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 Aoife Aoife setzt sich aktiv für die Rechte von SexarbeiterInnen ein
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BeitragVerfasst: 2010-07-21, 23:14  Beitrag #1/14     Titel:  Legalisierung und Preisverfall?  Nach untenNach oben

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softeis hat folgendes geschrieben:
hi motti 006.gif

da bist du ja gegenüber mir, was die erfahrung angeht schon ein alter hase obwohl ich knapp älter als du bin.

ich musste grade dran denken, berlin, münchen, das preisgefälle. je offener und gefahrloser (in sachen justizia) wir arbeiten können incl. des damit verbundenen grösseren angebotes, desto niedriger sind die preise, so kommt es mir vor.

wäre ich also einer dieser oberen 5 in M so müsste mir die bayerische, mittelalterliche gesetzgebung eher willkommen sein als andersherum.

nur so gedanken die mir grade durch den kopf schießen.

gruß nach B 008.gif


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Ariane hat folgendes geschrieben:
@softeis; ja sehe ich ähnlich, was die Kalkulation von Liberalisierung und Honorar betrifft; allerdings trifft dies vor allem auf Berlin zu, eine eh schon etwas rückständige und arme Region, historisch betrachtet; seit 1990 ist hier der Teufel los, im Sinne, daß die Preise extrem gefallen sind, während der Anspruch an Services gestiegen ist; habem mir auch altgediente Häsinnen aus dem Gewerbe gesagt, die sich zur Ruhe gesetzt haben; ich kam einfach zu spät. Üblich waren in alten Westberliner Zeiten min. 20.000 DM/Monat, Hamburg ähnlich; leider haben wohl sehr viele Zuhälter die Hand aufgehalten, aber die Preise und Service standen in einem vernünftigen Verhältnis im Gegensatz zu heute, die Kasper-Frequenz relativ klein, AO gab es wohl verbreiteter, insbesondere vor der Kenntnisnahme von HIV, die Grenzen zwischen Huren und Freier klar definiert; seit 1990 ist die Zahl der Sexworker in der Hauptstadt explodiert; in wirtschaftlich stärkeren Regionen wie BW/Bayern (letzteres z.B. FO Verbot, Sperrbezirkverordnung) sind die Preise noch teilweise stabil, aber die sog. Flatrate-Bordelle machen ebenfalls die Runde und gewöhnen viele Kunden auf Blow Job to Go für 20€ ein; und in Teilen der Schweiz, legal mit Arbeitserlaubnis, sind die Honorare auch teilweise schon im Keller.

Was meine finanzielle Situation als SW in Berlin betrifft, sieht es generell mau aus; nicht nur weil die meisten Männer das Klischee begehren, für n Appel und ein Ei, DD, Anfang 20, French Manicured, Extension und Stulle, sondern, weil sie keine echten, selbstbestimmten Schneewittchen-Tittchen tragenden feministischen und queer-porn vergötternden, verbildeten BJ-Weltmeisterinnen, sexuell fordernd und gebend, abkönnen; die sind ihnen schon vom virtuellen Eindruck zu "anders", das passt nicht ins patriarchiale Rollenverständnis und Grundkonzept des Hinhaltens; dabei kann nur eine "starke" Frau sich im Bett wirklich fallenlassen, aber das ist ja auch im Regelfall nicht erwünscht, bezogen, was ich in den letzten Jahren virtuell gelesen habe.

Ich glaub manchmal, daß die ganze Diskutiererei in Freierforen, Callgirl-Beichten in Blogs und Büchern sowie die Berichterstattung in den Medien auch den ganzen Reiz von P6, das Verruchte, Faszinierende und Anziehende kaputt quatscht, die Foren-Aktiven werden auch für die lesenden Huren selbst uninteressant, wenn da permanent herumpsychologisiert wird; Narzisst & Mindfucker sind auf dem Vormarsch, die keine Grenzen kennen und jeden privaten Furz noch riechen wollen.

