Warum Sexarbeitende ihren Job nicht lieben müssen

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certik
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Warum Sexarbeitende ihren Job nicht lieben müssen

#1

Beitrag von certik »

Ich finde dieses Statement von Theo Meow wirklich gelungen :023
https://medium.com/@theomeow/warum-sexa ... c895e4e74b
* bleibt gesund und übersteht die Zeit der Einschränkungen *

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friederike
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Re: Warum Sexarbeitende ihren Job nicht lieben müssen

#2

Beitrag von friederike »

Ja, das ist eine einfache Wahrheit, und gut, dass es gesagt wird: Sexarbeit unterscheidet sich nicht dadurch von anderer, "bürgerlicher" Arbeit, dass es eben Arbeit ist. Und die fällt manchmal leicht und manchmal schwer, und man will damit Geld verdienen.

Manche EMMA-Vertreterin trägt vor, Huren machten ihre Arbeit doch nur für Geld. Aber man schlage doch einmal einem Arzt vor, ohne Honorar, nur aus Idealismus nachts für einen Notfall aufzustehen. Wie oft beschweren sich Ärzte, dass sie für Pos. 16 in der Honorarordnung nur 20 Euro abrechnen dürfen!
Auch das Argument mit der "Armutsprostitution" habe ich nie verstanden. Die Frauen, gerade aus Osteuropa, prostituieren sich demnach aus purer Not, weil sie sonst nicht über die Runden kommen. Wenn dem so ist: warum wird diesen Frauen dann geholfen, wenn man ihnen diese Möglichkeit durch ein Verbot nimmt? Wenn sie vorher keine andere Arbeit gefunden haben, woher soll dann ein Prostitutionsverbot einen Job herbeischaffen?

Allerdings ist es gut, wenn Prostituierte ein Grundeinverständnis mit ihrer Arbeit haben und, ja, gerne Prostituierte sind. Das gibt es, und es ist nicht die Ausnahme. Aber auch dadurch unterscheidet sich die Sexarbeit nicht von anderer Arbeit. Es gibt viele Lehrer, die aus den falschen Gründen Lehrer geworden sind, und die ihren Berufsalltag qualvoll empfinden. Zwangslehrer eben, eindeutig. Der Ausstieg ist schwierig, praktisch kaum möglich. Welche Chancen hat ein frustrierter Pädagoge Mitte Vierzig am Arbeitsmarkt? Sollte man deshalb nicht ein Schulverbot fordern?

Etwas störend an dem Artikel von Theo Meow sind die verquaste Verweise auf irgendwelche Kapitalismusdiskussionen, auf die angebliche Bedenklichkeit von Lohnarbeit und das Hantieren mit Framing-Begriffen in der politischen Diskussion. Beispiel: "Die Forderung nach stets begeisterter Zustimmung [die die Sexarbeiterin für das Date empfinden soll] ist neoliberales Blendwerk." Das ist Bullshit. "Neoliberal" ist ein Framing-Begriff, mit dem unseriöse Linke die liberale Wirtschaftsordnung abwerten wollen. Tatsächlich kommt die genannte Forderung aus der totalitären und doktrinären linken Ecke und hat mit neoliberalen und liberalen Vorstellungen nichts zu tun.

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Thorja
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Re: Warum Sexarbeitende ihren Job nicht lieben müssen

#3

Beitrag von Thorja »

Jup. Das ist auch genau mein Kritikpunkt. Er hat den Text zwar stark umformuliert, sodass ich nun vielem zustimmen kann. Die erste geteilte Version war in meinen Augen dagegen ein regelrechter Aufruf zu einem Sprech- und Denkverbot. Ich habe jetzt auch verstanden, warum es in der intellektuellen Linken uncool ist, die eigene Sexarbeit zu genießen, zu mögen, gut zu finden: Weil sie eben als "Arbeit" konzeptioniert ist, und diese in marxistisch geprägter Denkweise grundsätzlich entfremdet ist. Wer die Arbeit mag, redet der ausbeutenden Bourgoisie das Wort und kommt selbst in den Verdacht, Teil des "Kapitals" zu sein. Und genau das ist doch wieder abolitionistische Ideologie:
"Sie sind doch privilegiert, sie profitieren von der Ausbeutung der Minderprivilegierten, wenn Sie sagen, die Sexarbeit sei gut!"
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Re: Warum Sexarbeitende ihren Job nicht lieben müssen

#4

Beitrag von Thorja »

Ja, wir haben ein Wirtschaftssystem, welches auf Arbeit gegen Entgelt beruht. Die Situation der Arbeiter verbesserte sich im Zuge der Arbeiterbewegung und des Ausbaus von Arbeitsrechten, nicht durch marxistische Revolutionen. Um ein halbwegs gutes Leben zu führen, müssen die meisten von uns sich in diesem "kapitalistischen" System einrichten (Anführungszeichen deshalb, weil es das ja nicht wirklich ist... dazu müsste man ohne Einschränkung alles kaufen können, und das ist ja nicht der Fall). Und dazu ist es doch gut, wenn man sich so einrichten kann, dass einem die Arbeit gefällt und man vielleicht sogar darin aufgeht.

Und ganz generell halte ich jede Orientierung an abolitionistischer Ideologie für falsch. Es ist nicht zielführend, sich hinzusetzen und sich den Kopf zu zermartern, wie Abolitionistinnen meine Argumente verdrehen und umdeuten werden. Denkt man das nämlich zu Ende, würde das bedeuten, dass man am besten gänzlich zu schweigen hat, denn schließlich könnten die Abolitionistinnen ja behaupten, dass wir lügen.
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Re: Warum Sexarbeitende ihren Job nicht lieben müssen

#5

Beitrag von friederike »

Liebe Thorja,

es scheint eine seelische Konstellation zu geben, die Menschen dazu bewegt, anderen Menschen die "richtige" Lebensweise vorzuschreiben. Der Anspruch wird schnell totalitär: der individuelle Freiraum wird rasch reduziert und schließlich vernichtet.

Es treffen sich an dieser Stelle die Spießer, die Puritaner, die Marxisten, die Völkischen. Da dürfen unsere Abolist*Innen nicht fehlen. Sie alle wissen, welchen Pfad die Mitmenschen zu wandeln haben.

Dieser Thread heißt: "Warum Sexarbeitende ihren Job nicht lieben müssen ..." Ich will ergänzen: "... aber viele genau das tun."

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Re: Warum Sexarbeitende ihren Job nicht lieben müssen

#6

Beitrag von Kasharius »

Also mein Job macht mir keinen Spass....oder doch....oder nicht...egal, hauptsache der Jubel zollt! :003

@friederike

schön dass Du hier wieder so aktiv unnd kompetent mittust...habe ich vermisst :)

@Thorja

der letzte Absatz in Deinem Post vom 12.7. #4 gehört in Stein gemeißelt. ER bringt es absolut auf dem Punkt. :023

Kasharius grüßt

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