Sexarbeit- Über Sexkauf-Verbot

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Kasharius
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Re: Sexarbeit- Über Sexkauf-Verbot

#241

Beitrag von Kasharius »

Qcertik

prima Statement. Danke fürs einstellen.

Kasharius grüßt

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deernhh
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Re: Sexarbeit- Über Sexkauf-Verbot

#242

Beitrag von deernhh »

25. 05. 2020 – Offener Brief an 16 Bundestagsabgeordnete

Sehr geehrte Frau Breymaier, Frau Winkelmeier-Becker, Frau Leikert, Frau Widmann-Mauz, Frau Tillmann, Frau Flachsbarth, Frau Heil und Frau Magwas,
sehr geehrte Herren Gröhe, Lauterbach, Heinrich, Fechner, Ullrich, Brand, Patzelt, Henrichmann,

Sie haben sich in Ihrem Brief an die 16 MinisterpräsidentenInnen mit der Forderung gewandt, den derzeitigen Corona-Lockdown und die dadurch bedingte Schließung aller Prostitutionsstätten für die generelle Einführung eines Sexkaufverbots zu nutzen.

Mal davon abgesehen, dass nirgendwo ein Sexkaufverbot Sexarbeiter*innen Schutz gebracht oder den Bedarf an Prostitution reduziert hätte, und Sie die Corona-Notlage von Sexarbeiter*innen für ihre rückwärtsgewandte, moralinsaure, herabwürdigende und respektlose, um Aufmerksamkeit heischende Politik nutzen wollen, setzen Sie mit Ihrer Behauptung eine Lüge in die Welt, die durch nichts bewiesen ist.

„Prostitution (habe) die epidemiologische Wirkung eines Super-Spreaders: Social Distancing ist i.d.R. mit sexuellen Handlungen nicht vereinbar.“ „Das liege auf der Hand.“

Woher kommt diese Erkenntnis? Wie viele Bordelle haben Sie besucht? Sind Sie Kenner der Prostitution? Verfügen Sie über eigene Erfahrungen?


Offensichtlich nicht! Denn DIE Prostitution gibt es nicht. Wie es auch nicht DIE Sexarbeiter*in gibt.

Wir sind eine enorm vielfältige Branche, ähnlich der Hotellerie: es gibt kleine Apartments, wo nur eine Sexarbeiter*in arbeitet, oder Wohnungsbordelle, Studios, Bars, Laufhäuser oder Wellnessoasen. Prostitutionsstätten sind mal große – mal kleine Betriebe.
Einige bieten nur sexuelle Dienstleistungen an:
– hinter verschlossenen Türen,
– in einem 1 : 1 Verhältnis = 1 Sexarbeiter*in und 1 Kunde.
…. ähnlich dem Masseur oder der Kosmetikerin.
Andere haben auch ein gastronomisches Angebot, verkaufen z. B. Getränke, wie eine Gaststätte oder zeigen Filme. Aber Orgien, Enge wie in einer Diskothek oder beim Konzert oder Begeisterung wie auf dem Fußballfeld sind da eindeutig die Ausnahme.

Warum sollten Sexarbeiter*innen, Kunden und BordellbetreiberInnen die Corona-Schutzmaßnahmen nicht einhalten können? Halten Sie diese für dümmer als den Rest der Gesellschaft?

Im Gegenteil: Sexarbeiter*innen haben per se ein großes Interesse an Hygiene und ihrer Gesundheit, denn die ist ihr Kapital. Auch sind sie schon immer geübt unter Beachtung von Schutzmaßnahmen zu arbeiten und nutzen z. B. Kondome gegen sexuell übertragbare Erkrankungen (STI`s und HIV) und führen einen Gesundheitscheque durch.
Natürlich haben wir, wie andere Branchen auch, ein entsprechendes Hygiene-Konzept erarbeitet und der Politik vorgelegt (https://bsd-ev.info/corona-hygienekonzept/), denn uns liegt die Gesundheit aller Menschen sehr am Herzen.

Den Begriff des „Super-Spreaders“ in diesem Zusammenhang zu benutzen ist nicht nur extrem beleidigend, sondern auch falsch. Offensichtlich wollen Sie eine gesamte Branche diskreditieren, um Ihr eigentliches Ziel, das Sexkaufverbot, durchzusetzen.

Leider erinnert diese Diffamierung und diese falsche Behauptung an eine längst hinter uns geglaubte Zeit, an den Beginn der AIDS-Hysterie, wo u. a. auch Sexarbeiter*innen unter dem Vorwurf zu leiden hatten, sie würden diese sexuelle übertragbare Infektion weitergeben. In der Folgezeit stellte sich dann heraus, dass sie weniger damit konfrontiert waren und kaum Infektionszahlen aufwiesen als die Allgemeinbevölkerung. Der Grund ist natürlich darin zu sehen, dass Sexarbeiter*innen allein aus Eigeninteresse schon immer wussten, wie sie sich selbst und ihre Kunden schützen können.
Schon immer hat man versucht, die Verantwortung – für die Gesundheit der Allgemeinbevölkerung – den Sexarbeiter*innen zuzuschieben. Wobei folgende Perspektiven fehlen: woher bekommen Sexarbeiter*innen die Infektion? Und wieso sind sie allein dafür verantwortlich?