Das sog. Rotlicht müsste wieder roter glühen, komplett raus aus der elenden Diskursivierung ungestillter Lüste , aber dafür mit rechtlichen Rahmenbedingungen angereichert werden, daß man ohne grosse Probleme der Tätigkeit nachgehen kann und das "Geheimnis" dabei wahrt. Der Staat ist es schliesslich den steuerzahlenden Sexworkern schuldig, daran mitzuwirken.

Politisch und selbstbestimmt als Hure laut sein wirkt oft so furchtbar asexuell und spassbefreit auf meine Leser (in manchen FForen und Blogs, wie mir berichtet wurde), wie Gummis auf Männer mit Latexallergie bzw. Sexwork nach harter Arbeit für viele klingt *g*. Dabei ist der Spass an dieser Tätigkeit genau dass, wofür wir kämpfen, der m.E. nur unter den Rahmenbedingungen der Selbstbestimmung möglich ist.
Irgendwie ein Paradox.

Sorry Motti, passt nicht in deinen Vorstellungsthread, aber ich fand Softeis Gedanken nachdenkenswert. Vielleicht ein eigenes Thema wert.


Ariane's Vorschlag, hieraus einen neuen tread zu machen, scheint mir verfolgenswert 001.gif

Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob der öffentliche Bereich dafür wirklich geeignet ist, falls entsprechende Wünsche bestehen, können wir das Thema gerne auch *geschützt* diskutieren. Im Hinblick auf die erhoffte Meinungsvielfalt habe ich trotzdem einmal hier angefangen ...

Meine persönliche Meinung: Wir verkaufen nach wie vor Stigma. Durch die liberalere gesellschaftliche Einstellung zur Sexualität sogar in höherem Maß als früher. Warum sollte jemand Geld für Sex bezahlen, wenn er ihn in jeder Disko kostenlos haben kann? Ich sehe das so: Männer zahlen für Sex mit mir, weil sie ihn *mit mir* wollen, obwohl sie von ihren Freunden und Familie niemals mit mir gesehen werden wollten. Der "Reiz des Verbotenen" 002.gif

Zur Stützung der Preise jetzt aber neue gesetzliche Einschränkungen zu fordern halte ich für äußerst kritisch. Natürlich wird in romantischer Erinnerung an *die guten alten Zeiten der Sittenwidrigkeit* auch dieser Weg gewählt, mir persönlich scheint er aber allenfalls kurzfristig gewinnbringend zu sein. Was die juristische Seite unseres Berufs angeht, so setze ich mich für völlige Entkriminalisierung ein, auch wenn ich mir durchaus bewußt bin, dass die gesellschaftliche Außenseiterrolle notwendig ist, um Geld zu verdienen.

Auch wenn die Situation sich somit höchst komplex darstellt - ich bin überzeugt, dass wir sie besser verstehen und dann in ihr (auch finanziell) erfolgreicher und sicherer arbeiten können, wenn wir uns über die Unterschiede zwischen staatlicher Kriminalisierung und gesellschaftlicher Stigmatisierung bewußt werden.

Liebe Grüße, Aoife, die sich auf eine anregende Diskussion freut 003.gif


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Verfasst: 2010-07-21, 23:14  Beitrag #     Titel:  Nach untenNach oben

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BeitragVerfasst: 2010-07-22, 03:42  Beitrag #2/14     Titel:  IAC 2010  Nach untenNach oben

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- außer Konkurrenz -


;-)


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BeitragVerfasst: 2010-07-22, 14:19  Beitrag #3/14     Titel:  Re: Legalisierung und Preisverfall?  Nach untenNach oben

Aoife; ich beziehe mich auf folgende Aussagen:
Wir verkaufen nach wie vor Stigma.

Ja.

Durch die liberalere gesellschaftliche Einstellung zur Sexualität sogar in höherem Maß als früher.

Nein, sehe ich nicht, eher eine gnadenlose Doppelmoral, die nimmt und gleichzeitig verurteilt.

