Winterthur ist für vieles bekannt, jedoch nicht als Eldorado für käuflichen Sex – dies im Unterschied etwa zu Zürich. Die sechstgrösste Stadt der Schweiz macht mit ihrem unaufgeregt-pragmatischen Umgang mit Prostitution gute Erfahrungen.
Gartenstadt, Museumsstadt, ehemalige Industriemetropole, Velo- und Flanierparadies mit der grössten zusammenhängenden Fussgängerzone im ganzen Land: All dies und noch viel mehr prägt den Ruf Winterthurs als einer lebenswerten und aufstrebenden Stadt – immerhin die sechstgrösste in der Schweiz. Was hingegen fast nie erwähnt wird, wenn es um Winterthur geht, ist das Rotlichtmilieu.
Darin unterscheidet sich die Stadt an der Töss markant von Zürich, und das soll nach dem Willen der Stadtbehörden auch so bleiben. Zwar ist in Winterthur das Rotlichtmilieu durchaus präsent, aber das Zusammenleben mit dem andern Gewerbe und den Stadtbewohnern führt zu wesentlich weniger Ärger als andernorts. Das liegt einerseits daran, dass es in Winterthur nie einen Strassenstrich gab, anderseits auch am pragmatisch-unaufgeregten Umgang aller beteiligten Behörden und nichtstaatlichen Organisationen mit der Salonprostitution.
Kaum Reklamationen
Winterthur hat früh begriffen, dass man die diskret ausgeübte Prostitution im Innern von Häusern nicht torpedieren soll, will man das Gewerbe von der Strasse fernhalten – wo es am sichtbarsten ist und die Bevölkerung am meisten stört. Das Winterthurer Sexgewerbe findet in kleinen bis mittelgrossen Betrieben oder ganz diskret in einer Wohnung statt. Stille Prostitution nennt die Stadtbehörde sinnigerweise diese Form der Berufsausübung; wenn also eine Frau in ihrer Wohnung Freier empfängt, ohne dies nach aussen erkennbar zu machen und ohne einen Betrieb zu führen: So, wie ja auch Buchhalter, Lehrer oder Architekten in der Wohnung nebenbei noch arbeiten dürfen.
Dienstchef Andreas Schleuss, der bei der Stadtpolizei Winterthur für das Rotlichtmilieu zuständig ist, geht von rund 25 bordellartigen Betrieben und rund 100 Prostituierten aus, die regelmässig in Winterthur arbeiten; die Fluktuation sei allerdings gross. Mega-Betriebe, wie sie in den Industriegebieten der Agglomeration Zürich vorkommen, kennt Winterthur nicht. In den grössten Etablissements, sagt Schleuss, arbeiteten höchstens 15 Frauen. «Das Winterthurer Rotlichtmilieu ist überschaubar, führt zu keinen grösseren Problemen und auch kaum zu Reklamationen», bestätigt Sven Zimmerlin, Leiter der Hauptabteilung Ermittlungen.
Wenn es zu Beanstandungen kommt, dann vor allem aus dem Quartier Töss, das sich an roten Lichterketten oder beleuchteten roten Herzen an gewissen Gebäuden entlang der stark befahrenen Ausfallstrasse stört – und eine Zunahme von Bordellen und damit ein schlechtes Image befürchtet.
Im Stadtteil Töss, so Zimmerlin, sei die Gesamtbelastung jetzt schon hoch, vor allem wegen des Strassenverkehrs, einer Häufung von sozialen Problemen oder wegen emmissionsreichen Gewerbes wie etwa der dominant auftretenden Fast-Food-Anbieter mit grossen Parkplätzen und Öffnungszeiten bis tief in die Nacht hinein. Lärm- oder Belästigungsklagen wegen des vergleichsweise sehr diskreten Rotlichtmilieus gibt es keine, die Ängste sind eher diffus, kriminelle Begleiterscheinungen bisher ausgeblieben.