Es ist immer leicht, die Schuld auf jemand anderen zu schieben.

Eine weitere Schließung der Bordelle und ein Verbot der Prostitution sind durch nichts gerechtfertigt – im Gegenteil: es muss auch der Prostitutionsbranche ermöglicht werden, wieder Einnahmen zu generieren und den Kunden einen guten Service zu bieten, der menschlich, stabilisierend und für sie insbesondere in Corona-Zeiten existenziell ist.

Wenn Sie in Ihrer Haltung noch nicht festgefahren und offen für andere Erfahrungen sind, laden wir Sie – nach der Corona-Öffnung – gern zu einem Bordellbesuch ein. Sie können sich einen Eindruck über die Abläufe in den verschiedenen Segmenten verschaffen und mit Sexarbeiter*innen in den Dialog treten.

Anmerkungen zu den falschen Zahlen: https://bsd-ev.info/anzahl-der-sexarbei ... utschland/
Unsere Position zum Sexkaufverbot: https://bsd-ev.info/sexkaufverbot/

Mit freundlichen Grüßen

Download Brief an 16 MdB

https://bsd-ev.info/25-05-2020-offener- ... geordnete/


Die Politiker*innen sind irgendwie alle blind, nä?
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Von oben links nach unten rechts: Stephan Weil (61, SPD), Ministerpräsident Niedersachsen, Markus Söder (53, CSU), Ministerpräsident von Bayern, Werner Kogler (58), Vizepräsident von Österreich, Jens Spahn (40, CDU), Bundesgesundheitsminister, Armin Laschet (59, CDU), Ministerpräsident Nordrhein-Westfalen, und Daniel Günther (46, CDU), Ministerpräsident Schleswig-Holstein. © dpa/dpa

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Kasharius
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Re: Sexarbeit- Über Sexkauf-Verbot

#243

Beitrag von Kasharius »

@deernhh

prima danke fürs Einstellen.

Kasharius grüßt solidarisch

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deernhh
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Re: Sexarbeit- Über Sexkauf-Verbot

#244

Beitrag von deernhh »

INTERVIEW
"Sehr verletzend": Bordellbesitzerin weist Superspreader-Vorwurf zurück

27.05.20, 15:03
Julia Dombrowsky

Stress ums Rotlichtgewerbe: Nachdem 16 Bundestagsabgeordnete gefordert hatten, Prostitution zu verbieten, da die Branche "Superspreader"-Qualitäten habe, wehrte sich der Bundesverband Sexuelle Dienstleistungen e.V. in einem offenen Brief gegen diese Vorwürfe.

Diese "rückwärtsgewandte, moralinsaure, herabwürdigende und respektlose, um Aufmerksamkeit heischende Politik" würde die gesamte Branche diskreditieren. Unberechtigt, wie es weiter heißt. Die Öffnung des Rotlichtmilieus sei auch unter Corona-Richtlinien möglich.

Lesenswert: "Sind pfui und sollen deshalb nicht mehr stattfinden": Prostituierte schießt gegen Lauterbach
Ist Sex in Corona-Zeiten gefährlich? Das sagt ein Virologe
Was ist da los? Die Berliner Bordellbesitzerin Elke Winkelmann sprach mit watson über Hygiene, Existenzängste und das Vorurteil der unmündigen Prostituierten.

watson: Wie kam es zu dem offenen Brief an die Länder?

Elke Winkelmann: Wir mussten uns einfach zu Wort melden, ich habe etwas gegen Ungerechtigkeit. Unser Verband setzt sich vor allem aus Bordellbetreibern zusammen, aber auch einigen SexarbeiterInnen. Wir haben momentan keine Ahnung, wie es mit uns weitergeht und fühlen uns durch die Äußerungen dieser Politiker stark diskriminiert. Es wird ja schon lange an diesen Kampagnen rumgedocktert, um unsere Branche endgültig abzuschaffen.

"Ich habe schon früher die Diskriminierung erlebt, als es hieß, wir würden alle AIDS verbreiten, jetzt ist es eben Corona."
Elke Winkelmann zu watson

Hamburg hat gerade entschieden, dass die Bordelle noch mindestens bis zum 30. Juni geschlossen bleiben müssen.

Bei uns in Berlin ist das noch in der Schwebe. Was für uns so bitter ist: Jedes Mal, wenn in der Politik von irgendwelchen neuen Lockerungen die Sprache ist, werden Prostitutionsstätten gar nicht erwähnt. Für uns gibt es dadurch keine Perspektive, wir können nicht planen und wissen nicht, welche Zeiträume wir überbrücken müssen oder ob unser ganzer Berufsstand am Ende verboten wird. Wir haben einfach keine Lobby. Stellen Sie sich mal vor, da würde sich ein Politiker hinstellen und für uns einzutreten – da wäre was los.