Warum sollte jemand Geld für Sex bezahlen, wenn er ihn in jeder Disko kostenlos haben kann?
Nicht alle sind gutaussehend oder haben das Selbstbewußtsein, um bei Frauen zu punkten. Das sind meist auch die, die Huren abwerten in entsprechenden Berichten und sich aufblasen. Zwei Mods von Freierforen erzählten mir mal, nachdem sie viele Forentreffen u.ä. hinter sich hatten und ähnliche Veranstaltungen, wo Aktive/User sich treffen -, daß viele realiter kleine Würstchen sind, oft keinen Stich machen können, noch nicht einmal bei einer bestimmten Hure und sich virtuell dann aggressiv daran abarbeiten. Und dies waren Treffen, wo keine Frau dabei war.

Viele Männer sind verpaart, verheiratet, da läufts im Bett oft nicht mehr so gut, auch gehen viele ab einem gewissen Alter nicht mehr in Diskos/Clubs.

Auch während Geschäftsreisen lassen sich viele verwöhnen, fern von daheim, weil diskreter. Umso entspannter treffen sie in der Heimat ein.

Davon abgesehen, ich glaub, daß Menschen wie die meisten Tiere, Affen promiskuitär veranlagt sind und die Kultur/Kirche einem die Natur auszutreiben versucht und Monogamie und Kontrolle verordnet; diese Gesetze sind auf Dauer nicht durchzuhalten, weder Kindern noch der lieben Partnerin zuliebe. Bedürfnisse müssen artgerecht umgesetzt werden. Dies ginge auch ohne Stigma, nämlich umgekehrt, durch eine Aufwertung von Erotik generell, auch bezahlter Natur. Diesen Gedanken finde ich interessanter, als Klischees zu bedienen und aufgrund der Stigmatisierung dankbar zu sein, damit Geld zu verdienen. Ich bin volle Bürgerin dieses Landes, in der Mitte angesiedelt, an keinem Rand, zahle Steuern und tue viel Gutes für meine Mitmenschen. Nicht nur in sexueller Hinsicht.


Zur Stützung der Preise jetzt aber neue gesetzliche Einschränkungen zu fordern halte ich für äußerst kritisch.

Wo wurde das denn hier gefordert?

Natürlich wird in romantischer Erinnerung an *die guten alten Zeiten der Sittenwidrigkeit*

Romantisch waren die Frauen nicht, zumeist BordellbetreiberInnen und einige Kolleginnen, wo ich regen Austausch pflegte (auch als ich dort nicht mehr gewerkelt habe), sondern realistisch, was ihre Einnahmenseite betrifft: sie meinten allesamt, daß sie sich bzgl. der Service-Ansprüche unter Druck fühlen, weil es die Kunden einfordern mit dem Hinweis, daß es die meisten ausländischen Kolleginnen auch anbieten. Auch seien aufgrund der Vielzahl von Anbieterinnen, ob ausländische Konkurrenz oder deutsche Hartz IV Hausfrauen, ob Bordell, Agenturen oder unter Hobby/Privat zunehmend die Einnahmenseite gesunken bzw. etablierte Preise (die sich zuvor schon jahrelang nicht erhöhten) kaum mehr durchsetzbar.

***

Liberal, was heisst denn das? Das Prostitutionsgesetz ist in der Praxis in den verschiedenen Bundesländern unterschiedlich umgesetzt, teilweise mangelhaft.
(Neo-)Liberal heisst auch die Wirtschaftsordnung, die offenen Grenzen und der Eroberung neuer Märkte das Wort redet, Preis- und Lohndumping, eine weithin ungerechte Wirtschaftsordnung, die Migrationsdruck erzeugt. Preis- und Lohndumping ist nur eine Konsequenz, nützt zumindest den Stärkeren und man redet sich gern darauf hinaus, daß der Markt schon alles regelt. Klar, wenn Leute von ihren Einkünften/Löhnen kaum mehr leben können und Leistungen beantragen wissen, umgekehrt die Lohnaufstocker, die Minijob-Politik.
Die Idee eines Betriebsrats, wie Marc an anderer Stelle einwarf, funktioniert ja nur mit funktionierenden Vereinigungen, Gewerkschaften, die bspw. eine Tarifierung durchsetzen könnten. Verdi verfügt ja über eine dafür vorgesehene Abteilung, aber kaum eine Swler weiss davon bzw. ist aufgrund des Schutzes der eigenen Anonymität daran interessiert, dem Club beizutreten. Selbst wenn es eine funktionstüchtige Gewerkschaft geben würde, gäbe es weiterhin einen nicht regulierten Markt und sog. Schwarzarbeit in diesem Gewerbe, auch keine ausreichenden Sicherheitsmassnahmen, die vor Ausbeutung schützen.