«Aufdringliche Lichterketten»
Was die roten Lichter betrifft, verlangt die Winterthurer Baupolizei seit zwei Jahren im Rahmen von Baubewilligungen für neue Etablissements die Einreichung eines Reklamegesuchs; «aufdringliche Lichterketten» werden nicht bewilligt. Jeder andere Betrieb müsse für seine Aussenwerbung auch ein entsprechendes Gesuch eingeben, sagt Fridolin Störi, Leiter der Baupolizei, es gehe um die Gleichbehandlung unter Gewerbetreibenden. Ein Bordellbesitzer wehrt sich gegen die Auflage beziehungsweise gegen den behördlich angeordneten Rückbau einer «aufdringlichen Lichterkette». Der Pilotprozess vor dem Baurekursgericht ist noch hängig, und der Entscheid wird in Winterthur mit Spannung erwartet.
Furcht vor Ausweichbewegung
Neu will die Stadt Winterthur ihre Bau- und Zonenordnung dergestalt ändern, dass bordellartige Betriebe durch ein separates Treppenhaus erschlossen werden. Dadurch soll verhindert werden, dass sich Freier und Hausbewohner begegnen. Die geplante Gesetzesänderung muss noch vom Grossen Gemeinderat gutgeheissen werden.
In erster Linie aber konzentrieren sich derzeit sämtliche Kräfte in Winterthur, die sich mit dem Rotlichtmilieu befassen, auf das neue Prostitutionsregime in der Stadt Zürich. Da mit Inkrafttreten der kommunalen Prostitutionsgewerbeverordnung Anfang kommenden Jahres zusätzliche Bewilligungen und Auflagen für Bordellbetreiber und Strassenprostituierte gelten, befürchten die Städte und Gemeinden ausserhalb Zürichs Ausweichbewegungen des Milieus und damit eine Zunahme von Prostitution.
Keine Spelunken
Man werde alles daransetzen, sagt der Winterthurer Stadtpolizist Schleuss, dass es auch künftig keinen Strassenstrich in Winterthur gebe; weil es die Bevölkerung störe und weil es für die Prostituierten schwierige, gefährliche Arbeitsbedingungen bedeute: «Heute ist es im Rotlichtmilieu ruhig und überschaubar, und so soll es auch bleiben.»
Diese Haltung wird von der Zürcher Stadtmission grundsätzlich unterstützt, die mit ihrem Angebot «Isla Victoria» auch in Winterthur stationiert ist. Zwei Mitarbeiterinnen, eine Krankenschwester und eine Sozialarbeiterin, suchen regelmässig sämtliche Etablissements Winterthurs auf und reisen auch in die Bordelle im übrigen Kantonsgebiet ausserhalb der Stadt Zürich. Grazia Aurora ist für die Gesundheits- und Hygienefragen zuständig, verteilt Kondome und vermittelt Tricks im Umgang mit jenen unbelehrbaren Freiern, die nach wie vor stur geschützten Geschlechtsverkehr ablehnen. In Winterthur, sagt Aurora, herrschten in den Bordellen annehmbare Arbeitsbedingungen, Spelunken gebe es keine. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den diversen involvierten Stadtbehörden funktioniere bestens, man kenne und respektiere sich, und dies schon seit langem.
Aber auch mit den Bordellbetreibern hat die Krankenschwester ein gutes Einvernehmen und stösst kaum je auf Ablehnung oder geschlossene Türen. Manchmal sind es sogar die Betreiber, die bei Grazia Aurora anrufen und um einen Besuch bitten.
Bordell neben Polizei
Die Krankenschwester fährt meist mit dem Velo von Bordell zu Bordell, und noch weniger weit hat es Stadtpolizist Andreas Schleuss, wenn er zu einer Routinekontrolle aufbricht. Das eine Etablissement grenzt direkt an den Polizeiposten in der Fussgängerzone, das andere liegt in Sichtkontakt, zwei, drei weitere Betriebe sind nur wenige Schritte entfernt. Aurora und Schleuss wissen genau, wo die einschlägigen Orte und die Prostituierten zu finden sind – Passanten jedoch werden viele der Winterthurer Etablissements kaum auf den ersten Blick erkennen: ein Idealzustand.
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