Selbst Tim Mälzer zog doch letztens über die dreckigen Puffs her. Es ist schon schade, wenn Leute sowas sagen, meistens kommt es gerade von denen, die nie mit uns zu tun hatten. Diese Menschen stellen sich was ganz Schlechtes unter Sexarbeit vor. Die halten uns für schmuddelig, zwielichtig und die Frauen sind alles traumatisierte Opfer.

"Die Frauen wollen definitiv nicht krank werden, denn wer krank wird, fällt aus und hat kein Einkommen mehr."
Elke Winkelmann zu watson

Sie sehen keine Schattenseiten der Prostitution?

Die Schattenseiten entstehen vor allem in der Illegalität. Wenn es Opfer gibt, ist das furchtbar. Zuhälterei ist furchtbar und zu Recht verboten. Aber da wird immer ein Bild geschaffen, von den armen Frauen, denen geholfen werden muss. Das entspricht nicht unserer Realität.

Die Politiker äußern sich so nach dem Motto: Diese Frauen müssen von klügeren Leuten an die Hand genommen werden, wir müssen ihnen das Gewerbe verbieten – als ob Sexarbeiter nicht selbst denken könnten, keine erwachsenen Frauen wären, als wären wir dumm. Das ist wirklich sehr verletzend!

Aus der Politik heißt es, die Prostitution hätte "Superspreader"-Qualitäten.

Wir haben klar gesagt, das ist eine Lüge. Da geht wohl die Fantasie durch mit Leuten, die die Branche nicht kennen. Von wegen Orgien... Es ist meistens so, dass die Frauen ihre Stammgäste haben und Termine mit denen vereinbaren, da geht es um Eins-zu-Eins-Kontakt. Und sowohl der Kunde als auch die Prostituierte haben großes Interesse an ihrer eigenen Gesundheit, das ist doch logisch.

Unter Umständen wären Hygienepläne bei uns sogar besser umsetzbar als in anderen Branchen. In der Prostitution wurde immer schon auf Hygiene geachtet, das gehört zum Arbeitsalltag. Die Frauen wollen definitiv nicht krank werden, denn wer krank wird, fällt aus und hat kein Einkommen mehr.

Was passiert, wenn Sexkauf verboten wäre?

Wenn die Prostitution verboten wird, findet sie in der Dunkelheit statt. Dann haben die Frauen nicht mehr die Möglichkeit, ihre Rechte so durchzusetzen, wie es jetzt in einem geschützten Rahmen möglich ist. Sie können sich nicht mit Kolleginnen austauschen, keine einheitlichen Regeln aufstellen, auch die Hygiene ist dann nicht mehr gesichert.

War denn der Vorschlag, die Politiker in den Puff einzuladen, ernst gemeint?

Klar! Meine Geschäftspartnerin und ich haben in der Vergangenheit immer mal die Türen für die Öffentlichkeit geöffnet, Kunstausstellungen gemacht und auch mit Politikern zusammen gesessen. Es ist wichtig, dass die Menschen sehen: Wir sind transparent, wir sind auch ganz normale Bürger. Wenn die Leute kommen, begreifen sie das auch.

"Als ob Sexarbeiter nicht selbst denken könnten, keine erwachsenen Frauen wären, als wären wir dumm. Das ist wirklich sehr verletzend!"
Elke Winkelmann zu watson

Denken Sie darüber nach aufzugeben?

Ich habe als Sexarbeiterin angefangen und bin jetzt schon viele Jahre Bordellbetreiberin. Ich liebe diesen Beruf, aber es ist total schwer durchzuhalten. Momentan fragt man sich schon: Lohnt es sich noch, Geld in den Betrieb zu stecken? Die Kosten laufen weiter, aber Einnahmen gibt es nicht. Da geht man an das Ersparte, das eigentlich für die Rente gedacht war.

Wirtschaftlich macht das momentan alles keinen Sinn mehr. Andererseits kämpfe ich nun schon so lange um Anerkennung – soll man einfach aufgeben? Ich habe schon früher die Diskriminierung erlebt, als es hieß, wir würden alle AIDS verbreiten, jetzt ist es eben Corona. Aber mir liegt diese Arbeit so am Herzen, ich arbeite gerne mit Frauen zusammen, wir sollten gemeinsam stark sein.

https://www.watson.de/leben/interview/7 ... rf-zurueck

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Re: Sexarbeit- Über Sexkauf-Verbot

#245

Beitrag von Kasharius »

@deernhh

lieben Dank. Ich kenne die Betreiberin persönlich. Sie bot mir damal während meiner Recherchen zur Doktorarbeit Einblicke in den hervorragenden Laden. Starkes Interview von ihr. Ich wünsche ihr viel Kraft weiterhin...

Kasharius grüßt

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Re: Sexarbeit- Über Sexkauf-Verbot

#246

Beitrag von deernhh »

@Kasharius

Ach ja ... Interessant ... 😚

Liebe Grüße von deernhh

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