Liberal mögen vielleicht die Einstellungen mancher Mitbürger sein, was die Thematisierung von Sexualität im allgemeinen betrifft; man hört ja manchmal bei Umfragen beim Volk auf der Strasse, daß es "Prostituierte geben muss, sonst gäbe es mehr Vergewaltigungen" (eine nachweislich falsche und weitverbreitete Grundannahme, die kolportiert wird) bzw. "Prostituierte sind ja auch nur Menschen"; im mittel-bis höherpreisigen Escortsegment und die damit verbundenen Diskussionen in Foren bekommt man schnell den Eindruck, daß man das Tabu gerne sucht, aber gleichzeitig nicht mit sog. stigmatisierten Randgruppen und die Einbildung, daß man sich durch höheres Honorar dieses Stigmas entledigt und gleichzeitig einbilden kann, man hätte es nur mit selbstbestimmten Frauen zu tun. Eine permanente Doppelmoral, die da ausgelebt wird. Ähnlich auch die Fragen an die weibliche Seite in Foren und in deren Antworten viele Anbieterinnen leicht ausrutschen und dazu neigen, sich angepasst zu verhalten.
Wenn man bereit ist, sich privat zu outen, wie in meinem Falle, kommen immer die gleichen Fragen, ähnlich wie wenn man auf einer Party einen Arzt oder Psychologen kennenlernt, dem man erstmal seine Wehwehchen klagt. Obwohl über Sex und Sexarbeit in den Medien allenthalben, meist reisserisch berichtet wird, schauen sie einen mit grossen Augen an, der Rotz läuft den meisten aus dem Mund und man muß sich auf zig Fragen gefasst machen, die den Kenntnisstand der Yellow Press widerspiegelt. Erst neugierig, fasziniert, dann moralisch urteilend, dann Opfer, in dieser Reihenfolge, denkt man von Fragestellerseite laut über Ausstiegsfragen nach und wie man mir helfen könnte, obwohl ich weder Hilfe anfrage, noch den Eindruck eines Opfers vermittel. Die können sich garnicht vorstellen, daß SW nur einen Teil des Lebens ausmacht; nach den anderen Tätigkeiten, die man auf die übliche Frage "was machst du?" ebenfalls erwähnt, wird garnicht eingegangen, zusehr quält die Fragesteller der voyeuristische Stachel. Die lachen sich kaputt, wenn man erzählt, daß einige SW sich politisch auf dieser Spielwiese engagieren und man muss sie darüber aufklären, daß es selbstbestimmte SWs gibt, die nicht nur aus Not werkeln, sogar Freude an ihrem Tun empfinden, erklären, daß Ausbeutungsverhältnisse, Zuhälterei hauptsächlich auf mangelnde Rechtssicherheit beruhen etc. pp.

"Die Sexualität zum Reden bringen" (Bsp. der Diskursivierung der Macht, siehe Michel Foucault): Ich hab den Eindruck gewonnen, daß durch das medial vermittelte gesellschaftliche Gespräch und Bilderwelten ein enormer Druck auf Männer wie Frauen ausgeübt und kontrolliert wird, damit weibliche und männliche Selbstbilder und der Druck entsprechend zu gefallen/auszusehen, zu funktionieren. Es sind ganze Industrien/-zweige, Medien, Medizin, Kosmetik- und Pharmaindustrien rund um Anti-Ageing entstanden, die an der geschürten Angst vor Alter, nachlassender Potenz kräftig mitverdienen. Heutzutage wollen ja viele Frauen aussehen wie ein Pornstar oder dem Klischee einer Prostituierte entsprechen; angeblich, um nur sich selbst zu gefallen. 005.gif Wenn alle bald ihre private Silikon-Mutti zu Hause haben, brauchts man wohl nicht mehr ins Puff gehen. Vielleicht der ästhetische Versuch, die bezahlte Konkurrenz auszuschalten - sei es Hure oder Geliebte. 005.gif Obwohl die Männer den Unterschied zwischen einer echten 20 Jährigen und einer mit Botox zugespritzten Maske schon zu unterscheiden wissen. 002.gif


