben leichter zu fassen, und damit klar zu kommen, mit seiner ganzen Ambivalenz und menschlichen Tragik.
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#36

Beitrag von Doris67 » 2018-02-01, 00:36

Kurz: dasselbe hurenfeindliche FUD-Gelaber wie schon seit Jahren.

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