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Wenn sich das horizontale Gewerbe vertikal ausbreitet
Ein Rundgang im „City Tower“ – Unternehmer Ernst Panzer realisiert das Turmhaus im Jahr 1965
FRIEDRICHSHAFEN
Es ist das höchste Wohngebäude in Friedrichshafen, es prägt maßgeblich die Silhouette dieser Stadt. Es könnte ein Wahrzeichen sein, doch stolz ist keiner darauf. Es werden viele Geschichten erzählt, doch sprechen möchte keiner darüber – nur hinter vorgehaltener Hand. Die Rede ist vom „City Tower“, besser bekannt als das „Panzer-Hochhaus“. Warum dieses Haus eine Mauer des Schweigens umgibt? Weil sich das horizontale Gewerbe dort in den vergangenen Jahren vertikal ausgebreitet hat.
Wer etwas über das „Panzer-Hochhaus“ wissen will, probiert es zuerst bei der Hausverwaltung. „Was für eine Geschichte wollen Sie schreiben? Eine positive oder eine negative?“, lautet die erste Frage einer jungen Dame. Ihr Gesprächsbedarf ist begrenzt, das Telefonat schnell beendet. Ähnlich verhält es sich mit Angehörigen des Bauherrn – auch sie möchten nichts sagen. Andere, die etwas mit dem Haus zu tun haben, äußern sich, möchten ihre Aussagen und ihren Namen aber auf keinen Fall in der Zeitung lesen. Ein Wohnungseigentümer beschreibt die Zustände im „Panzer-Hochhaus“ schlicht als „Albtraum“, bevor er den Telefonhörer auflegt
Sehr aufschlussreich ist es, den Begriff „Panzer-Hochhaus“ im Internet zu googeln. Die Suchmaschine spuckt etwa 700 Treffer aus. Beim Überfliegen stellt sich heraus, dass sich ungefähr 99 Prozent davon um ein Thema drehen: Prostitution. Wie viele der 38 Wohnungen entsprechend genutzt werden, kann man nur schätzen – es dürften mehr als ein Drittel sein. Das ist zwar für alle anderen Mieter ein Ärgernis, machen lässt sich dagegen aber nichts – gegen die sogenannte private Wohnungsprostitution kann das städtische Ordnungsamt nicht einschreiten. „Nach der derzeitigen Rechtslage hat die Stadt Friedrichshafen keinen Handlungsspielraum. Es ist kein Bordell oder bordellartiger Betrieb, sodass wir keine Genehmigung erteilen müssen“, teilt die Verwaltung auf Anfrage der Schwäbischen Zeitung mit. „Die Damen wohnen und arbeiten dort. Über die Situation sind wir natürlich nicht glücklich.“
Ein Hausbesuch: Die Türen an beiden Eingängen stehen sperrangelweit offen. Vor den Briefkästen im Eingangsbereich liegt ein Stapel Prospekte. Bei vielen Klingelschildern fehlt der Name, stattdessen steht dort nur eine Wohnungsnummer. Wer die graue Betontreppe hochschreitet, erkennt schnell, dass nicht nur der Ruf des Hauses ramponiert ist. Abgewetzte Böden, offenliegende Leitungen und ein schmuddeliger Anstrich, wie man ihn eher in einem ostdeutschen Plattenbau erwartet. Gleich um die Ecke locken bei Zimmer Wohnung 101 „Mee“, „Nischa“ und „Gagi“. Durch eine schwere Eisentüre geht’s in einen dunklen Gang, durch den laute Fernsehgeräusche eines Nachbarn dröhnen. Einen ungewöhnlichen Einblick gibt’s im 3. Stock bei Wohnung 301. Schnell wirft „Lili“ – so steht’s zumindest an der Klingel – die offenstehende Türe zu, als sie bemerkt, dass da einer nur schauen will.
Einstmals eine Topadresse
In den 60er-Jahren war das „Panzer-Hochhaus“ die Top-Adresse in der Häfler Altstadt. Wer am Buchhornplatz 15 eine Wohnung kaufen wollte, musste ein dickes Portemonnaie haben und sehr gute Beziehungen zum Bauherrn, einen guten Leumund sowieso. Wie konnte es dazu kommen, dass sich die Prostitution dort einnistet und wie ein Krebsgeschwür ausbreitet? Wann hat diese Entwicklung begonnen? Einer, der sich mit dem Haus auskennt, erinnert sich, dass es Mitte der 80er-Jahre begonnen haben muss. Seitdem habe „das Gewerbe“ kontinuierlich zugenommen.
Es muss sich etwas ändern im „Panzer-Hochhaus“, finden viele Bewohner. So wurde das Thema Prostitution bei der Eigentümerversammlung vor zwei Wochen mal wieder erörtert – heraus kam bei der Debatte, dass man erneut Hilfe bei der Stadt suchen wolle. Ob allerdings alle an einem Strick ziehen, ist die große Frage. Die Interessenlage ist unterschiedlich, denn mit den Damen wird auch ordentlich verdient.
Zurück in den „City Tower“: Wer das Treppenhaus hinaufsteigt, sieht immer das gleiche Bild: eindeutige Namens- und Klingelschilder, graue Linoleumböden, die vermutlich noch aus dem Jahr 1965 stammen, Schmierereien an den Wänden. Richtig gut in Schuss ist nur der Aufzug, der vor zwei Jahren erneuert wurde. Die oberen beiden Etagen sind mal wieder verrammelt. Innerhalb von zwei Jahren hatten sich hier ein türkisches und ein persisches Restaurant versucht. Vor zwei Monaten flüchtete der Besitzer einer Shisha-Bar – er lässt ausrichten, dass er böse Geister gesehen hatte.
http://www.schwaebische.de/region/b....reitet-_arid,5238567.html
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