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BeitragVerfasst: 2010-07-22, 16:42  Beitrag #4/14     Titel:  Re: Legalisierung und Preisverfall?  Nach untenNach oben

Hallo Ariane,

vielen Dank für deine ausführliche Antwort, die ich erst einmal ausführlich durchdenken muß.

Insgesamt hab ich nach dem ersten Durchlesen den Eindruck, dass du eher mit einer idealen Gesellschaft argumentierst, während es mir darum ging, wie wir hier und jetzt Geld verdienen können. Doppelmoral beispielsweise existiert einfach, und ist auch nicht durch eine UNO-Eingabe abzuschaffen. Grundrechtsverletzungen durch Behörden hoffentlich schneller, das weiterbestehende Stigma ist aber IMHO schon eine wichtige Basis, um "Geld dafür verlangen" zu können. Oder, um es mit einem Beispiel zu verdeutlichen, wenn Sex in einer Gesellschaft so selbstverständlich ist wie ein freundliches "Guten Morgen", dann werden wir ebenso wenig Geld dafür bekommen können. Auch die von dir erwähnten typischen Freierforentummler sind ja Folge der Doppelmoral und des gesellschaftlichen Stigmas.

Konkret jetzt nur zu einem Punkt:

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Ariane hat folgendes geschrieben:
Zur Stützung der Preise jetzt aber neue gesetzliche Einschränkungen zu fordern halte ich für äußerst kritisch.

Wo wurde das denn hier gefordert?


Beispielsweise hier: http://www.sexworker.at/phpBB2/viewtopic.php?p=77040#77040

Die Forderung ist zwar in die vorgebliche Sorge um die allgemeine Gesundheitspolitik verpackt, aber sachlich diesbezüglich so absurd, dass nur der romantisierende Wunsch nach "guten alten Bockschein-Zeiten" als Motivation in Frage kommt.

Liebe Grüße, Aoife


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BeitragVerfasst: 2010-07-22, 18:54  Beitrag #5/14     Titel:  RE: Legalisierung und Preisverfall?  Nach untenNach oben

Zitat:
Nein, sehe ich nicht, eher eine gnadenlose Doppelmoral, die nimmt und gleichzeitig verurteilt.


Ariane, die treffsichere.

Meinst du damit die Regierung oder das Volk? In Hinblick auf die Regierung wirkt die Aussage "gnadenlose Doppelmoral" wohl noch beschönigend.

Im Grunde kann ich mich an dieser Diskussion gar nicht so gut beteiligen, weil mir zeitliche Erfahrungswerte fehlen. Ich habe nur aus Informationen ganz profane Vergleiche angestellt. Preise Berlin, Gesetze Berlin; Preise München, Gesetze Bayern; Verdienste Frankreich, Gesetze Frankreich usw...

und kam zu der Meinung dass beides irgendwie Hand in Hand geht weil vermutlich durch gesetzliche Abschreckung die Mitbewerberzahl sinkt, sw sich das höhere Risiko resp. den höheren Aufwand, sowie auch die gesellschaftliche Herabwürdigung mit Recht honorieren lässt.

Was bei uns in D aber jetzt läuft ist genau das Problem das Ariane so treffend beschreibt. Einerseits sind wir legal (wir zahlen Steuern und können uns krankenversichern) und andererseits sind wir kriminell. Das ist pervers. Also entweder oder, aber nicht beides.

Preis verfällt, Zuhälter Staat nimmt 60% von wenig, abzgl. Kosten, also bleibt von der Stunde 30 Euro? Ist wenig für eine kriminelle wie mich, oder?

Es ist der Weg unserer Ausrottung über die Gesetze der Marktwirtschaft.

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BeitragVerfasst: 2010-07-23, 19:29  Beitrag #6/14     Titel:  (Kein Titel)  Nach untenNach oben

Ich sehe keine Zusammenhang zwischen Liberalisierung in der Sexarbeit und dem Preisverfall. Der Preisverfall ist eine Folge der Globalisierung - Ariane hat es treffend formuliert.

Es ist natürlich nicht in Ordnung, wenn "der Staat" auf der einen Seite die moralische Keule schwingt, den SW Rechte verwehrt und auf der anderen Seite Steuern und Abgaben kassiert. Auch Kirchensteuer! Was der "Vater Staat" aber auch schon vor 2002 getan hat - denn die Einnahmen aus Prostitution waren trotzt Sittenwidrigkeit voll steuerpflichtig (§40 Abgabenordnung). "Das Düsseldorfer Verfahren" gibt es schon seit 1966!

OFF:
Grundlegende Informationen zur Besteuerung für ein verschwiegenes Gewerbe 2010
50 EUR für 15 min Handentspannung


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BeitragVerfasst: 2010-07-23, 19:52  Beitrag #7/14     Titel:  (Kein Titel)  Nach untenNach oben

          Image
Lupus hat folgendes geschrieben:
Ich sehe keine Zusammenhang zwischen Liberalisierung in der Sexarbeit und dem Preisverfall. Der Preisverfall ist eine Folge der Globalisierung - Ariane hat es treffend formuliert.


Genau, Lupus, und deshalb spreche ich mich so dezidiert gegen Wünsche "die Uhr zurückzudrehen" aus, wie sie hier im Forum beispielsweise von Eiskönigin propagiert wurden.

Der Denkfehler liegt IMHO darin, die Preisentwicklung fälschlicherweise nicht auf die Globalisierung, sondern auf die Liberalisierung zurückzuführen.

Liebe Grüße, Aoife


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BeitragVerfasst: 2010-07-24, 12:21  Beitrag #8/14     Titel:  RE: Legalisierung und Preisverfall?  Nach untenNach oben

ich denke schon, dass liberalisierung und preissenkung miteinander zu tun haben. vielleicht ähnlich wie alkohol in der prohibition, auch wenn dienstleistung und ware schlecht zu vergleichen ist.

trotzdem: lieber verdiene ich / die branche etwas weniger und die achtung sexarbeitern gegenüber, die ja mit liberalisierung einhergeht, steigt.

lieben gruß, annainga


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BeitragVerfasst: 2010-07-24, 15:16  Beitrag #9/14     Titel:  (Kein Titel)  Nach untenNach oben

Ich denke, dass der größte Teil des Preisverfalls an der Globalisierung liegt, dh, an den Wanderarbeitern, die einfach ein paar Monate woanders runterreißen. (Ungarinnen in Ö und D, Deutsche in CH) Durch die Liberalisierung gibt es neue Werbeplattformen, SW die eigenartiger Weise mit Gesicht inserieren, aber eben relativ wenig Gelegenheits/Wochenend-SW (Studentinnen, Azubinen), denen so nur der Einstieg erleichtert wird.
Andererseits sinkt die Kaufkraft der Kunden: Zeitarbeit, Arbeitslosigkeit und Abwanderung, wären Gründe dafür - was aber nichts über den Bedarf sagt, der ist immer da.
Preisverfall ist nachdem was ich so aus der Werbung herausgelesen habe noch das Normalste, sobald sich die Preise nicht mehr drücken lassen (können) passiert böseres:
1. SW zieht sich ins Privatleben zurück (gut muss nicht daran liegen, stimmt)
2. SW bietet FO an, (wie alle anderen) obwohl sie es nicht will/um die Gefahr weiß
3. FO gegen AV ausstauschen
4. nun AV gegen AO mit aktuellem HIV-Test austauschen (wenn ich das hier richtig gelesen hab, bleibt der Test nach Infektion in einem gewissen Zeitraum negativ..?)
5. mein persönliches Highlight aus Berlin: biete FO, GV,AV AO an mit aktuellem Blutspendeausweiß... zu 60-75% des hier üblichen Stundenlohns
(Das ist ein Insiderwitz. Mich stört nicht der Preis. Ich fahr auch nicht nach Berlin, weils da billiger ist. Nebenbei würde ich es in Berlin nicht aus der Simon-Dach-Str. rausschaffen...
Die Pointe ist folgende: wenn man Blutspenden geht unterschreibt man dafür, dass man weder Häftling, Homosexuell, Prostituierte ist und auch in den letzten 4 Monaten mit keinen von denen "sexuellen" oder "Intimkontakt" hatte. Bei der Haema AG steht unter "Intimkontakt" zB den selben Waschlappen benutzen.
Sollte also der Empfänger des Blutes/Blutprodukte an Hepatits, HIV erkranken oder sterben, wird das ganze im besten Fall zurückverfolgt und man bekommt eine Anzeige wegen Körperverletzung oder fahrlässiger Tötung.

Ja ok, da ist ein bisschen viel Was-wäre-wenn drin... aber im Kern stimmts: ich kann Blut spenden gehen, gehe zu einer SW, nutze das Angebot AO und bekomme 2 Wochen später, wenn ich Glück hab, den Anruf dass mein Blut HIV hat.)

Schlimmer als der Preisverfall denke ich ist der Sittenverfall, und damit meine ich ganz explizit uns Kunden, die dann eine Frau kaufen wollen, unbedingt AO wollen oder eben dann die Grenzen nicht begreifen. Wobei letzteres besonders für die WochenendSW die mit Fotos aus dem Privatleben werben böse wird. Nebenbei provoziert diese Art der Werbung auch die Kondompflichtbeführworter.
@Annainga: Man kann beides gewissermaßen doch vergleichen: wer trinkt fährt nicht und wer zu einer SW geht nimmt ein Gummie und feilscht nicht. *Rabattaktionen für Stammkunden sind sicher immer gern gesehen


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BeitragVerfasst: 2010-07-25, 17:17  Beitrag #10/14     Titel:  (Kein Titel)  Nach untenNach oben

          Image
Leu hat folgendes geschrieben:

@Annainga: Man kann beides gewissermaßen doch vergleichen: wer trinkt fährt nicht und wer zu einer SW geht nimmt ein Gummie und feilscht nicht.


sorry ..... verstehe ich nicht.


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BeitragVerfasst: 2010-09-20, 23:34  Beitrag #11/14     Titel:  (Kein Titel)  Nach untenNach oben

Ah ich meinte, dass es gewisse Tabus geben sollte die anerkannt sein sollten. Wie eben die Trinken und Fahrensache.
Gut das war blöd ausgedrückt.


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BeitragVerfasst: 2010-09-21, 06:38  Beitrag #12/14     Titel:  (Kein Titel)  Nach untenNach oben

ich verstehe deinen vergleich schon, und auch deine meinung zum sittenverfall der kunden hat mir gefallen.

im übrigen glaube ich nicht dass eine legalisierung auch einen preisverfall nach sich ziehen muss, ganz im gegenteil.
SW, in verantwortungsvoller und fairer art dargeboten, ist eine sehr anspruchsvolle und wertige tätigkeit (nebenbei freiberuflich mit allen bekannten abzügen) die sich bei den honoraren in etwa am stundensatz eines unternehmensberaters/arztes/therapeuten orientieren sollte, alles ja ebenfalls legale tätigkeiten 002.gif
und um diesen beruf achtsam und verantwortungsvoll gegenüber den kunden aber auch sich selbst auszuüben muss er entsprechend honoriert sein, man darf nicht gezwungen sein x gäste im schnellverfahren durchzuschleusen nur um erst mal die unkosten des tages hereinzuholen.
durch solcherlei dumping bleibt erst die freude am beruf und schliesslich auch die körperliche und psychische gesundheit auf der strecke, das kann es ja wohl nicht sein.

die legalisierung des sw (ist ja auch das mindeste, schliesslich schaden wir ja niemandem) wie auch ein angemessenes honorar bringt für mich das gleiche zum ausdruck: die anerkennung einer sehr wichtigen, schönen und hochwertigen dienstleistung.


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BeitragVerfasst: 2010-09-21, 08:45  Beitrag #13/14     Titel:  (Kein Titel)  Nach untenNach oben

hi wave.gif bin auch mal wieder hier.

ich verstehe den vergleich von @ leu auch, und @ malin, du drückst aus wie es sein sollte. das mache ich auch gerne :-) die frage ist jedoch ob es so ist wie es sein sollte.

die von dir genannten berufe durchlaufen viele semester und am ende wird promoviert. das in der ausbildungsphase entgangene gehalt/einkommen wird gerne zur legitimierung späterem hochverdienstes verwendet.

sw´s haben da rein beruflich gesehen nichts gleichwertiges entgegen zu setzen. nichts was der normalo anerkennen wollen würde.

aus sicht der meisten männer ist sexwork einfach nur beine spreizen. dazu braucht es keine weiteren fähigkeiten, sagt der mann. dass wir unsere intelligenz gar nicht zeigen dürfen soweit denkt doch kaum einer. die extrovertierte darstellung der dummen ficke läuft doch schon immer gut bzw. der kunde muss halt immer in dem glauben gelassen werden er ist der bessere und intelligentere, der stärkere. er will sich ja nicht minderwertig fühlen sondern männlich. nur spieldevote männer, die echte innere stärke besitzen brauchen es nicht, andere abzuwerten.

ich bekomme oft mails mit folgendem inhalt: ich suche (verzweifelt) eine feste partnerin, ich würde "sogar" deinen job akzeptieren wenn es denn gar nicht anders geht.

ich meine, was sagt das wohl aus? ich frage ab und zu einfach kurz zurück, was denn an meinem job so schlimmes dran wäre. damit endet natürlich die kommunikation abrupt :-)

das ist nun mal die durchschnittliche, öffentliche meinung. sw´s sind arme, dumme dinger ohne perspektive und in der überzahl sind sie kriminell. die regierung fördert dieses bild so gut es geht, und die meisten kunden brauchen dieses bild um sich nicht minderwertig zu fühlen.

wenn jemand etwas nicht hören will dann hilft eben nichts, deshalb wird sich an unserem ansehen wenig ändern.

verknüpfung mit dem threadthema: legalisierung könnte bedeuten dass zwar die akzeptanz etwas besser wird, der preis "im kopf" aber sinkt, denn wir sw´s erbringen ja keine besondere leistung. "ich studiere 30 semester und die kleine ficke macht mit 18 jahren die beine breit und verdient mehr als ich. und die darf das auch noch ganz legal". natürlich gibts auch noch andere gründe, das thema ist ja nahezu unterschöpflich.

nun bin ich wieder weg und widme meine zeit dem finanztechnischen staatssyndikat.

008.gif


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BeitragVerfasst: 2010-09-21, 10:49  Beitrag #14/14     Titel:  (Kein Titel)  Nach untenNach oben

Hier bei uns in den Niederlanden hat die Legalisierung nicht zum Preisverfall geführt, ja, man würde sogar fast meinen, im Gegenteil. Dieser Preisaufschwung hat hier aber eher mit dem Umstieg auf den Euro zu tun gehabt. Der Wechselkurs Gulden:Euro war ja nicht 2:1 wie bei der DM, sondern etwa 2,21:1. Der wurde aber gehandelt als 2:1, und so wurden gerade auch in der Sexarbeit die Preise im Nu überhöht.

Die Legalisierung aber fand zwei Jahre zuvor statt: Sofern ich mich erinnere, hat das damals die Preise nicht beeinflusst.

Und auch bislang gibt es hier überhaupt keinen Preisverfall, Globalisierung hin oder her. Es kann aber sein, dass es in Deutschland vor der Legalisierung der Anteil von Ausländerinnen eher beschränkt war. Da kann ich nicht darüber beurteilen, denn zu jener Zeit war ich als Kunde nie in Deutschland unterwegs. Hier allerdings hat es schon wenigstens seit Ende achtziger Jahre Frauen aus Lateinamerika, Thailand, bald auch Osteuropa gegeben. Die Preise sind damals aber gleich geblieben.

Daher denke ich, man kann wenigstens nicht generell auf solche Kausalverbände schliessen.


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